Nach Schalke-Pleite

Dardai kritisiert naive Hertha – und sich selbst

Auswärts ausgekontert in Unterzahl: Die Last-Minute-Pleite auf Schalke zeigt, dass Hertha lernen muss, sich für gute Spiele zu belohnen.

 Rune  JarsteinTor ist bedient, Benedikt Höwedes hat gerade zum 1:0 für Schalke getroffen

Rune JarsteinTor ist bedient, Benedikt Höwedes hat gerade zum 1:0 für Schalke getroffen

Foto: Ottmar Winter

Salomon Kalou mit Marvin Plattenhardt, Fabian Lustenberger mit Sebastian Langkamp und Alexander Baumjohann, Trainer Pal Dardai mit seinen beiden Cotrainern – fast alle bei Hertha BSC liefen in kleinen Gruppen aus. Die taktischen Züge vom Vortag wurden noch mal diskutiert. In der Gruppe von Athletiktrainer Hendrik Vieth ging es darum, wie lange einem Spieler die konditionellen Grundlagen einer Vorbereitung erhalten bleiben. Einer jedoch lief allein – Vedad Ibisevic. Der Torjäger hatte den Kollegen beim 1:2 auf Schalke einen ­Bärendienst erwiesen. Mit der Roten Karte, die sich Ibisevic für ein Foul am davon sprintenden Max Meyer ein­gehandelt hatte, war das taktische Konzept von Hertha BSC bereits nach 18 Minuten dahin.

Ibisevics Übermotivation lag auch an der Kabinenrede

Nach dem Auslaufen stellte sich Ibisevic den Medien. „Ich wollte der Mannschaft helfen und den Schalker Angriff mit einem kleinen Foul stoppen“, erklärte er seine Sicht. „Aber der Gegner hat dann extrem beschleunigt. Ich habe nicht voll durchgezogen, weil ich ihn nicht verletzen wollte. Wegen der hohen Geschwindigkeit sieht das aber blöd aus. Die Rote Karte kann man ­geben.“ Für Ibisevic war es im 208. Bundesliga-Einsatz der dritte Platz­verweis, den er kassierte.

Die Szene war ein Schlüsselmomenten auf Schalke. Interessant für die Entwicklung von Hertha ist, wie die Beteiligten Rückschläge aufarbeiten. „Wenn Vedad übermotiviert ist, ist das ein bisschen auch meine Schuld“, sagte etwa Trainer Pal Dardai über seine Ansprache vor der Partie. Gleichzeitig fragt er aber den erfahrenen 31-Jährigen: „Was macht Vedad überhaupt da hinten?“

Schau an, der Trainer nimmt sich mit in die Kritik. Ebenso wie beim ersten Gegentor, wieder einmal nach einem Standard, diesmal war es Schalkes Benedikt Höwedes, der ins Berliner Tor köpfte. „Das ärgert mich“, sagte Dardai. „Das ist das gleiche Gegentor, das wir in Wolfsburg kassiert haben. Wir können nicht immer die gleichen Fehler machen.“ Deshalb hat er seine Mannschaft gefragt, ob bei diesen Situationen künftig Raumdeckung gespielt werden soll, statt der bisher praktizierten Manndeckung. „Das werden wir ab Dienstag trainieren.“

Hertha lernt offenbar lieber auf die harte Tour

Auch bei der letzten Szene in der Arena nahm sich der Trainer mit in die Fehlerkette. Da habe die Mannschaft etwas naiv nach vorne gespielt, um beim 1:1-Zwischenstand vielleicht noch den Siegtreffer zu erzielen. „Da habe ich meinen Teil daran, weil ich die ganze Woche über einen Sieg gesprochen habe“, sagte Dardai. Aber als Auswärtsteam müsse man in der Schlussphase mal mit einem Unentschieden ­zufrieden sein. Stattdessen lernt Hertha auf die harte Tour – Fehler werden gnadenlos bestraft. So ließen sich die Gäste in der zweiten Minute der Nachspielzeit auskontern, kassierten das 1:2 durch Max und fuhren mit leeren Händen nach Hause.

Doch ungeachtet der dritten Saisonniederlage zeigte der Hertha-Jahrgang 2015 erneut seine Fortschritte: Trotz Unterzahl, trotz Rückstand, trotz einer Kulisse, die die Schalker frenetisch unterstützte, kamen die Berliner zurück ins Spiel. Mitchell Weiser traf den Pfosten, Kalou köpfte zum 1:1 ein. In der Nachspielzeit hatte Lustenberger die Riesenchance zum zweiten Treffer. „Bei Hertha hat eine richtig gute Entwicklung stattgefunden“, lobte Schalkes Trainer André Breitenreiter.

Auch wenn die Blau-Weißen im dritten Vergleich gegen eine der Liga-Größen die dritte Niederlage bezogen - zuvor in Dortmund (1:3) und Wolfsburg (0:2) - bescheinigte Dardai: „Die Mannschaft hat in einer schwierigen Situation Charakter gezeigt. Es ist zu sehen, dass sich etwas getan hat.“ Kapitän Lustenberger wirbt um Vertrauen: „Es ist wichtig, dass wir jetzt nicht alles in Frage stellen, ­sondern weiterarbeiten.“

Platz zwölf ist nur drei Punkte entfernt

Nach der Zitterpartie der vergangenen Saison, als Hertha durchgehend im letzten Liga-Drittel stattfand, liest sich die aktuelle Tabelle beruhigend: Platz fünf – alles gut?

Doch die Blau-Weißen haben drei Auswärtsspiele in Folge. Nach der Partie auf Schalke geht es am kommenden Sonnabend zum FC Ingolstadt und am 27. Oktober in der zweiten Pokalrunde zum FSV Frankfurt. Die Liga liegt dicht beieinander, Platz zwölf ist nur drei Punkte entfernt. Deshalb fordert ­Dardai, dass seine Mannschaft schneller lernt. „Fußball ist Ergebnissport, es geht um Punkte.“