Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass Hertha BSC in der kommenden Saison weiter in der Bundesliga spielt.

Ja genau, Sie haben richtig gelesen. Mit 32 Punkten stehen die Berliner nach der Hinrunde da – es war die zweitbeste der Vereinsgeschichte. Selbst wenn Hertha die schlechteste Rückrunde der Vereinshistorie folgen ließe – wie 1990/91, als es die Dreipunkteregel noch nicht gab, holte die Mannschaft nur sechs Zähler aus den letzten 17 Spielen –, würde es am Ende mit dem Erreichen des Saisonziels klappen: Klassenerhalt. Seit es drei Punkte für einen Sieg gibt, also seit 1995/96, haben dafür im Durchschnitt rund 38 Punkte gelangt.

Wenn nun also quasi schon erreicht ist, was man sich vor der Abreise in die Saison vorgenommen hatte, dann könnte man ja auch für sich neue Ziele formulieren. Nicht wahr? Auf zu neuen Ufern und so. Wir Sportjournalisten fragen oft danach, wenn ein Team besser unterwegs ist als gedacht. Hertha galt ja im Sommer als Abstiegskandidat und ist nun überraschend Tabellendritter, also auf Champions-League-Kurs. „Was ist nun mit dem Europapokal, Freunde? Da wollt ihr doch hin, oder etwa nicht“, fragen wir dann. „Das muss doch jetzt das nach oben korrigierte Saisonziel sein, richtig?“

Und wir freuen uns, wenn einer daraufhin tatsächlich sagt: Ja. Weil wir dann nämlich eine schöne Schlagzeile haben: „Pál Dárdai spricht schon von der Champions League“, oder ähnlich. Schlagzeile heißt das im Übrigen, weil man sie denen, die sie gesagt haben, schön um die Ohren hauen kann, wenn es am Ende dann doch nicht für das neuerlich ausgerufene Saisonziel gereicht haben sollte.

Profis, Trainer und Manager von Fußballklubs wissen das natürlich auch. Und deshalb sagen die im seltensten Fall etwas dazu, wenn sie klug sind. Vor zwei Jahren, als Hertha schon einmal eine ähnlich formidable Hinrunde unter Trainer Jos Luhukay hingelegt und 28 Punkte auf dem Konto hatte, habe ich den Niederländer im Wintertrainingslager vor dem Rückrundenstart mürbe gemacht. Über allerhand Träume haben wir gesprochen. Und irgendwann hatte ich Luhukay soweit, dass er sagte: „Ich träume vom Europapokal.“ Tada. Das war dann natürlich meine Überschrift für das Interview. Junge, Junge, dachte ich. Der bodenständige Herr Luhukay spricht vom internationalen Geschäft – und das als Aufsteiger. Das ist ja mal ’ne Ansage.

Hertha spielte danach eine richtig miese Rückrunde, war das zweitschlechteste Team und holte nur noch 13 Punkte. Nix mit Europa. Um die Ohren habe ich das Luhukay dann später aber nicht gepfeffert, weil ich wusste, wie er es gemeint hatte, und mich für diesen Überschriften-Beißreflex bei mir selbst ein wenig schämte.

Zwischen Hochmut und Demut steht der Mut

Nun, da jenes Spielchen der Presse bei Hertha wieder von vorn losgeht, denke ich oft darüber nach. Und ich habe deshalb neulich getan, was man eigentlich öfter mal wieder tun könnte. Ich habe Theodor Fontane gelesen: „Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut“, schrieb der Schriftsteller im vorletzten Jahrhundert. Man braucht sich keineswegs zwischen Großmäuligkeit und Bescheidenheit zu entscheiden. Wie wär’s zum Beispiel einfach mal mit Mut? Allerdings ist es ja so, dass man Mut seltener für die Dinge benötigt, die man sagt, als für die, die man tut.

Eine Mannschaft kann mutig ihre Chance auf den Einzug ins internationale Geschäft ergreifen, ohne großmäulig aufzutreten, ohne vorher die dollen Ansagen zu machen und uns Reportern damit netterweise die prächtigen Schlagzeilen zu liefern. Sie kann einfach mutig spielen. Bei Hertha haben sie sich das vorgenommen. Von einer Partie zur nächsten. Als Schlagzeile taugt das natürlich nicht unbedingt, aber das ist ja nicht Herthas Problem.

Ohnehin ist es im Sport wie im Leben bisweilen die Frage, ob einen die Chance zu gewinnen mehr antreibt als die Angst vor dem Verlieren. Das hat auch etwas mit Mut zu tun, ist aber eine andere Geschichte.

"Immer Hertha"

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