Bundesliga

Pal Dardai: Wir haben eine Riesenchance

Nach dem Trainingslager in der Türkei hat der Trainer von Hertha BSC nichts zu meckern und kaum Grund, etwas zu ändern.

Läuft: Hertha Trainer Pal Dardai (Zweiter v.r.) und die Spieler im Trainingslager in der Türkei

Läuft: Hertha Trainer Pal Dardai (Zweiter v.r.) und die Spieler im Trainingslager in der Türkei

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Belek.  Fast immer in den vergangenen sieben Tagen in Belek hat Pal Dardai zu schwitzen begonnen, wenn das Training beendet war. Dann schnappte sich Herthas Cheftrainer seinen Assistenten Rainer Widmayer und joggte zurück zum Teamhotel. Weit war das nicht entfernt, nur eine kurze Strecke am Golfplatz entlang. Aber Dardai wollte in Bewegung bleiben.

Im vergangenen Sommer nämlich, bevor der Ungar zum ersten Mal als Verantwortlicher seiner Mannschaft in ein Trainingslager aufbrach, trug er noch ein kleines Bäuchlein vor sich her. In Österreich hatte Dardai Schwerstarbeit vor sich. Sein Weg war weit. Nun, in der Türkei, war das Bäuchlein weg und der Weg kurz.

Die Ersatzspieler sind einen Tick unzufrieden

Generalüberholen musste Dardai in der Sommerpause einen Fastabsteiger. Erst kam die Fitness, dann die Spielkultur – und am Ende des Jahres stand Hertha auf Platz drei der Bundesliga. Ein Sprint hinein in die Gruppe der Spitzenmannschaften. Nun, nach der Winterpause, lautetete die alles entscheidende Frage für die Berliner an der türkischen Mittelmeerküste: Wie halten wir das Ganze weiter am Laufen?

Am Sonnabend sitzt Dardai auf einem Dreibein auf dem Trainingsplatz und lächelt: „Die Spieler haben hier sehr gut gearbeitet. Es gab keine Minute, in der ich dachte: Jetzt musst du eingreifen und der böse Trainer sein“, sagt der 39-Jährige vor der Rückreise an diesem Sonntag. Zuvor hatte Dardai zugeschaut, wie die Gruppe der Ersatzspieler erstens gut trainierte und zweitens dabei viel lachte. Neuerliche Konkurrenz und die Sorge um den Teamgeist war eines der großen Themen in Belek. Der Erfolg kann Fliehkräfte mitbringen, die an einer Mannschaft zerren, bis sie auseinanderfällt. Dardai sagt: „Ich weiß, dass die Ersatzspieler einen Tick unzufrieden sind. Aber so wie die Tabelle aussieht, weiß jeder: Wir haben eine riesige Chance, wenn der Respekt untereinander da ist.“

Rückrunden-Start gegen FC Augsburg

Welche Chance in der Rückrunde steckt, die am Sonnabend gegen Augsburg beginnt (23. Januar, 15.30 Uhr Olympiastadion), will Dardai noch nicht konkret sagen: Ein guter Start sei essenziell. Dardai, das hört man heraus, rechnet sehr wohl nach, was es braucht, um zum Saison-Ende am 15. Mai noch immer auf einem Europapokalplatz zu stehen. Gegen die großen der Liga zum Beispiel zwei Siege, wenn gegen die anderen weiter so selbstverständlich gepunktet wird. Dardai denkt in Zyklen: „Nach fünf Spielen können wir sagen, ob wir einen guten Start hatten. Wenn wir dann immer noch oben stehen, können wir uns noch einmal zusammensetzen.“ Die unvermeidliche Frage, ob der Champions-League-Platz drei zu halten ist, will beantwortet werden.

Auch Dardai träumt davon: „Ich bin Sportler, ich will immer mehr. Aber ich will auch keinen unnötigen Druck aufbauen.“ Ein solch traumhafter Aufschwung wie bei Hertha ist auch ein empfindliches Pflänzchen. Dardais Herausforderung ist es, einerseits nichts zu tun oder zu sagen, dass es beschädigen könnte. Andererseits muss er es zum Weiterwachsen bringen. Deshalb sagt Vladimir Darida, einer der herausragenden Spieler bei Hertha: „Die Rückrunde wird für uns schwieriger als die Hinrunde.“

Verhandlungen mit John Brooks

Dardai hat in Belek besonders am Offensivspiel seiner Mannschaft gearbeitet. Kapitän Fabian Lustenberger hatte zu Beginn der Woche gesagt, Hertha müsse sich in Zukunft mehr Torchancen erspielen, um nicht mehr so abhängig von der Effektivität des Sturmduos Salomon Kalou und Vedad Ibisevic zu sein. Das Kombinationsspiel im letzten Drittel vor dem Tor war daher ein Schwerpunkt. Und das sah bis auf die 1:4-Niederlage im Test gegen den Zweitligisten Bochum, als Dardai eine B-Elf durchspielen ließ, auch gut aus. Diese Partie im Übrigen hatte Dardai spätestens überzeugt, dass er an der Stammelf der ersten Saisonhälfte vorerst nicht rütteln muss. Er habe eine „eingespielte Mannschaft, die einen Bonus hat“, sagt er. Lediglich Rechtsverteidiger Peter Pekarik konnte nach Gesundung Punkte sammeln.

Neben dem Platz wurde in Belek auch an Herthas Zukunft gearbeitet. Manager Michael Preetz und die Berater von John Brooks kamen zusammen, um eine Vertragsverlängerung über 2017 hinaus auszuloten. Dardai sagt: „Bei mir hat John Vertrauen gekriegt. Wenn er verlängert, bin ich glücklich.“

Neue taktische Variante ausprobiert

Aber Hertha arbeitete in Belek auch an einer neuerlichen taktischen Variante: Jeweils eine Halbzeit in den Tests gegen Hannover (1:0) und Gladbach (2:2) ließ Dardai seine Elf den Gegner schon an dessen Strafraum unter Druck setzen. „Die Entwicklung geht so hin zu einem 4-2-4-System“, sagt Co-Trainer Widmayer. Das macht ein Team auch anfällig für Konter. Das defensives Umschaltspiel war daher ein weiterer Schwerpunkt in Belek.

Pal Dardai sagt, es sei enorm schwierig, noch etwas zu verbessern. Den Lauf, die Qualität des Spiels in der Hinrunde zu halten das sei das Ziel.

Vor einem Jahr, als Hertha auch in Belek vor der Rückrunde gastierte, joggte schon einmal ein Berliner Trainer mit seinem Assistenten vom Rasen vorbei am Golfplatz zurück ins Hotel. Aber Jos Luhukay schimpfte dabei heftig. Dass das auseinanderfallen würde, hätte man damals wissen können. Mit Dardai hat sich Hertha auf einen neuen, einen erfolgreicheren Weg begeben. In Belek sah es in dieser Woche so aus, als könnte das so weiterlaufen.