Analyse

Der wundersame Aufstieg von Hertha BSC

Hertha BSC hat sich vom Fast-Absteiger im Mai zum Champions-League-Anwärter im Dezember gewandelt. Wie geht so etwas?

Gute Atmo: Hertha-Trainer Pal Dardai und Torjäger Vedad Ibisevic

Gute Atmo: Hertha-Trainer Pal Dardai und Torjäger Vedad Ibisevic

Foto: dpa Picture-Alliance / City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Wer etwas über den Zusammenhalt einer Gruppe von Fußball­profis in Erfahrung bringen will, postiere sich an einem Flughafen. Bei Hertha war es über Jahre so: Das Grüppchen der Südamerikaner mit Raffael, Ronny und Adrian Ramos überlegte im Dutyfree-Shop, welches Barbie-Spielzeug für die Töchter daheim diesmal mitgebracht werden sollte. Fünf, sechs jüngere Spieler hingen im Fastfood-Restaurant ab. Die Führungsetage mit Manager, Trainer und Co-Trainer trank in einer Ecke einen Café, während die älteren Profis gelangweilt am Gate warteten, dass der Flug aufgerufen würde.

Szenenwechsel, Frankfurt-Flughafen im Dezember. John Brooks bestellt an der Theke ein italienisches Gericht. Sieben, acht Kollegen umringen ihn und diskutieren, welche Zutaten geordert werden sollen. Einer der Athletiktrainer stößt dazu und ruft Brooks über die Schulter: „Nimm nicht so viel Fleisch, bestell’ dir was Grünes.“ Unterdessen haben Fabian Lustenberger, Sebastian Langkamp und Valentin Stocker zwei Tische in der Osteria zusammengeschoben: „Wir halten die Plätze frei.“

Kalou ist endlich mittendrin

Pal Dardai ist seit über 20 Jahren im Profigeschäft unterwegs. „Aber so was habe ich noch nicht erlebt“, wundert sich der Trainer über den ­Hertha Jahrgang 2015/16. „Diese Mannschaft ist auf Reisen wie eine U15. Alle hängen immer zusammen, jeder wird mitgenommen.“

Einer, der von sehr weit draußen zu diesem Team gestoßen ist, sagt: ­„Verglichen mit der vergangenen Saison hat sich der Zusammenhalt extrem verbessert.“ Das erzählt Salomon Kalou. Der Ivorer, Champions-League-Sieger mit dem FC Chelsea und Torjäger vom OSC Lille, war in seinem ersten Jahr in Berlin ein wenig am Rande mitgelaufen. Mittlerweile herrscht dort, wo er ist, stets ein fröhliches Sprachgewirr. Kalou ­versteht so gut wie alles auf Deutsch, spricht mit den Schweizern Lustenberger und Stocker sowie mit Vedad ­Ibisevic Französisch, mit allen anderen Englisch.

Hertha als Tiger der Liga

Die Frage, warum Hertha, Fast-Absteiger vom Mai, Weihnachten in der Fußball-Bundesliga auf Rang drei verbringt, einem Champions-League-Platz, hat viele Antworten. Bundesweit wurde Hertha über längere Zeit hinweg beiläufig oder als Synonym für selbstverursachte Probleme wahrgenommen. Das hat sich geändert. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ etwa skizziert das abschließende 2:0 gegen Mainz mit „Attributen für den unerwarteten Hertha-Höhenflug: ansehnlich und ambitioniert, elanvoll und effizient, geduldig und geschickt“. Die „Mainzer Allgemeine“ berichtete von der Antilope des FSV Mainz, der vom Tiger Hertha mitleidlos erledigt worden war.

Der Bundesliga-Fußball ist seit Jahren dabei, sich zu ändern. Hertha hatte durch die Abstiege 2010 und 2012 zeitweise den Anschluss verloren – und stellt nun erstmals seit Langem die Überraschungsmannschaft der Saison.

„Die Geschwindigkeit der Entwicklung ist überraschend“

Ein Schlüsselbaustein ist Trainer Dardai mit seiner hemdsärmeligen, verschmitzten, dabei ehrgeizigen Art. Die exzellente Fitness gibt den Profis Selbstvertrauen. Die Verstärkungen von Manager Michael Preetz mit Mitchell Weiser, Vladimir Darida, Niklas Stark und Ibisevic helfen alle. Zudem tut der Mannschaft der Torwartwechsel von Thomas Kraft zu Rune Jarstein gut. Aber selbst Preetz, der Dardai seit dessen ersten Tag im Januar 1997 in Berlin kennt, räumt ein: „Es wäre albern zu behaupten, dass wir das im Februar, als Pal begonnen hat, alles vorausgesehen hätten. Wir ­wollten, dass Hertha sich entwickelt. Aber die Geschwindigkeit der Entwicklung ist überraschend.“

Am meisten überraschend ist der Dezember. Jener Monat zum Ende einer langen Hinrunde, in dem der Liga die ­Kräfte ausgehen. Die Hertha-Bilanz: Vier Partien, vier Siege, 10:1 Tore (mehr Daten ­siehe Grafik). Nur drücken die Zahlen nicht das aus, was beeindruckt: Gegen Darmstadt und Mainz sowie im DFB-Pokal in Nürnberg ­gewann Hertha im Stile einer Spitzenmannschaft.

Vedad Ibisevic bremst die Euphorie

Bei allen aufgeführten Puzzlesteinen, am Ende erklären sie die Rasanz der Entwicklung nur unzureichend, schließlich hat Hertha im vergangenen Sommer nicht Zlatan Ibrahimovic oder Paul Pogba verpflichtet. Spricht man mit denen, die täglich mit der ­Mannschaft arbeiten, fallen regelmäßig Begriffe wie Zusammenhalt, Teamspirit und Respekt.

Von den Neuen ist Ibisevic einer, der reichlich auf dieses Konto einzahlt. Nicht nur, indem der Torjäger auch als Vorbereiter glänzt, wie gegen Mainz, als er beide Tore vorbereitete. Ibisevic treibt seit Wochen die Kollegen an: Sie sollen die ­Euphorie nicht übertreiben. „Wir sind in einer ganz ­gefährlichen Phase. Es geht nur, wenn jeder von uns jetzt noch eine Schippe drauflegt.“

Arbeitsethos statt Selbstzufriedenheit

Ibisevic hat das alles schon mal erlebt. Er war das Gesicht von Sensationsaufsteiger TSG Hoffenheim, der 2008 von Null auf Herbstmeister emporstieg. Und, gebeutelt durch Verletzungen, in der Rückrunde ins Mittelfeld durch­gereicht wurde. Das will er nicht noch mal erleben. Kein Platz für Selbstzufriedenheit, stattdessen Ar­beits­ethos und ein intaktes Gruppen­gefühl auf dem Feld sowie am Salatbuffet – so könnte er ­aussehen, der Weg für eine ­bärenstarke Hertha-Saison 2015/16.