Er blieb einfach sitzen. Während um ihn herum die königsblaue Ephorie losbrach, registrierte Hertha-Coach Pal Dardai ohne Regung, wie sein Team einen schon sicher geglaubten Punktgewinn doch noch aus der Hand gab. Es lief bereits die zweite Minute der Nachspielzeit, als der Schalker Max Meyer den Ball zum 1:2 ins Netz bugsierte. Kurz darauf war die achte Berliner Niederlage in Gelsenkirchen in Folge besiegelt. Sebastian Langkamp blickte ungläubig auf den Videowürfel der Arena, Fabian Lustenberger vergrub sein Gesicht tief in seinem Trikot, Mitchell Weiser lag auf dem Rücken. Drei Spieler, eine Empfindung: Fassungslosigkeit.
Dabei waren die Berliner so nah dran an einem Überraschungscoup. In Unterzahl hatten sich die Hauptstädter den Ausgleich erkämpft – Salomon Kalou (73. Minute) egalisierte den Führungstreffer von Benedikt Höwedes (27.). Aber am Ende musste das Team von Trainer Pal Dardai dann doch noch den späten K.o. hinnehmen, weil es sich in des Gegners Arena und in Unterzahl auskontern ließ. „Erst einmal muss ich meiner Mannschaft ein Kompliment machen. Hut ab. Es lag am Glück und ein bisschen an unserer Naivität. Aber das soll kein Vorwurf an mein Team sein“, sagte Dardai.
Der Ungar vertraute der Startelf, die zwei Wochen zuvor den Hamburger SV bezwungen hatte. Mit einer Ausnahme: Für den an der Leiste verletzten Niklas Stark kehrte der wiedergenesene Sebastian Langkamp zurück. Nun zählt Langkamp nicht nur aufgrund seiner 1,90 Meter Körpergröße als der beste Berliner Kopfballspieler. Doch in den höheren Etagen des Abwehrzentrums offenbarten sich in der Anfangsphase besorgniserregende Freiräume.
Ibisevic fliegt nach grobem Foulspiel vom Platz
So kam zunächst Schalkes Leon Goretzka zum Kopfball (8. Minute), ehe zwei Minuten auch Stürmer Franco Di Santo versuchen durfte. Glück für Hertha: Goretzka köpfte deutlich zu hoch, Di Santo mehr oder weniger in die Arme von Hertha-Keeper Rune Jarstein.
Dardai forderte von seinen Spielern, enger dran zu sein. Ein Anliegen, dass Vedad Ibisevic scheinbar etwas zu wörtlich nahmen. Der Bosnier grätschte Meyer an der Mittellinie völlig unnötig von hinten in die Beine und sah von Schiedsrichter Marco Fritz glatt Rot (18.). „Da sieht Vedad ziemlich unerfahren aus“, sagte Dardai über den ziemlich erfahrenen 31-Jährigen nach dem Spiel. „Er darf da nicht so hingehen. Die Rote Karte kann man akzeptieren“, so der 39-Jährige. Die Folge: Hertha musste mehr als 70 Minuten in Unterzahl agieren.
Für die Berliner aber sollte es noch schlimmer kommen. Neun Minuten später legte sich Schalkes Johannes Geis den Ball an der rechten Eckfahne zurecht, flankte ihn platziert in den Strafraum, wo der heranstürmende Weltmeister Benedikt Höwedes das Spielgerät mit Anlauf ins Netz wuchtete – per Kopf, versteht sich. Weil Mannschaftskapitän Lustenberger zuvor von Di Santo an der Strafraumgrenze zu Boden gerungen worden war, protestierte Hertha zwar vehement, aber erfolglos. Von insgesamt zehn Gegentoren in dieser Saison kassierte Hertha nun bereits fünf nach Standardsituationen.
Die Schalker Führung war verdient. Die Gastgeber präsentierten sich als das bissigere Team, entschieden knapp 65 Prozent der Zweikämpfe für sich und agierten cleverer. Immerhin: Bis zur Halbzeit ließ Hertha nicht mehr viel zu. Um die zwei Torschüsse zu erkennen, die die Statistiker nach 45 Minuten verzeichneten, bedurfte es viel Fantasie. Dardai reagierte, brachte nach der Pause Alexander Baumjohann für Tolga Cigerci. Ein Plan, der aufgehen sollte. Hertha verschaffte sich Entlastung. Baumjohann und Salomon Kalou setzten gefährliche Nadelstiche.
Kalou köpft den Ausgleich für die dezimierten Berliner
Beeindrucken ließen sich die Schalker davon nicht. Das Team von André Breitenreiter drängte auf die Entscheidung. Weil aber Di Santo einen Lapsus von Jarstein nur beinahe ausnutzte (56.), Geis bei einem Freistoß zu unplatziert schoss (61.) und auch Eric Maxim Choupo-Moting seine Chance vergab (64.), kam es so, wie es im Fußball gerne kommt: anders, als man denkt. Nachdem Mitchell Weiser zuvor schon den Pfosten getroffen hatte, lief der nächste Hertha-Konter. Kalou aus dem Zentrum auf den rechten Flügel zu Weiser, der zurück auf Kalou, Kopfball – 1:1. Ungläubiges Staunen unter den meisten der 61.336 Zuschauern.
Aber dann kam die Nachspielzeit. Dann kam Meyer, und Hertha brachte sich um den eigenen Lohn. „Wir müssen am Ende das 1:1 sichern. Aber meine Mannschaft wollte gewinnen“, sagte ein trotzdem nicht unzufriedener Dardai. „Das müssen wir noch lernen.“




