Gegen den FC Bayern

Hertha BSC und die Schönheit der Chance

Zum FC Bayern braucht man gar nicht erst reisen. Hertha BSC tut es trotzdem und will sich in München etwas ermauern.

Hertha-Trainer Pal Dardai.

Hertha-Trainer Pal Dardai.

Foto: dpa

Ein Sieg beim FC Bayern käme für Hertha BSC in etwa so unerwartet wie ein tätowierter Anker auf dem Oberarm einer Nonne. Zu regelmäßig werden Fußballmannschaften gerade in München vermöbelt.

4:0 , 4:0, 5:1, 4:0, 5:1, 5:0, 5:1, 2:1, 3:0, 5:0 lauten bisher die Ergebnisse dieser Spielzeit aus Fröttmaning. Dabei ist es auch egal, ob da Bundesligisten oder Champions-League-Klubs anmarschiert kommen. Alle kehren mit langen Gesichtern und ramponierten Tordifferenzen heim.

Die Schönheit des Fußballs liege in dem Umstand, dass der Zuschauer nicht wisse, wie das Spiel ausgehe, hieß es früher. Das hat sich in München geändert: Zu den Allmächtigen aus Süddeutschland braucht man eigentlich gar nicht erst anzureisen.

Kein Hurra-Fußball

Pal Dardai wird es trotzdem tun und am Sonnabend (15.30 Uhr) mit seiner Mannschaft versuchen, sich irgendetwas beim Rekordmeister zu ermauern. Wahrscheinlich wird es nur das gute Gefühl sein, sich nicht verhauen haben zu lassen wie all die anderen. Oder ist das etwa viel zu düster beschrieben? Glauben sie in Berlin wirklich, dass da mehr geht in der Allianz Arena?

Hört man Dardai vor der Auswärtspartie zu, kann man sich nicht ganz sicher sein. Der Berliner Cheftrainer sagte am Donnerstag einerseits Sätze wie diesen: „Es wäre ein großer Witz, wenn ich sagen würde, wir fahren da hin und dann hurra, hurra.“ Oder: „Wir versuchen, mit elf Spielern das Tor zuzumauern. Aber das ist unmöglich.“

Anderseits fand es Dardai schon als Profi ganz angenehm, wenn man ihn unterschätzte. Dann konnte er überraschen. Und das könnte nun auch als Trainer möglich sein. Immerhin hält sich seine Mannschaft aktuell beharrlich auf Tabellenplatz vier. Was den Überraschungsfaktor angeht, kommt das einem Ankertattoo auf jungfräulicher Nonnenhaut doch ziemlich nahe.

Letzter Sieg in München liegt 38 Jahre zurück

Zudem ist Pal Dardai, zumindest was den Fußball betrifft, auch ein Romantiker. Er sagte: „Meine Spieler sind gierig, etwas Schönes zu machen.“ In dieser Saison habe es noch kein Team geschafft, in München etwas zu holen. „Warum sollen wir nicht die Ersten sein“, fragte also der 39-Jährige.

Das Spiel sei „die Chance, etwas Besonderes zu machen“, fand Dardai. Und wer darf das sagen, wenn nicht er? Als Hertha zum bisher letzten Mal etwas Zählbares aus München entführte, legte Dardai im August 2004 Marcelinhos Treffer auf, der letztlich für ein 1:1 reichte. Seitdem aber haben die Berliner dort alle acht Partien verloren.

38 Jahre liegt der bisher letzte Sieg beim FC Bayern zurück. Damals, am 29. Oktober 1977, trafen Gerhard Grau und Bernd Gersdorff zum 2:0. Alte Zeiten.

Nur der Rekordmeister verfügt über eine bessere Defensive

Und dennoch ist es die Schönheit der Chance, die sie bei Hertha mehr betonen wollen, als die Unlösbarkeit der Aufgabe, in München zu punkten. „Die Situation ist wunderbar, jetzt nach München zu fahren“, sagte Manager Michael Preetz. „Die Spieler haben gerade sehr viel Selbstvertrauen.“

Zudem haben sie unter Dardai eine besondere Stärke erworben, die gegen die bayerische Torwut ziemlich nützlich werden dürfte: Sie können überdurchschnittlich gut verteidigen. Seit Dardai die Mannschaft Anfang Februar übernommen hat, kassierten saisonübergreifend unter den Bundesligisten nur die Bayern weniger Gegentreffer (14) als Hertha (28). Das haben sie beim Fachmagazin „Kicker“ errechnet.

Genau darauf will sich Dardai am Sonnabend in München besinnen: „Unser Schwerpunkt wird defensiv liegen“, sagte er. Mit einer Fünfer-Abwehrkette werde er agieren, verriet er. Eine Schlüsselrolle dürfte dabei Kapitän Fabian Lustenberger zukommen. Schon beim 1:3 gegen Borussia Dortmund zu Saisonbeginn klappte die Fünferkette gut. Lustenberger gab dabei den zentralen Abwehrspieler, der sich aber bei Ballbesitz ins Mittelfeld vorschob, sodass Hertha dann in einem 4-1-4-1-System angriff.

Mitchell Weisers Rückkehr nach München fällt wohl ins Wasser

Neben dem ganzen „Bunkerfußball“, wie Dardai seine Defensivtaktik nannte, brauche sein Team nämlich auch einen Vorwärtsgang. Punktuell mal hinter der Deckung hervorlugen, ob etwas geht. So hatte es Dardai schon im April gemacht, als Hertha in der vergangenen Rückrunde in München bis zur 80. Minute ein 0:0 hielt und durch Nico Schulz sogar den Siegtreffer auf dem Fuß hatte. Aber dann kam Mitchell Weiser und bereitete noch das 0:1 durch Bastian Schweinsteiger vor.

Weiser spielt inzwischen bekanntlich für Hertha. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass er „zu 99 Prozent nicht auflaufen wird können“, sagte Dardai. Der Flügelspieler hat wegen einer Sprunggelenkverletzung auch am Donnerstag nicht trainiert. Dafür darf Vedad Ibisevic nach der abgesessenen Vier-Spiele-Sperre wieder mitmischen . Die Chancen, dass der bosnische Angreifer in der Startelf stehen wird, bezifferte Dardai auf „50:50“.

Die Chancen, dass sein Team in München etwas holt, stehen deutlich schlechter. Aber Dardai will sie nutzen.