Herthas Teamleiter

Nello di Martino: „Ich will einmal den Pokal gewinnen“

Nello di Martino geht in sein 45. Jahr bei Hertha. Eine Zeitreise mit einem, der fast alles erlebt, und noch immer große Träume hat.

Foto: Rauchensteiner/Augenklick / Rauchensteiner

Berlin.  Wir schreiben das Jahr 1971. Ilja Richter moderiert erstmals im ZDF die Sendung „Disco“. Walther Ulbricht übergibt – wie üblich in solchen Fällen aus gesundheitlichen Gründen und selbstredend in herzlichem Einvernehmen – seinen Job als Staatsratsvorsitzender der DDR an Erich Honecker. Der Belgier Eddy Merckx gewinnt zum dritten Mal in Folge die Tour de France. Und „aufmüpfig“ wird das Wort des Jahres.

Aufmüpfig war Nello di Martino nie. Am 12. September 1971 war er eher unsicher. „Ich stand mit meinem Koffer auf dem Bahnhof Zoo und hatte keine Peilung“, sagt der Italiener. 44 Jahre nach seiner ersten Ankunft in Berlin sitzt der mittlerweile 64-Jährige auf einer schwarzen Ledercouch in der Geschäftsstelle von Hertha BSC und lacht. Er lacht gern. Über sich, über sein Leben, über Gott und die Welt und gern auch über 44 Jahre in Diensten Herthas. 44 Jahre, die Vereins-Präsident Werner Gegenbauer in einem kurzen Satz zusammenfasst: „Nello, das ist Hertha schlechthin!“

Zurück auf dem Bahnhof Zoo. Di Martino und sein Koffer bewegen sich an den Zeitungskiosk. „Ich hatte da die rosafarbene ,Gazetta dello Sport’ entdeckt. Und ich habe darauf spekuliert, den ersten Italiener anzusprechen, der ein Exemplar kaufen würde“, erzählt di Martino. Eigentlich ja vom Wunsch beseelt, einmal ein respektabler Profi-Torhüter zu sein, zeigt sich schon damals das besondere Talent, das ihn später zu Herthas Cheforganisator machen sollte. Jeder Situation gewachsen zu sein, das Beste daraus zu machen.

„Wenn er fehlt, ist die Hölle los“

„Deutsch habe ich zunächst aus Zeitungen und im Kino gelernt. Da konnte man sich Zusammenhänge zusammenreimen. Und ein bisschen später auch, weil ich ein paar Mädchen in Berlin kennengelernt habe“, sagt di Martino, lacht, und fährt fort: „Mit denen musste man aber nicht immer nur reden.“

Die Mädels und der allzeit gut gelaunte Neapolitano? Das würde dem Vater der zehn Jahre alten Tochter Emilia nicht gerecht werden. Di Martino jedenfalls beschreibt sich ganz anders, weit weg von Glamour oder Starallüren. „Die, die arbeiten, sieht man nicht“, so seine nüchterne Einschätzung, der er noch ein „man braucht Ideale“ hinzufügt.

Bei Hertha sagt man über das einstige Torwart-Talent aus dem Jugend-Internat von Inter Mailand: „Wenn er da ist, bemerkt ihn keiner. Aber wenn er mal fehlt, dann ist die Hölle los.“ Und man ist wohl auch froh, dass die Qualitäten di Martinos nicht auf den Job zwischen den 1971 noch viereckigen Holzpfosten beschränkt waren.

Als Sohn eines Berufssoldaten und Mitglied einer Familie, in der eine militärische Laufbahn gern gesehen war, zog es den kleinen Nello zum großen Fußball. Mit 15 zu Inter Mailand, danach nach Mantua zum dortigen AC und später noch zum FC Genua. „Ich war größer als meine Freunde, also schickten die mich ins Tor. Da wird man dann von alleine besser“, sagt di Martino.

Als Genua nicht zahlt, packt di Martino die Koffer

Die Schattenseite des Profidaseins lernte er aber schon bald kennen. Vier Monate lang kein Gehalt in Genua, Perspektive unklar. Di Martino kommt ins Grübeln. Bis er auf Signor Sanella trifft – Brasilianer, Spielervermittler, Berater das damaligen Nationalspielers Jair, Geschäftsmann mit weitreichenden Verbindungen.

„Sanella erzählte mir von seiner Freundschaft zum damaligen Hertha-Präsidenten Wolfgang Holst, der in Berlin etwas für mich tun könne“, blickt di Martino zurück. Genua war nach diesem Gespräch so gut wie Geschichte, denn der 20-Jährige beherzigte einen Rat seines Vaters. „Kümmere dich nie um Dinge, die du nicht ändern kannst“, hatte ihm der Senior ins Stammbuch geschrieben. „Beim FC konnte ich nichts ausrichten, in Berlin wartete eine Chance“, sagt di Martino.

Dass seine Chance letztlich nicht auf, sondern neben dem Platz lag, ahnt di Martino da noch nicht. Innerhalb von 44 Jahren bewies er dann jedoch unverbrüchliche Loyalität als Torwart, Torwart-Trainer, Assistenz-Coach, Organisator von Trainingslagern („mehr als hundert“) und Seelentröster.

Dazu faszinierte und fasziniert ihn Berlin: „So viel Grün, so viel Wasser, so viel Kultur und Gastronomie, Kunst und auch Sport hat mich begeistert.“ Vor allem nach der Wende habe die Stadt noch einmal gewonnen, doch auch alte Westberliner Zeiten hat di Martino so seine Erinnerungen. „Am Kurt-Schumacher-Platz gab es einen Laden, der hieß ,Pflaumenbaum’. Das war vor allem sonntags ein heißes Pflaster, denn da war Friseurinnentag. Die hatten damals ja immer montags frei“, sagt di Martino und haut lachend auf die Couchlehne.

2006 stemmt er den WM-Pokal in den Berliner Nachthimmel

Bei allem Hang zur Fröhlichkeit: Die Realität hat di Martino nie aus den Augen verloren. „Der Fußball ist seit meiner Zeit besser geworden. Der Umgang miteinander nicht“, sagt er kritisch. „Das Wort Danke haben viele aus ihrem persönlichen Duden gestrichen, und Kontinuität ist vielen auch fremd. Heute gibt es Spieler, die sind 28, haben schon für drei, vier Klubs gespielt und sind überrascht, dass sie nicht die ganz große Karriere machen.“

Für die Martino käme ein anderer Klub nicht infrage, ein zweites Team gab es aber doch in seinem Leben. Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurde aus Mister Hertha für ein paar Wochen Mister Italia – als Technischer Leiter der italienischen Nationalmannschaft. Am Ende stand der WM-Titel und ein völlig emotionaler Nello di Martino, der den WM-Pokal in „seinem“ Olympiastadion in die Höhe reckte.

„Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich an den Moment denke“, sagt di Martino, allerdings ganz ohne Wehmut. Denn da gibt es noch ein ganz großes Ziel mit seiner Hertha. „Der WM-Pokal war vermutlich der nicht zu übertreffende Höhepunkt, aber ich wünsche mir sportlich nichts mehr, als im Olympiastadion einmal ein DFB-Pokalfinale zu gewinnen“, sagt di Martino.

Fleiß und Verschwiegenheit als Erfolgsrezept

Es wäre der absolute Lohn für seinen Job bei Hertha, in dem er auch Zeiten kennengelernt hat, wo es Probleme bereitete, 400 D-Mark für eine Wäscherei-Rechnung zusammenzukratzen. „Man haut nicht ab“, lautet seinen Antwort, wenn er nach den schlechten Tagen gefragt wird. Di Martino ist auch nicht abgehauen, als ihm 1998 das Angebot des SSC Neapel ins Haus flatterte, als Torwarttrainer in seine Heimatstadt zurückzukehren.

„Ich habe ein paar Nächte gar nicht geschlafen. Vom Verstand her hätte ich gute Gründe gefunden zu wechseln. Aber mein Herz hat mich in Berlin festgehalten“, sagt di Martino. „Natürlich bin ich Italiener, aber das Leben in Italien ist nicht so wie das in Deutschland. Es gibt mehr Probleme in der Wirtschaft, der Politik. Es gibt ganz einfach andere Regeln im Zusammenleben. Vieles ist dort leicht und schön, aber nicht alles ist bella Italia.“

Gibt es ein Di-Martino-Erfolgsrezept? „Fleiß und Verschwiegenheit“, sagt Herthas Mädchen für alles. Fleiß? „Ich beginne morgens damit, an Hertha zu denken und höre abends damit auf.“ Und Verschwiegenheit? Konfrontiert mit der Geschichte, dass einst Herthas Uwe Kliemann im Trainingslager vom Team auserkoren wurde, über einen Hotelzaun zu klettern, durch einen Pool zu tauchen, auf der anderen Seite Bier zu holen und somit die nicht vorhandenen Minibars im Hotel vergessen zu lassen, sagt di Martino: „Schwimmen konnte der Uwe wirklich gut“. Natürlich lacht er dabei.