Ein Gefühl in einem Bild: Vedad Ibisevic auf dem Rasen, um ihn herum ein riesiges Olympiastadion, Flutlicht unter schwarzem Himmel – und auf den Rängen kein Mensch mehr.
Gespenstische Stille, wo eben noch Herthas 2:0 gegen Köln besungen wurde. Freudetrunken waren die Berliner Fans Dienstagnacht längst nach Hause gegangen, als Ibisevic lächelnd mit der Mannschaft auslief. Eine Zufriedenheit, die nur einer empfinden kann, der weiß, dass er seine Arbeit erledigt hat.
Hätte man die 90 plus vier Minuten zuvor nicht gesehen, dafür aber das Auslaufen, man hätte trotzdem gewusst, wer der Spieler des Abends war. Nach seinen beiden Toren galt Ibisevic die volle Aufmerksamkeit seiner Kollegen. Der seit Dienstag 19 Jahre alte Nachwuchsmann Nico Beyer zum Beispiel tänzelte aufgeregt um den Stürmer herum, wie ein Erstsemestler um den Quarterback des Uni-Footballteams. Ibisevic hat ja mal in den USA studiert. Vielleicht kennt er das. Auch Kapitän Fabian Lustenberger und Alexander Baumjohann rempelten ihn liebevoll an. Ein nonverbaler Zuspruch.
Schon zwölf Doppelpacks in der Bundesligakarriere
Dass einer wie Ibisevic zwei Tore in einem Spiel macht, ist eigentlich nichts Ungewöhnliches. In seiner Karriere hatte der Bosnier zuvor schon zwölf Mal einen Doppelpack in der Bundesliga geschnürt, zwei Mal sogar drei Treffer in einer Partie erzielt. Aber diese Heldentaten stammen eben aus einer fernen Zeit.
Damals, 2009, als Ibisevic noch für Hoffenheim 18 Treffer in 17 Hinrundenspielen schoss. Nun aber lag sein letzter Treffer schon 601 Tage und 1419 Spielminuten zurück. Zwei Zahlen wie ein Abgesang auf einen Torjäger, der seine besten Zeit hinter sich hat. Deshalb waren die beiden Treffer jetzt außergewöhnlich. Wie Grüße an früher.
„Die letzte Zeit war für mich mit Sicherheit nicht einfach“, sagte Ibisevic. Das aber liege nun hinter ihm. „Ich hatte mir vorgenommen, dass ich in meiner neuen Mannschaft so schnell es geht mein erstes Tor mache.“
Torjäger der alten Schule
In der alten Mannschaft beim VfB Stuttgart, wo vor anderthalb Spielzeiten Ibisevics Niedergang begann, hatte ihn zuletzt keiner mehr liebevoll angerempelt. Dort wollten sie ihn nicht mehr haben, weil er als Stürmer alter Schule galt – keine Etikette ist im Zeitalter des modernen Tempofußballs mit falschem Neuner im Angriff negativer besetzt.
Die alte Schule aber war genau der Grund, warum Herthas Trainer Pal Dardai Ende August Ibisevic unbedingt verpflichten wollte, und das weniger als Notlösung, als gedacht. „Vedad kann töten. Das ist ein hartes Wort, aber es ist so“, sagte der Ungar. Damit gemeint war Ibisevics Fähigkeit beim Torabschluss, sein Instinkt und seine Kaltschnäuzigkeit.
„Vedad ist noch ein echter Mittelstürmer. Mit ihm haben wir vorn immer eine Anspielstation, und er bringt Kopfballstärke in unser Spiel. Von diesem Profil gibt es nicht mehr viele“, sagte Dardai.
Belächelt nach der Verpflichtung
Als Ibisevic vor wenigen Wochen in Berlin ankam, wurden Dardai und Herthas Manager Michael Preetz belächelt. Mit 31 und fehlender Spielpraxis sei der Angreifer ja wohl deutlich über seinem Zenit. Das Motiv vom abgehalfterten Ex-Star, der auf seinen letzten Runden noch ein bisschen Geld verdienen will, hat es im Fußball ja schon öfter gegeben. Auch in dieser Zeitung standen kritische Zeilen.
Aber vielleicht hat man Ibisevic unterschätzt – und die Kraft, die einer entwickeln kann, wenn er eine neue Chance bekommt. Er werde Ibisevic schon wieder hinkriegen, hatte Dardai gesagt. Nun gibt es erste Anzeichen, dass ihm das tatsächlich gelingen wird. Wie hat er das gemacht?
„Das war nicht schwer. Man muss ihm nur Vertrauen schenken und nicht so viel reden“, sagte Dardai der Berliner Morgenpost. „Vertrauen ist das Wichtigste für einen Stürmer. Denn das sind Künstler, und die haben eine andere Seele.“
Doppelspitze mit Salomon Kalou als Modell für die Zukunft
Durch Ibisevics Interpretation der Stürmerrolle als klassischer Torjäger hat sich Herthas Spiel verändert. Es hat nun eine Direktheit zum Tor entwickelt, die vorher fehlte. „Er ist ein Typ, den wir so nicht hatten“, sagte Preetz. Auch in der Mannschaft ist das zur Kenntnis genommen worden: „Man hat gesehen, wie wertvoll Vedad für uns sein kann“, sagte Lustenberger. Endlich kommen die Bälle in die Spitze nicht sofort wieder zurück. Endlich werden auch mal Kopfballduelle gewonnen.
Ein bisschen wie früher aber war ja auch die Aufstellung, die Dardai gegen Köln wählte. Dank Ibisevic konnte der 39-Jährige nun erstmals mit zwei Stürmern beginnen, wie es in der Vergangenheit gängige Praxis im Fußball war. Salomon Kalou griff neben Ibisevic an.
„Ich komme mit Salomon sehr gut klar auf dem Feld. Mit zwei Stürmern ist es leichter, weil man dann nicht immer allein gegen zwei Innenverteidiger spielen muss“, sagte Ibisevic. Auch Dardai und Preetz glauben, dass das Modell der Doppelspitze wieder Zukunft bei Hertha hat. Nur wohl nicht beim kommenden Auswärtsspiel gegen Eintracht Frankfurt am Sonntag.
Dardai hat Angst vor Überbelastung des Angreifers
Ibisevic hatte lange keine Spielpraxis in Stuttgart. Nun musste er in kurzer Zeit zweimal über 90 Minuten gehen, obwohl der Plan eigentlich nur 70 für ihn vorgesehen hatte. „Wir müssen bei ihm aufpassen, dass wir ihn nicht zu schnell überbelasten“, sagte Dardai. Muskelverletzungen drohen. Die Liste der Versehrten sei lang genug. „Bisher haben wir das gut kompensiert. Aber jetzt ist eine Grenze erreicht“, sagte Dardai.
Im dann dritten Spiel der englischen Woche in nur acht Tagen könnte es sein, dass Ibisevic vorerst auf der Ersatzbank sitzen und Kalou allein stürmen wird. Dardai will das in Absprache mit dem neuen Torjäger entscheiden.
Und dass ein Trainer ihn fragt, ob er spielen wird können, ist ja auch so ein Gefühl aus eher früheren Zeiten für Vedad Ibisevic.





