Die Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen. Mit seinem schmalen Gesicht und seinen blonden Haaren erinnert Sinan Kurt tatsächlich ein bisschen an den jungen Marco Reus – ein Effekt, der sich noch verstärkt, wenn sich Herthas Winterzugang akkurat frisiert.

Der Hauptgrund, weshalb ihm einst der Spitzname „Mini-Reus“ verpasst wurde, ist allerdings ein anderer. Denn Ähnlichkeiten zum Nationalspieler finden sich nicht nur optisch, sondern auch im Spiel des 19 Jahre alten Offensivtalents. Kreativität und Ballsicherheit, einer außergewöhnliche Schusstechnik und atemberaubendes Tempo. „Er ist technisch exzellent und hat eine gute Handlungsschnelligkeit“, schwärmte Hertha-Coach Pal Dardai am Donnerstagvormittag. Zuvor hatte Kurt zum ersten Mal mit seinen neuen Teamkollegen trainiert.

Viel Lob, wenig Druck

Einer der neuen war dabei ein alter. Mit Mitchell Weiser habe er sich schon bei Bayern München gut verstanden, wird Kurt auf Herthas Internetseite zitiert. Am Donnerstag posierten beide gemeinsam für das erste offizielle Foto, später schickte Weiser ein paar flapsige Sprüche in Kurts Richtung. Da lief längst ein kleines Drei-gegen-drei-Turnier, bei dem Kurt mit seinen Teamkollegen Salomon Kalou und Ronny wenig gelingen wollte. Mutig und engagiert trat der neue Mann trotzdem auf – auch wenn er seine Schnelligkeit auf den Mini-Feldern kaum ausspielen konnte.

Als einer von nur sechs Profis verzichtete Kurt bei minus fünf Grad auf eine Kopfbedeckung. Vielleicht, damit ihn die Trainingsbeobachter unter den uniformierten Mützenträgern besser erkennen konnten. Vielleicht aber auch wegen einer subtilen Botschaft: kühlen Kopf bewahren, nicht zu viel erwarten. Auch Dardai versuchte, allzu euphorischen Hertha-Anhängern den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Er hat nullkommanull Druck“, sagte der Ungar. Um sich zu akklimatisieren und Spielpraxis zu sammeln, könne der Weg auch über Herthas U23 führen, betont die sportliche Führung. Sinan Kurt ist auch 2016 noch das, was er 2014 bei seinem Wechsel von Borussia Mönchengladbach zum FC Bayern war. Ein Versprechen für die Zukunft.

1,73 Meter, 71 Kilo – mit seiner schmalen Statur erinnert Kurt eher an einen schlaksigen Skispringer als an einen Bundesligaprofi. „Körperlich muss er noch zulegen“, sagt Weiser, und auch in puncto Persönlichkeit darf Kurt noch wachsen. Extrem ruhig und zurückhaltend sei er, sagen sie bei Hertha. Nach turbulenten anderthalb Tagen mit Arztbesuchen und Fitnesstests, Vertragsunterzeichnung und Kennenlernen kämen Pressegespräche noch zu früh. Welpenschutz ist angesagt.

Zweifelhafter Ruf nach Hubschrauberflug

Extrovertiert wirkt der Sohn einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters tatsächlich nicht, zumindest nicht auf dem Fußballplatz. In den sozialen Medien dafür umso mehr, dort präsentiert er sich mit blinkenden Uhren in teuren Restaurants, oder in einem Luxus-Ressort auf Ibiza. Hinzu kommt die Anekdote, die ihn bei den Bayern angeblich in Ungnade fallen ließ. Ein Hubschrauberflug im letztjährigen Sommerurlaub, von Cannes nach St. Tropez – keine 90 Kilometer mit dem Auto, in der Luft aber angebliche 2000 Euro teuer.

Ein Luxus, der bei Verantwortlichen und Fans nicht gut ankommt, vor allem wenn auf der Habenseite erst 45 Bundesligaminuten stehen. Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer äußerte den Verdacht, man habe dem Talent in jungen Jahren wohl zu sehr auf die schmalen Schultern geklopft. Schlussendlich zählte Kurt nicht mal mehr in Bayerns Regionalligateam zum Stammpersonal. Der Sprung in den Männerbereich, er blieb ihm bislang verwehrt.

In Berlin soll sich das ändern. Kurt erhält einen Vertrag bis 2019, bei einer kolportierten Ablöse im mittleren sechsstelligen Bereich plus mögliche Bonuszahlungen. Die Bayern sicherten sich für 2018 allerdings ein Rückkaufrecht, müssten in diesem Fall aber stattliche neun Million Euro zahlen. „Sinan wird bei uns Zeit bekommen“, sagt Manager Michael Preetz, „wir sehen ihn als Perspektiv-Transfer.“

Mitchell Weiser ist Vorbild und Konkurrent

Perspektive, das ist auch für Kurt der zentrale Begriff. Bei den Bayern sind schon andere Hochbegabte gescheitert, bei Hertha trifft er nun auf denkbar günstige Bedingungen. Auf ein intaktes Team, das inzwischen mit dem europäischen Wettbewerb flirtet. Auf Konkurrenten, denen nicht das Label „Weltklasse“ anhaftet. Und auf einen Trainer, der einen Faible für den Nachwuchs hat. Dardai und Preetz, sagt Kurt, hätten ihm von Anfang an das Gefühl vermittelt, dass sie auf ihn setzen. Jetzt oder nie, denkt man als Beobachter, denkt wohl auch Kurt. „Langfristig“, sagt er, „will ich hier natürlich Stammspieler werden.“

Sein Kumpel Weiser hat es schließlich vorgemacht. Schneller als erwartet etablierte sich der 21-Jährige in der ersten Elf, ist inzwischen nicht mehr wegzudenken. Ein Umstand, der auch Kurt betrifft – zumindest nominell sind die beiden Konkurrenten. In der Hinrunde glänzte Weiser zwar als Rechtsverteidiger, wurde ursprünglich aber für die offensiven Außenbahnen geholt. Dardai kann der neue Wettbewerb nur gefallen, denn weder Valentin Stocker (zu langsam) noch Genki Haraguchi (zu wenig Torgefahr) konnten die Ansprüche bislang in vollem Umfang erfüllen.

„Einen Spieler in die Bundesliga zu führen, das macht Spaß“, sagt Dardai, „aber es liegt auch an ihm: Er muss mitmachen.“ Die erste Hürde, die es zu meistern gilt, nannte Dardai schon am Donnerstag. „Sinan soll strahlen, er soll ein glücklicher Fußballer sein.“ Im Hertha-Jahrgang von 2015/16 klingt das nach einer lösbaren Aufgabe.