Bundesliga

Bei Herthas Aufschwung fehlt noch der Retter

Valentin Stocker bewahrte Hertha vor dem Abstieg. Aber das Hoch des Klubs geht am Schweizer vorbei – auch weil er zuhause Ärger hat.

Seit Monaten auf Formsuche: Herthas Valentin Stocker (links) in der Partie gegen den FC Bayern (Philipp Lahm/M.)

Seit Monaten auf Formsuche: Herthas Valentin Stocker (links) in der Partie gegen den FC Bayern (Philipp Lahm/M.)

Foto: imago/MIS

Berlin.  Valentin Stocker besitzt ein kleines Motorboot. Nichts Glamouröses. Es lag immer auf einem See zu Hause in der Nähe von Luzern. Ein Anker in die eigene Vergangenheit war es ihm – ein Fluchtort auch. Als es Stocker mit 18 kaufte und es schon fast so alt war wie er selbst, da war er noch kein Mensch von öffentlichem Interesse in der Schweiz. Und später, als er dies beim Topklub FC Basel wurde, kehrte er oft zum Boot zurück, wenn er das für ein paar Stunden vergessen wollte. Dass jenes kleine Motorboot immer noch zu Hause im Wasser schwamm wie eh und je, als er längst zu Hertha BSC gewechselt war, diesen Gedanken liebte Valentin Stocker. Diese Heimat, sein Rückzugsort, blieb ihm.

Vor der neuen Bundesligasaison im vergangenen Spätsommer ist das Boot umgesetzt worden. Es schwimmt nun im Wannsee vor Berlin. Stocker, so sagt man das ja im Fußball, kam endlich dort an, wohin er schon ein Jahr zuvor aufgebrochen war. Herthas teuerste Verpflichtung war der 26-Jährige damals. Aber die daran klebenden Erwartungen an ihn konnte er erst in der zweiten Saisonhälfte erfüllen.

Dardai: „Vali hat uns gerettet“

Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Ohne Stocker wäre Hertha 2015 abgestiegen. Pal Dardai, Herthas Trainer, ist meistens ehrlich. Er sagt heute: „Vali hat uns gerettet.“ „Den Arsch gerettet“, sagen andere im Klub, was die Sache verdeutlicht. Und es stimmt ja: Nach der Entlassung von Jos Luhukay im Februar blühte der Mittelfeldspieler auf, bereitete im Abstiegskampf fünf Treffer vor und erzielte drei selbst. Stocker war der wichtigste Spieler in jenen wichtigen Monaten für den Verein. „In diesem Jahr“, sagt Dardai, „läuft es etwas unglücklich für ihn.“

Das sind die Gegensätze. Hertha erlebt aktuell einen erstaunlichen Aufschwung und steht auf Platz drei in der Liga. Aber der passiert zu großen Teilen ohne den Retter der Vorsaison. Stocker hat seinen Stammplatz verloren, seine Leichtigkeit auch – ein Tor nur erzielt, keine Vorlage gegeben. „Warum?“, fragt man sich, das fragt man ihn. „Die Erwartungen im Sommer waren, dass es so weitergeht“, sagt Stocker. Er habe aber einen Teil der Vorbereitung wegen einer langen Länderspielreise verpasst. Auch kam er angeschlagen zurück. „Das hat mich ein bisschen blockiert.“ Ein weiterer Grund könnte sein, denkt man, dass der Linksfuß nun bei dieser neuen Hertha nicht mehr im zentralen Mittelfeld spielt wie in der ersten Jahreshälfte 2015, sondern auf dem linken Flügel.

Stammplatz und Leichtigkeit gingen verloren

Stocker sagt, er möchte sich nicht beschweren. Es sei schon mal schlimmer gewesen, als er aus Basel kam, aber zunächst nicht richtig auf die Beine in Berlin. „Mir ist alles lieber, als noch einmal in diese Situation zu kommen.“ Zufriedenstellend sei das zwar keineswegs für ihn, wenn er nicht von Beginn an spielt. Aber das zu ändern, liege in seiner Hand. Im Trainingslager in Belek, aus dem Stocker am Sonntag mit Hertha zurückgekehrt ist, war er bemüht, aber für die Startelf konnte er sich nicht empfehlen. Dardai sagt dennoch: „Wir planen mit Vali, er ist ein guter Junge.“ Vielleicht läuft ja Stockers zweites Jahr wie das erste: Nach einer komplizierten Hin- folgt eine sehr gute Rückrunde.

Diese zweite Saisonhälfte ist wichtig für Stocker. Zum einen hat Hertha mit Sinan Kurt einen weiteren Konkurrenten mit ähnlichem Profil verpflichtet. Zum anderen wartet im Sommer die EM in Frankreich mit der Schweizer Nationalelf. Und hier wird die Sache kompliziert. Auch hier liegt ein Grund für den Verlust der Leichtigkeit.

Diskussionen um den „Balkangraben“

In der Schweiz geriet Stocker im November zwischen die Fronten. Er wurde mitten in den „Balkangraben“ gestellt, wie die Presse das nannte. Dieser zieht sich durch die Nationalelf der Eidgenossen entlang der Herkunft ihrer Spieler. Seit Leute wie Alexander Frei und Benjamin Huggel ausgeschieden sind, haben Nationalspieler mit Migrationshintergrund die Wortführerschaft übernommen – Gökhan Inler, Granit Xhaka oder Valon Behrami zum Beispiel. Integration und nationale Identität ist in der Schweiz ein Thema mit enormen Sprengkräften. Und als vor einem Länderspiel berichtet wurde, dass es große Spannungen zwischen beiden Fraktionen im Team gibt, wurde Stocker bezichtigt, dies an die Presse durchgesteckt zu haben. Es entstand das Image des „Verräters“, das seine Nationalmannschaftskarriere in Gefahr brachte – oder in Gefahr bringen sollte.

„Mich hat das extrem verletzt“, sagt Stocker heute und stellt klar: „Ich habe ein reines Gewissen. Ich dachte danach: Sag doch einfach, was wirklich Sache ist und warum das plötzlich alles so kam. Aber ich wollte keine Schlammschlacht, denn davon profitiert niemand.“ Er hatte das Gefühl, dass auf einmal sein Land nicht mehr hinter ihm steht. Die Heimat war kein Rückzugsort mehr. In Berlin zu sein, selbst wenn es dort sportlich hätte besser für ihn laufen können, fühlt sich dagegen gut an. Sein Motorboot schwimmt nun im Wannsee.

Karriere im Zick-zack-Modus

Valentin Stocker sagt, seine Karriere sei nie geradeaus verlaufen. Oft gab es ein Auf, dann ein Ab, aber immer wieder auch ein Auf: „Wenn man einmal in den Himmel gelobt wurde und dann auch richtig auf die Fresse gekriegt hat, relativiert sich vieles“, sagt er. ­Vielleicht ist in der Rückrunde wieder der Himmel dran.