Hertha BSC

Hertha-Manager Preetz: „Wir müssen gierig bleiben“

Herthas Manager spricht im großen Morgenpost-Interview über Pal Dardais ungewöhnlichen Vertrag und die Strategie beim Kauf Sinan Kurts.

In der Vergangenheit war Herthas Manager Michael Preetz nicht immer unumstritten. Doch inzwischen wird seine Arbeit allgemein anerkannt

In der Vergangenheit war Herthas Manager Michael Preetz nicht immer unumstritten. Doch inzwischen wird seine Arbeit allgemein anerkannt

Foto: dpa Picture-Alliance / Andreas Gebert / picture alliance / dpa

Berlin.  Es sind im Moment sehr angenehme Tage für Herthas Manager Michael Preetz. Sein Verein steht überraschend auf Platz drei in der Bundesliga, und der 48-Jährige, der in der Vergangenheit oft heftige Kritik einstecken musste, erfährt erstmals Anerkennung. An diesem Sonntag reist Preetz mit Hertha ins Wintertrainingslager in den kleinen Küstenort Belek an der türkischen Riviera. Zuvor trafen wir ihn zu einem Gespräch über Entwicklung, die Vertragsverlängerung von Trainer Pal Dardai und die Frage, ob er heute ein besserer Manager ist.

Berliner Morgenpost: Herr Preetz, hat es in Ihrem Weihnachtsurlaub mal einen Tag gegeben, an dem Ihr Telefon nicht geklingelt hat?

Michael Preetz: Ja. Zwischen den Jahren hatte ich es sogar manchmal gar nicht dabei.

Was sagt das darüber aus, wie Ihre Hinrunde mit Hertha gelaufen ist?

Es gibt sicher Vereine, die in diesem Winter nachbessern müssen. Das müssen wir nicht. Aber als Manager hält man trotzdem die Augen auf. Das beste Beispiel ist Sinan Kurt. Wir hatten nicht vor, in dieser Wintertransferperiode tätig zu werden. Aber bei ihm hat sich eine Situation ergeben, in der wir schnell handeln wollten.

Nach der zweitbesten Hinrunde der Vereinsgeschichte, wo sehen Sie die Chancen und wo die Risiken der Rückrunde?

Wir sehen das halbvolle und nicht das halbleere Glas. Wir haben eine tolle Hinrunde gespielt, die uns wahnsinnig viel Selbstvertrauen für die Rückrunde mitgibt. Wir wissen aber auch aus eigener Erfahrung vor zwei Jahren, als wir nach 28 Punkten in der Hinrunde nur 13 in der Rückrunde geholt haben, dass so etwas immer Risiken birgt. Aber ich habe keinerlei Befürchtungen, dass sich das wiederholt. Ich bin überzeugt, dass wir uns noch weiterentwickeln werden – unsere Spieler, das Team an sich, der Spielstil ebenso.

Kann eine sportliche Entwicklung für einen Verein wie Hertha auch zu schnell verlaufen?

Nein, das ist nicht das Problem. Eine beschleunigte sportliche Entwicklung hilft ganz sicher. Wir haben eine veränderte Kadersituation, in der einige potenzielle Stammspieler zurückkommen und für mehr Konkurrenzkampf sorgen werden. Es wird wichtig sein, dass wir den guten Teamgeist schützen. Darüber hinaus müssen die Spieler weiter gierig bleiben. Es gibt keinen Grund, zufrieden zu sein. Das würde bei uns automatisch einen Rückschritt einleiten.

Können Sie mit den Fragen nach einem veränderten Saisonziel in Richtung Europapokal etwas anfangen?

Das interessiert uns nicht. Das Saisonziel Klassenerhalt steht, und das werden wir erreichen.

Was spricht denn dagegen, zu sagen: Wir wollen ins internationale Geschäft?

Gegenfrage: Was spricht dafür? Damit gewinnst du nichts: kein Spiel, keinen Punkt, keinen Zuschauer. Es hilft nur, wenn du das nächste Spiel gewinnst. Und wenn wir das tun, kommt der Rest von allein.

Wenn Sie Ihren Trainer Pal Dardai vor einem Jahr mit dem von heute vergleichen, was fällt Ihnen da besonders auf?

Es hat keine spektakulären Veränderungen gegeben. Pal ist als Mensch derselbe geblieben, aber er hat eine Vielzahl an Erfahrungen dazugewonnen.

Dardais Cheftrainervertrag ist unabhängig von seinem unbefristeten Vertrag im Jugendbereich zunächst auf ein Jahr angesetzt. Streben Sie eine zeitnahe Verlängerung an?

Dardais Vertrag als Cheftrainer verlängert sich automatisch. Es sei denn, wir greifen irgendwann mal ein. Ich finde, dass wir damit eine intelligente Konstellation gefunden haben, die den Wünschen beider Seiten Rechnung trägt. Wir wollen noch lange weiter mit Pal erfolgreich sein. Daher ist das weder für mich noch für Pal ein Thema.

Wenn Sie also gar nichts machen, läuft alles so weiter wie bisher – auch die Konditionen?

Irgendwann werden wir uns mal hinsetzen und über die Anpassung der Konditionen sprechen. Aber wir müssen uns nicht zusammensetzen zum Thema Laufzeit. Pal ist noch ein junger Trainer. Wir haben große Lust, mit ihm die Dinge in die richtige Richtung zu entwickeln, und wir sind auf einem guten Weg. Aber wir wissen auch, dass schwierigere Zeiten kommen werden. Diese Herausforderungen wollen wir gern gemeinsam annehmen.

Bei Rainer Widmayer ist es anderes. Der Co-Trainer hat einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Welchen Anteil hat er am aktuellen Erfolg?

Einen großen – wie aber auch der Rest des Trainerteams. Pal und Rainer haben sich wunderbar aufeinander eingelassen und ergänzen sich: ein junger und ein sehr erfahrener Trainer. Beide lieben ihre Spieler und machen ihre Arbeit mit viel Hingabe.

Mit Mitchell Weiser, Niklas Stark und nun Sinan Kurt haben Sie in kurzer Zeit drei deutsche Juniorennationalspieler verpflichtet. Ist das Ihre Transferstrategie der Zukunft?

Das ist fraglos unsere Strategie, aber sie geht nicht immer auf – dafür müssen eben viele Details zusammenpassen. Und wir sind ja nicht allein mit dieser Idee.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie die Winterpause nutzen wollen, um Gespräche über den Hertha-Kader der Zukunft zu führen. Wie soll er aussehen?

Was den Kader ab dem kommenden Sommer betrifft, kann ich sagen, dass wir mit der Mannschaft planen, die wir jetzt zusammenhaben. Sie wird die Basis sein. Weil wir glauben, dass der Kader Entwicklungschancen bietet. Stark ist ein hochspannender Spieler, bei Weiser ist trotz der tollen Hinrunde noch Luft nach oben. Dazu gibt es Sinan Kurt und Yanni Regäsel. Und wir haben auch einen jungen Spieler wie Maximilian Mittelstädt, von dem ich denke, dass wir ihn bald näher an der Mannschaft erleben werden. Darüber hinaus werden wir im Sommer sicher auch noch einmal auf dem Transfermarkt agieren.

Welche Rolle soll John Brooks in Zukunft spielen?

Wenn es nach uns geht eine sehr zentrale. Wir wollen seinen Vertrag (Anm. d. Red.: läuft bis 2017) verlängern. Aber wir müssen abwarten, wie die Gespräche mit seiner Seite laufen. Ich an seiner Stelle würde sagen: Ich habe ein riesiges Interesse daran, in meiner Stadt, mit meinem Verein die nächsten Jahre in eine erfreuliche Zukunft zu gehen. Wenn das jedoch nicht möglich sein sollte, müssen wir uns über andere Szenarien unterhalten. Wir sind kein Verein, der es sich erlauben kann, veranlagte Spieler ablösefrei ziehen zu lassen.

Sind auf der Zugangsseite mit Kurt die Transferaktivitäten in diesem Winter abgeschlossen?

Es ist nichts geplant. Auf der Abgangsseite allerdings kann sich noch etwas entwickeln.

Seit Montag haben Sie mit Paul Keuter ein neues Mitglied der Geschäftsleitung. Er soll verantwortlich für die digitale Transformation des Vereins sein. Wie kann man sich das vorstellen?

Im Wesentlichen geht es um zwei Dinge: Wir müssen uns heutzutage als Fußballverein auch als ein Medienunternehmen begreifen, das unheimlich viele Inhalte produziert. Über die Mannschaft, über Transfers, aber auch über unsere Produkte. Und diese müssen transportiert werden. Dafür haben wir eigene Kanäle. Diese Kanäle wiederum, das ist der zweite Aspekt, müssen in Vertriebskanäle müden, mit denen wir Einnahmen generieren.

Wenn Sie unter dem Stichwort Digitalisierung versuchen, sich Hertha außerhalb des Sports in fünf Jahren vorzustellen, wie sähe das aus?

Im Bereitstellen und im Aufbereiten digitaler Inhalte wollen wir weiter sein als heute. Dabei geht es auch um eine gewisse Ansprache: Jedes Wochenende haben wir Menschen, die als Touristen, z.B. aus England, nach Berlin kommen. Wo holen wir die ab? Wo erfahren sie, dass es bei Hertha für vielleicht 20 Euro Bundesligafußball zu sehen gibt? So gibt es einen Strauß von Beispielen. Den zu bündeln und zu heben, wird die Aufgabe von Paul Keuter sein.

Hat die Marke Hertha bereits das Potenzial, was im Verein und in der Stadt steckt, ausgeschöpft?

Nein. Ich sehe da noch viel Raum für Entwicklung, und das wollen wir gemeinsam angehen. Wir müssen die Marke vor allem in der Stadt besser schärfen. Und das Thema Digitalisierung kann dabei sicher helfen. Wir sind der Hauptstadtklub, und wollen in unserer Stadt verwurzelt sein. Aber wir haben nicht das Gefühl, dass das schon überall so ist. Daran arbeiten wir.

Kann eine beschleunigte sportliche Entwicklung auch die Suche nach einem weiteren strategischen Partner neben KKR beschleunigen

Abschließend kann ich das noch nicht beantworten, weil wir noch keinen weiteren strategischen Partner haben. Aber wir gehen davon aus, dass sie uns dabei helfen wird.

Auch Fußballmanager entwickeln sich. Sie erfahren im Moment zum ersten Mal umfassend Anerkennung für ihre Arbeit. Der Kicker ernannte Sie zum besten Einkäufer der Liga. Was macht das mit ihnen?

Menschen entwickeln sich idealer Weise weiter im Leben. Ich blicke heute auf einige Jahre Erfahrung in diesem Job zurück, habe auch einiges erlebt, was ich nicht unbedingt hätte haben müssen. Aber diese Erfahrungswerte helfen mir jetzt im Job. Als Mensch bin ich derselbe geblieben. Über den aktuellen Erfolg freue ich mich für den Verein.

Sind Sie heute ein besserer Manager als vor einigen Jahren?

Damit befasse ich mich nicht. Aber ich bin in jedem Fall ein Manager, der reicher an Erfahrung ist.

Wann wären Sie am Ende der Saison ein zufriedener Manager?

Im Pokal haben wir eine tiefe Sehnsucht. Wenn wir da etwas Außergewöhnliches erreichen könnten, wäre ich ein sehr zufriedener Manager. Natürlich wollen wir in der Liga gern verteidigen, was wir jetzt mit Platz drei erreicht haben. Aber das wird ein sehr schweres Unterfangen.