Bundesliga

Hertha kämpft gegen den Fluch des Saison-Endspurts

Wie Hertha mit dem Desaster von Mönchengladbach umgeht und Gedanken an eine Krise erst gar nicht aufkommen lassen will

Hertha-Trainer-Pal Dardai (re.) im Einzelgespräch mit Vedad Ibisevic

Hertha-Trainer-Pal Dardai (re.) im Einzelgespräch mit Vedad Ibisevic

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Zunächst lief Pal Dardai in der Gruppe mit seinen Co-Trainern Rainer Widmayer und Admir Hamzagic. Später wechselte der Chefcoach und führte Einzelgespräche während des Auslaufens. Mit Stürmer Vedad Ibisevic ging es bereits um das nächste Spiel am Freitag gegen Hannover 96. Mit Rune Jarstein sprach Dardai über den Tag zuvor. Über den ersten Tiefpunkt der Partie, die Hertha bei Borussia Mönchengladbach mit 0:5 verloren hatte. „Rune weiß, dass er diesen Pass nicht spielen darf. Da hätte er den langen Ball schlagen müssen“, sagte Dardai. Gleichzeitig war ihm die Schaukelbewegung wichtig, mit der er insgesamt die desolate Vorstellung im Borussia Park einschätzte. „Auch ein Torwart macht Fehler, deshalb kein Vorwurf an Rune. Schaut man sich seine Leistung insgesamt an, muss man sagen: Er macht das richtig gut.“

Dardai hatte wenig geschlafen in dieser Nacht. Die Mannschaft war am Sonntag um 22 Uhr in Tegel gelandet. Auf der kurzen Fahrt im Bus vom Flieger zum Terminal runzelte Co-Trainer Widmayer die Stirn: „Das schmerzt.“ Weniger die Niederlage gegen Gladbach, einen Mitbewerber im Kampf um die internationalen Plätze, vielmehr schmerzen Hertha die Höhe der Niederlage und die Chancenlosigkeit, mit der die Blau-Weißen unterwegs waren. Dardai ­erzählte, dass er bis 1.30 Uhr nicht einschlafen konnte. „Um 4.30 Uhr war ich wieder wach, habe gegrübelt und ­Lösungen gesucht.“

Neun Gegentore gegen Mönchengladbach

Über 27 Spieltage hatte Hertha die Liga mit einer Konstanz überrascht, die niemand hinbekommt (die bärenstarken ­Bayern und Dortmund nicht mitgerechnet). Deshalb stehen die Berliner mit 48 Punkten weiter auf Rang drei. Doch just in der entscheidenden Phase eine solche Klatsche. „Ich bin nicht einverstanden, dass wir von Gladbach neun Tore bekommen“, sagte Dardai, indem er die 1:4-Heimpleite aus der Hinserie dazurechnete. „Und ich erkenne keine Verbesserungen gegen Topmannschaften.“ Egal, ob es am Ende für die Europa League oder die Champions League reichen soll: Hertha wird Punkte brauchen aus ­Duellen gegen die Großen. In der Bundesliga geht es noch gegen den FC Bayern (23. April) und Bayer Leverkusen (30. April). Zudem empfängt Hertha im wichtigsten Spiel ­der Saison, dem ­Halb­finale des DFB-Pokals im ausverkauften Olympiastadion, Borussia Dortmund (20. April).

Eine Niederlage macht noch keine Krise. Aber die Art, wie Hertha am Sonntag aufgetreten ist, bereitet Sorgen. „In so einem körperlichen Zustand gibt es keine Lösungen. Wir hatten keinen Spieler in Topform“, sagte Dardai. Um zu beschreiben, wie er seine Mannschaft gesehen hatte, benutzte der Trainer ein Bild: „Das ist so, als ob da ein Typ ist, der einen total vernünftigen Eindruck macht. Aber irgendwann kommt er nachts nach Hause, total besoffen. Seine Frau ist ­erschrocken: Was ist mit dir los?“

Dardai: Fleißig wie die Ameisen

Einmaliger Ausrutscher, das ist, was Dardai seiner Mannschaft eintrichtern will. Er sagt, die Gruppe haben einen guten Charakter. „Wir arbeiten weiter, fleißig wie die Ameisen.“ Diese Karte hatte der 40-Jährige schon vor vier Wochen nach dem 0:2 beim HSV gezogen – und zwar mit Erfolg: Im Anschluss wurde gegen Schalke (2:0) und Ingolstadt (2:1) gewonnen. Aktuell stellt sich eher die Frage: Wie ist es um das Nervenkostüm der Ameise bestellt? Hertha war seit Jahren nicht in der Situation, im April und Mai Punch-Qualitäten beweisen zu müssen. Eher im Gegenteil zieht sich durch die letzten Jahre eine Mattheit im Saison-Endspurt: 2014/15 gab es nur einen Sieg in den letzten acht Partien, 2013/14 sogar nur einen in den letzten zwölf Runden.

Dieser Abwärtsstrudel darf nicht entstehen, will Hertha im kommenden Spieljahr international dabei sein. Wie das gehen soll, war Dardai und Widmayer schon bei der Ankunft Sonntagabend in Tegel im Zubringerbus zum Terminal klar: „Normalität.“ Widmayer verwies darauf, dass die Mannschaft aus den fünf Spielen vor Gladbach vier Siege geholt hatte. So erhielten die Spieler um Kapitän Fabian Lustenberger an diesem Dienstag frei. Dardai sagte: „Jeder von denen wird überall an­gesprochen: Ey, 0:5? Ein Tag ohne Fußball ist jetzt wichtig, um den Kopf ­freizubekommen.“

Zweimal pro Woche auf dem Rasenmäher

Und der Trainer, der so schlecht geschlafen hatte? Dardai, ein begeisterter Hobbygärtner, hat neulich im Magazin „11Freunde“ erzählt, dass er zweimal pro Woche auf seinem Rasenmäher sitze („Immer dienstags und freitags. Die Nachbarn denken wahrscheinlich, ich bin nicht ganz richtig im Kopf.“). Am Montag erzählte er: „Ich rechne nicht mehr damit, dass es jetzt noch Nachtfröste gibt. Also werde ich Blumen kaufen und sie im Garten einpflanzen.“ Bei Hertha soll nicht verblühen, was in den letzten Monaten gewachsen ist.