Die Hertha-Fans konnten kaum glauben, was sie da sahen. Nicht nur der ansehnliche Sieg der Berliner gegen Köln faszinierte den Anhang am Dienstagabend, auch das, was parallel auf der Videowand aufleuchtete.
Einerseits der geschichtsträchtige Fünferpack von Bayerns Robert Lewandowski – unfassbar, klar. Doch das, was sich derweil in Darmstadt abspielte, war das noch größere Fußballwunder, zumindest aus Hertha-Sicht.
Dort nämlich traf Sandro Wagner gegen Werder Bremen. Nicht einmal, sondern doppelt. Erst per Elfmeter zum 1:1 (30.), dann zum Sieg (84.). Ungläubiges Staunen.
Einzeltraining mit dem Torwart-Dummy
Bis Anfang August stand Wagner, 27, bekanntlich noch in Berlin unter Vertrag. Auch für Hertha hat er zwei Bundesligatore erzielt, benötigte dafür allerdings 40 Spiele. Zugegeben, dieser Vergleich hinkt ein wenig. Denn: Für Wagner, 1,94 Meter groß, blieb die Rolle im Team stets klein. Seine Startelfeinsätze in der ersten Liga lassen sich an einer Hand abzählen (fünf).
„Ich habe immer gesagt, dass ich kein Einwechselspieler bin“, sagte Wagner nach seinem ersten Tor seit April 2014 (!), „ich brauche Spiele von Anfang an.“ Daran war bei Hertha nicht ansatzweise zu denken.
Im Gegenteil: Als die Mannschaft ins Sommertrainingslager reiste, musste Wagner zu Hause bleiben. Zurück in Berlin, ließ Trainer Pal Dardai ihn allein auf einen aufblasbaren Torwart-Dummy schießen. Ein Wink mit dem größten Zaunpfahl, den Dardai auf dem Schenckendorffplatz finden konnte, aber sicher nicht die stilvollste Methode, um einen Profi zum Gehen zu bewegen.
Keine Zweifel an der Bundesligatauglichkeit
Das sah auch der Berliner Anhang so. Unter den Fans war plötzlich viel Mitgefühl zu spüren, Wagner stand schließlich immer für 100 Prozent Einsatz. Dass er so gut wie nie traf, hatten sie da längst in Liedform gegossen, irgendwo zwischen Schmäh- und Liebesbekundung.
In Darmstadt scheint Wagner nun sein Glück zu finden. Die „Lilien“ sind ja ein Spezialverein für Profis, die andernorts gescheitert sind. „Jetzt“, sagte Wagner am Dienstag, „jetzt weiß jeder einzelne in der Mannschaft, dass er gut genug für die Bundesliga ist.“
Seine Tore gegen Bremen, wo er einst ebenfalls ausgemustert wurde, dürften eine Genugtuung für ihn gewesen sein. Und den 12. Dezember hat sich Wagner sicher schon rot im Kalender angestrichen. Dann kommt Hertha BSC ans Böllenfalltor.


