Pal Dardai geht gern an die Grenze. Der Trainer von Hertha BSC stellt sich bei Bundesligaspielen meistens mit verschränkten Armen an das äußerste Dreieck seiner Coachingzone – dorthin, wo sein Beritt endet und der seiner Mannschaft beginnt. Wenn dann eine Aktion misslingt, dreht der 39-Jährige kopfschüttelnd ab und setzt sich zur Frustbewältigung für ein paar Wimpernschläge auf die Ersatzbank, um alsbald wieder an die Trainer-Freilauf-Grenze zu tigern.
Am Sonntag in der Hamburger Arena wurde das kleine Rasenstück zwischen beiden Punkten arg beansprucht. Die Berliner zeigten nach zuletzt zwei Siegen in der englischen Woche eines ihrer schwächsten Spiele in dieser bisher so starken Saison und verloren verdient mit 0:2 (0:0) durch zwei Treffer von Nicolai Müller. Dennoch bleibt der Hauptstadtklub mit 42 Punkten auf Tabellenplatz drei.
„In der ersten Halbzeit sind wir nicht zum Ballbesitz gekommen. Die Hamburger waren spritziger und hatten die bessere Tagesform. Vielleicht war die englische Woche ein Tick zu viel für uns“, bilanzierte Dardai.
Nachdem er am Mittwoch beim 2:0 gegen Frankfurt auf Kapitän Fabian Lustenberger verzichtet hatte, bot er den Schweizer nun wieder auf, bevor daraus wirklich ein Thema erwachsen würde. Das tat der Ungar aber nicht aus Nächstenliebe, sondern weil er gespürt hat, dass seinem Team bisweilen ein wenig Rotation guttut: Der wuselige Genki Haraguchi blieb in Hamburg draußen, und Dardai stellte von einem 4-4-2 auf das altbewährte 4-2-3-1-System um. Das bedeutete: Der Cheftrainer wollte gegen die konterstarken Hanseaten eigentlich Spielkontrolle und Ballbesitz von seiner Mannschaft sehen. Das Problem war nur, dass ihr das offenbar niemand gesagt hatte.
In der ersten Halbzeit hatten die Hanseaten zwei Drittel der Ballbesitzanteile, wussten damit allerdings lange Zeit auch nicht so recht viel anzufangen. Hertha stand hinten drin, als wäre man nicht dieser Überraschungsdritte in der Tabelle mit echten Chancen auf eine Europapokal-Teilnahme, sondern ein biederer Elfter wie der HSV. Dennoch hatten die Berliner die erste gute Gelegenheit, als Marvin Plattenhardts Flanke auf der Stirn von Vedad Ibisevic landete, aber René Adler im Hamburger Tor zeigte, warum er früher mal Deutschlands Nummer eins gewesen ist (10.). Gleiche Szene auf der anderen Seite, aber Artjoms Rudnevs köpfte zwei Meter vorbei (16.).
Danach hätte man sich eigentlich ein Kaltgetränk holen können, verpasst hätte man nichts. Erst kurz vor dem Pausenpfiff fand der immer besser werdende HSV einen Weg durch die vielbeinige Hertha-Defensive, aber Rune Jarstein fischte einen Schuss von Gotoku Sakai aus dem oberen Toreck (44.). Da hatte Hertha noch Glück.
Die Berliner zeigten sich auf dem Rasen nicht von ihrer besten Seite, und dazu kam, dass ein paar Verirrte unter den mitgereisten Fans auf den Rängen sogar ihre hässliche Seite hervorkehrten: Bei der Ausführung eines Eckballs wurde Hamburgs Aaron Hunt vor der Gästekurve mit einem vollen Bierbecher beworfen. Unwürdig.
Nach dem Seitenwechsel wurde der HSV immer stärker: Erst rettete Lustenberger noch gegen Hunt (48.), aber zehn Minuten später zog Müller von der Strafraumgrenze ab und traf ins lange Ecke zum 0:1 (58.). Fünf Partien lang war Hertha gegen die Norddeutschen ohne Gegentreffer geblieben. Nun kassierten sie ihren 100. gegen den HSV in der Bundesligageschichte. Vladimir Darida hatte den Ausgleich auf dem Fuß, aber Emir Spahic blockte dessen Schuss (67.).
Ibisevic kritisiert die ungenügende Einstellung
Dardai hatte sich in seiner Coachingzone genug geärgert, nahm die diesmal schwachen Lustenberger und Darida vom Feld und brachte Haraguchi und Tolga Cigerci für Aufholstimmung. Aber Müller erstickte sie schnell: Lewis Holtby bediente ihn im Hertha-Strafraum, Müller ließ Jarstein keine Chance – 0:2 (75.). Dardai setzte sich auf die Ersatzbank. Dieses Spiel war verloren.
Stürmer Vedad Ibisevic war schwer genervt. Zum Thema Europacup-Teilnahme sagte er: „Ich hoffe, dass das Gerede jetzt endlich aufhört.“ Damit nicht genug. Der Stürmer betrieb unverhohlen Kollegenschelte: „Wir haben gesehen, wenn wir nicht 120 Prozent geben, klappt es bei uns nicht. Wir haben das Spiel viel zu einfach verloren. Das hat auch etwas mit Einstellung zu tun. Die Bundesliga ist knallhart.“

