Hertha-Gegner Stuttgart

Nach Dardai-Art: Das Erfolgsrezept von VfB-Trainer Kramny

Trainer Jürgen Kramny hat Herthas Gegner Stuttgart zum Team der Stunde geformt – mit Mitteln, die an seinen Berliner Kollegen erinnern.

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Berlin.  Bessere Argumente als ­Jürgen Kramny kann ein Trainer kaum haben. 14 Punkte aus sieben Bundesligaspielen hat der Trainer mit dem VfB Stuttgart unlängst geholt und die Schwaben damit vom vorletzten auf den zwölften Tabellenplatz gehievt. Mehr noch: Im – zugegeben noch recht jungen – Kalenderjahr 2016 ist Kramny sogar der erfolgreichste Coach der ­gesamten Liga. Drei Spiele, drei Siege, besser als Bayern, besser als der BVB, in der Rückrunden-Tabelle thront Stuttgart auf Rang eins.

Eine beeindruckende Bilanz, und doch hat Fredi ­Bobic, einst Stürmer bei Stuttgarts kommendem Gegner Hertha BSC (Sonnabend, 15.30 Uhr, Sky) und später Sportvorstand beim VfB, so seine Zweifel. Daran, ob Kramny mehr sein kann als eine Übergangslösung. Doch dazu später mehr.

Bobics Nachfolger in Stuttgart ist von Kramny inzwischen überzeugt. Ende November hatte Robin Dutt den U23-Coach vorerst als Interimslösung in die Bundesliga geholt, mittlerweile wurde sein bis 2017 laufender Kontrakt in einen Cheftrainer-Vertrag umgewandelt. Kramny, sagt Dutt, nehme sich nicht so wichtig und mache dadurch die Personen in seinem Umfeld wichtig. Nicht die einzige Qualität, die den 44-Jährigen von seinem Vorgänger ­Alexander Zorniger unterscheidet.

Gegenentwurf zu Vorgänger Zorniger

Zorniger (48) wird in Stuttgart wohl vor allem als beratungsresistenter Dampfplauderer in Erinnerung bleiben; als einer, der seine Gegner mit fortschrittlichem Angriffsfußball überrennen wollte, dessen Team nach dem ­Abpfiff aber meist dastand wie ein ­aufgeputschter Boxer ohne Deckung: mit blutiger Nase.

Verglichen mit Zornigers taktischer Kreation wirkt das Stuttgarter Spiel à la Kramny wie ein Gegenentwurf. Nach dem 1:4 gegen Borussia Dortmund in seiner ersten Partie stabilisierte der neue Chef die Defensive. In der Liga kassierte der Traditionsklub seither in sechs Spielen nur sechs Tore.

Kramnys Erfolgsrezept erscheint dabei wie eine Variation seines Berliner Pendants. So wie Hertha-Coach Pal Dardai scheint der Ex-Profi (75 Bundesliga- und 222 Zweitligaspiele für Stuttgart, Nürnberg und Mainz) den richtigen Ton zu treffen, jedenfalls soll die Aufhebung des unter Zorniger gültigen Kopfhörer-Verbots im Mannschaftsbus recht gut angekommen sein bei den Profis. So wie Dardai hebt er Basis­tugenden wie Fleiß und Teamgeist ganz nach oben auf seiner Agenda. Und: So wie Dardai impft er seiner Elf erst eine neue Kompaktheit ein, ehe er sich dem fußballerischen Feinschliff widmet.

Basistugenden wie Fleiß und Teamgeist haben Priorität

Kramny mache keine Wunderdinge, sagt Spielmacher Daniel Didavi, der gegen Hertha wegen einer Gelb-Rote-Sperre fehlen wird. Er sorge dafür, dass sich das Team auf dem Platz stark fühle. Auch Bobic erkennt an: „Für die aktuelle Situation in Stuttgart ist Kramny der richtige Mann, weil er die einfachen Dinge solide abarbeitet.“

Solide seine Aufgaben abarbeiten, das konnte Kramny schon zu seiner aktiven Zeit als Mittelfeldspier – noch so eine Parallele zu Dardai. Besonders geprägt, sagt Kramny, habe ihn damals sein Mainzer Trainer Wolfgang Frank, der Mann, den auch seine früheren Mitspieler Jürgen Klopp (heute Trainer des FC Liverpool) und Torsten Lieberknecht (Eintracht Braunschweig) als wichtige Einflussgröße nennen. Wie damals im Mittelfeld arbeitet Kramny nun, da er das Team stabilisiert hat, auch als Trainer an der richtigen Balance, nämlich der zwischen Angriff und Abwehr. Stichwort: Entwicklung.

Ex-VfB-Manager Bobic zweifelt an Kramnys Qualitäten

In Zukunft nämlich – und hier kommt Kramny-Kritiker Bobic ins Spiel – wird es für den Trainer um mehr gehen als Schadensbegrenzung. Er steht vor der Herausforderung, Stuttgart eine neue fußballerische Identität zu verpassen. „Ich habe Zweifel, dass er eine Lösung über den Sommer hinaus ist“, sagt Bobic. „Ich wünsche es ihm, aber dann wird es darum gehen, das Team weiterzuentwickeln.“

Anhängern von Hertha BSC dürfte diese Skepsis bekannt vorkommen. Auch in Berlin wurde im vergangenen Sommer bezweifel, dass der Retter Pal Dardai seine Hertha in höhere Sphären führen könnte. Ob Kramny dem Ungarn auch in dieser Hinsicht ähneln wird, bleibt abzuwarten.

Fakt ist: Außer gegen Dortmund (in Liga und Pokal musste sich der VfB jeweils dem BVB beugen) hat Stuttgart seine Erfolge nur gegen vermeintlich schlagbare Kontrahenten eingespielt. Nimmt man den kriselnden VfL Wolfsburg aus, fand sich unter den Gegnern kein Champions-League-Anwärter. Nun also kommt der Tabellendritte aus Berlin. Kramny gegen Dardai. Mal sehen, welcher Trainer am Sonnabend das bessere Rezept parat hat.