Im Stadion am Böllenfalltor liegt alles eng beisammen. Lauter Hip-Hop dröhnte aus der Hertha-Kabine, die Blechtüren wummerten. Im unmittelbar benachbarten Medienraum saß ein zufriedener Pal Dardai in der Pressekonferenz. „Wir wussten, dass es schwierig wird. Aber wir haben im Kampfmodus gewonnen und dazu noch Fußball gespielt.“ Damit nicht genug: Das 4:0 (2:0) von Hertha BSC beim SV Darmstadt war der höchste Auswärtssieg in der Bundesliga seit März 2010 (damals ein 5:1 in Wolfsburg). „Besonders gefallen hat mir die letzte halbe Stunde“, sagte Dardai, „da konnten wir Kräfte sparen für das Pokalspiel am Mittwoch in Nürnberg.“
Plattenhardt schießt einen Freistoß in den Winkel
Das Überraschungsteam der Liga setzte sich auch bei Überraschungsaufsteiger Darmstadt durch. Nach dem neunten Sieg im 15. Saisonspiel richten sich die Berlin auf den Champions-League-Plätzen ein. Wer erwartet hatte, dass sie nach dem Sieg in der Vorwoche gegen Leverkusen nun beim anfangs belächelten Neuling in Hessen ein Einstellungsproblem hätten, der irrte. Die Gäste begannen extrem konzentriert. Gefühlt hatte Hertha in der ersten halbe Stunde 80 Prozent Ballbesitz. Die Führung folgte prompt: Salomon Kalou trieb den Ball durchs Mittelfeld, passte hinaus zu Mitchell Weiser. Darmstadts Linksverteidiger Fabian Holland, ein Ex-Herthaner, konnte dessen Flanke in den Strafraum nicht verhindern. Dort setzte sich Vedad Ibisevic trotz Bedrängnis durch und schob den Ball aus sechs Metern ins Tor, 1:0 (12. Minute). Der fünfte Saisontreffer des Hertha-Torjägers, sein erstes Auswärtstor seit November 2013. Beim abstiegsgefährdeten VfB Stuttgart werden sie sich fragen, warum sie Ibisevic im August partout loswerden wollten. „Ich fühle mich sehr wohl bei Hertha. Ich selbst haben nie den Glauben an mich verloren – und das sieht man ja auch“, sagte der Bosnier. Pikanterweise bezahlt der VfB noch einen Teil seines Gehalts.
Die Gäste dominierten weiter. Kalou ging zwischen zwei Verteidigern nach einem Zweikampf zu Boden, der Ball landete bei Vladimir Darida, der frei vor dem Darmstädter Tor stand. Doch dazwischen ein Pfiff von Schiedsrichter Günter Perl, Freistoß. Aufregung auf der Hertha-Bank – wie kann der Unparteiische Hertha so einen Vorteil nehmen? Einer blieb ruhig: Marvin Plattenhardt. Der legte sich den Ball zurecht und zirkelte ihn aus 24 Metern in den Winkel: zweiter Torschuss, zweites Tor. Im Anschluss versammelte Plattenhardt die gesamte Mannschaft vor dem Hertha-Fanblock. „Mit Mitchell Weiser hatte ich vorher abgesprochen, dass wir einen Selfie-Jubel machen, wenn einer von uns ein Tor schießt, wo die ganze Mannschaft aufs Bild sollte.“ Es war zwar kein Smartphone zur Hand, aber alle taten, als ob eines da wäre.
Nun wechselten die Gastgeber die Spielart. Es wurde giftig. Das Publikum empörte sich, dass zwei Tore von Sandro Wagner keine Anerkennung fanden. Beide Entscheidungen waren jedoch korrekt, da Teamkollege Jan Rosenthal jeweils im Abseits stand. Darmstadt erkämpfte sich nun ein paar Freistöße aus dem Halbfeld. Eigentlich eine Stärke der „Lilien“, doch die Berliner Abwehr ließ sich diesmal nicht überraschen. Ex-Herthaner Wagner versuchte es mit Härte, kassierte aber für ein übermotiviertes Einsteigen gegen Ex-Kollege Sebastian Langkamp die Gelbe Karte (40.). Die beste Gelegenheit für die Hausherren kam ausgerechnet durch einen Langkamp-Kopfball zustande, der sich im weiten Bogen senkte. Doch Torwart Rune Jarstein, ansonsten weitgehend beschäftigungslos, lenkte den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte (45.).
„Wir haben uns noch in keinem Spiel abschießen lassen“, hatte Wagner der Morgenpost vor der Partie gesagt. Diesmal war es anders. Mit dem ersten gefährlichen Angriff nach der Pause entschied Hertha die Begegnung. John Brooks köpfte eine Darida-Ecke zu Ibisevic, der Torjäger jagte den Ball aus fünf Metern ins verlassene Tor, 3:0 (50.). „Von mir aus kann es so weitergehen“, schmunzelte Ibisevic über seinen dritten Doppelpack im Hertha-Trikot – in den letzten sieben Spielen.
Am Mittwoch in Nürnberg soll der Pokal-Traum weiterleben
So herausgefordert, rief sich auch Kalou in Erinnerung. Gegen zwei Verteidiger und Torwart Christian Mathenia setzte sich der Stürmer durch und schob zum 4:0 ein (76.). Mit acht Treffern verteidigte Kalou den Status als bester Hertha-Torschütze. „Das war ein ganz bitterer Abend“, sagte Wagner. „Aber Hertha hat es intelligent gespielt und verdient gewonnen.“
Hertha-Trainer Dardai war einerseits mächtig stolz auf seine Mannschaft: „Es war heute alles so, wie wir uns das vorgestellt haben. Eine Topleistung. Sehr schön“, sagte er. Aber andererseits war da ja noch was: „Wir müssen jetzt gut regenerieren“, sagte Dardai. „Wir in Berlin haben einen großen Traum im Pokal. Dafür müssen wir Mittwoch in Nürnberg topfit sein




