Hertha BSC

Hertha gegen Stuttgart ist ein Kampf der Systeme

Hertha BSC empfängt am Sonnabend den VfB Stuttgart. Ein Duell, das auch die Antwort auf eine Grundsatzfrage liefern wird: Sicherheit oder Risiko?

Foto: imago/ActionPictures

Berlin. „Eine Magnettafel“, sagt Pal Dardai, „reicht einfach nicht mehr.“ Die Spielergeneration von heute wachse schließlich schon mit Laptops auf, also könne, ja sollte man diesen Segen der Technik auch tunlichst nutzen. Kritik an der Generation „Laptop-Trainer“, so wie sie der frühere Bayern-Profi und heutige Fernseh-Experte Mehmet Scholl in dieser Woche vorbrachte? Ist Herthas Chef-Coach fremd – auch in einer anderen Grundsatzfrage.

Neben der These, dass die ach so fortschrittlichen Trainer-Schlaumeier zu taktikfixiert seien, ­hatte Scholl ja noch eine zweite auf­gestellt, nämlich die, dass nur derjenige einen Profi verstehen könne, der früher einmal selbst erfolgreich gegen den Ball getreten hat.

Ob Ex-Profi oder nicht: Am Ende zählen die Punkte

Dardai sieht das anders. Man könne einen „Riesen-Laptop“ oder als Ex-Profi eine „große Fresse“ haben, sagt Herthas Rekordspieler, „aber am Ende zählen nur die Punkte.“

Punkte sind genau das, was Herthas nächstem Gegner VfB Stuttgart fehlt (Sonnabend, 15.30 Uhr, Olympiastadion). Trainiert werden die Schwaben seit dieser Saison von Alexander Zorniger, jenem Mann, der zur personifizierten Zielscheibe des Scholl’schen Verbaldribblings wurde. Beide erwarben einst gemeinsam ihre Fußballlehrer-Lizenz. Das von Scholl diskreditierte „Kursbestengesicht“, es gehörte damals Zorniger.

Aktuell dürfte sich Scholl in seinen Aussagen bestätigt fühlen. Der VfB sammelte in den ersten drei Spielen der Saison statt Punkten (null) vor allem Gegentore (zehn). Dardai, dem Spielerversteher, gelang es indes, sein Team auf halbwegs stabile Füße zu stellen. Ein Sieg in Augsburg, ein Remis gegen Werder Bremen und eine vergleichsweise knappe Niederlage bei Borussia Dortmund – ein respektabler Saisonstart.

Mit einem Erfolg gegen Stuttgart würde nicht nur das Punktekonto weiter anwachsen, sondern auch das Selbstvertrauen. Hertha möchte die Welle der positiven Grund­stimmung so lange reiten wie möglich.

Aggressives Pressing – blitzschnelles Umschalten

Ein Heimspiel gegen ein Team, das bereits jetzt unter Druck steht, erscheint dafür auf den ersten Blick dankbar. Die Basis für den Klassenerhalt, das hat Dardai schon vor dem Saisonstart betont, muss Hertha schließlich zu Hause legen.

Hertha gegen Stuttgart, das ist auch der Kampf zweier Systeme. Zorniger, 47, der zuvor mit der Aufgabe betraut war, RB Leipzig in Richtung Bundesliga zu pushen, hat sich Großes vorgenommen beim Traditionsklub.

Seine Vision: ein fortschrittlicher Fußball, der an den spektakulären Hurra-Stil des BVB unter Jürgen Klopp erinnert. Ein „Ball-Jagen“-Spiel; mit aggressivem Pressing und blitzschnellen Umschaltmechanismen. Das Problem: Noch geht der Plan nicht auf.

Unter Dardai geht Sicherheit vor

Weniger ambitioniert geht Dardai seinen Job an. Im Abstiegskampf der vergangenen Saison war für die B-Note ohnehin kein Platz. Also konzentrierte sich der Ungar auf das Wesentliche, darauf, die Mannschaft als Ganzes zu stabilisieren und Gegentore zu ver­hindern. Das gelang.

In der Sommerpause kündigte Dardai an, dass seine Spieler künftig mehr Fußball spielen statt Fußball verhindern sollen. An den Stellschrauben Ballbesitz und Passsicherheit wurde erfolgreich gedreht, jedoch ohne dabei die defensive Stabilität zu vernachlässigen.

Sicherheit geht vor. In Berlin sind sie überzeugt: Mit einem Spielstil, wie ihn der VfB an den Tag legt, würde Hertha im Schnitt fünf Gegentore kassieren. In der Realität sind es nach drei Partien nur 1,3.

Defensive Stabilität: Eine Frage des Abstands

In Stuttgart regiert hingegen das ­Risiko. Neben den Offensivspielern schalten sich auch die beiden Sechser und die sehr offensiv ausgerichteten Außenverteidiger in die Ball-Jagd ein. Dadurch entstehen jedoch große ­Lücken vor der Vierer-Abwehrkette. Ist der erste Block überspielt, hat der ­Gegner Platz.

Defensive Stabilität ist auch eine Frage des Abstands. Bei Hertha haben sie unter Dardai gezielt daran gearbeitet, die Räume zwischen einzelnen Positionen zu verringern. Beim VfB sind die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen bislang zu groß.

Nicht das einzige Problem der Stuttgarter. Die permanente Hatz nach dem Spielgerät kostet Kraft – Kraft, die gegen Ende des Spiels fehlt. Sechs von zehn Gegentoren kassierte die Zorniger-Elf in der Schlussviertelstunde, dem Zeitraum, in dem Dardai einen frischen Joker bringt.

Zugang Ibisevic soll sein Hertha-Debüt geben

Gegen Stuttgart wird das wohl Vedad Ibisevic sein, der in seinem ersten Einsatz für Hertha nur allzu gern einen Tor-Gruß in ­Richtung Stuttgart schicken würde. Zur Erinnerung: Unter Zorniger war Ibisevic gnadenlos aussortiert worden.

Einer, der die Rolle des Einwechselspielers bislang zweimal übernahm, wird gegen Stuttgart erstmals in der Startelf stehen. Sommerzugang Mitchell Weiser, 21, ersetzt hinten rechts den verletzten Peter Pekarik.

Auf ihn wartet gleich ein erster Härtetest. Er wird es mit Flügelspieler Filip Kostic zu tun bekommen, der zum Ende der Transferperiode heftigst vom FC Schalke umgarnt worden war.

Für Dardai kein Grund zur Beunruhigung. „Wir schicken unseren Spieler gezielt Szenen unserer Gegner zu“, sagte der Hertha-Coach und lächelte, „direkt auf ihr Smartphone.“