Immer Hertha

Wie Hertha BSC am Aufschwung des deutschen Fußballs leidet

Seit Jahren hat es kein Herthaner mehr in die Nationalelf geschafft. Identifikationsfiguren wie Erich Beer fehlen schmerzlich.

Goldene Zeiten in Schwarz-Weiß- Hertha fehlen Identifikationsfiguren wie Erich Beer

Goldene Zeiten in Schwarz-Weiß- Hertha fehlen Identifikationsfiguren wie Erich Beer

Foto: picture-alliance / Sven Simon / pa/Sven Simon

Sebastian Deisler stapfte durch den Tunnel und schaute. Marko Rehmer blieb stehen und wunderte sich. Das war er, dieser schmucklose graue Gang mit festgetretenem Sandboden? Dies war jener Tunnel, in dem der legendäre „Wembley-Roar“ dafür sorgte, dass gestandene Nationalspieler weiche Knie bekamen. Hm, das habe er sich anders vorgestellt, sagte mir Rehmer.

Es war das Abschlusstraining für das allerletzte Spiel jener Arena, die fortan nur das alte Wembley-Stadion hieß. Natürlich waren keine Fans da. Erst am nächsten Tag füllte sich die Kultstätte des englischen Fußballs. 76.400 Zuschauer erlebten das Match im Oktober 2000. Es war ein historisches. Nicht, weil Deutschland gegen England 1:0 gewann, sondern weil es die letzte Partie im Wembley war, die Arena wurde im Anschluss abgerissen.

Mit Deisler, Rehmer, Stefan Beinlich und Dariusz Wosz standen vier Herthaner im Auf­gebot des Deutschen Fußball-Bundes. Aktuell geht gerade eine Länderspielpause zu Ende. Die Zahl der deutschen A-Nationalspieler bei Hertha beträgt: null. Seit Jahren hat es kein Herthaner mehr in die Nationalelf geschafft. Um genau zu sein: Arne Friedrich trug 2010 bei der WM in Südafrika im Achtelfinale gegen England (4:1) als letzter Herthaner das Trikot mit dem Bundesadler. Im Viertelfinale am 3. Juli 2010, in dem Friedrich beim 4:0 gegen Argentinien sein einziges Länderspieltor erzielte, stand er bereits beim VfL Wolfsburg unter Vertrag.

Anruf vom Bundestrainer

Die Sehnsucht in der Stadt ist groß nach einer Identifikationsfigur, wie es Erich Beer war mit seinen Länderspielen zwischen 1975 und 1978. Doch die Bilanz von Hertha, das seit 2001 eine hochgelobte Nachwuchsarbeit betreibt, lautet: Seit fünf Jahren hat es kein Herthaner in die deutsche Nationalelf geschafft. Das letzte Eigengewächs, das als U21-Nationalspieler quasi automatisch eine Perspektive für die Löw-Truppe hat, war Nico Schulz. Doch der musste in der gerade beendeten Transferperiode nach Mönchengladbach verkauft werden.

So hochdekoriert die Jugendabteilung ist: Hertha leidet unter dem Aufschwung, den der deutsche Fußball in den vergangenen zehn Jahren genommen hat. Vorbei sind die Zeiten, wo ich als Hertha-Reporter am Trainingsplatz stand und plötzlich schallendes Gelächter aus der Trainingsgruppe hörte und dann kräftigen Applaus. Was war los? Der Pressesprecher hatte Trainer Jürgen Röber ein Handy gereicht, der Bundestrainer.

Der sagte seinem Hertha-Kollegen, er brauche dringend einen linken Verteidiger. Röber erwiderte, dass Michael Hartmann dort spiele. Den schick mir mal vorbei, sagte der Bundestrainer und legte auf. Folge: Seit Sommer 2003 hat Hartmann vier Länderspiele in seiner Vita stehen (Serbien, Kanada, die Färöer und Island).

Jugend hat Entwicklungspotential

Vorbei die Zeit, in der ein Termin beim Nationalteam in Florida damit ­endet, dass der Nationalspieler sagt, er müsse mal raus aus dem Quartier, ihm falle die Decke auf den Kopf. Ob ich mit dem Wagen da sei. Ja, war zwar nur ein koreanischer Kleinwagen. Aber Michael Preetz verstaute seine langen Beine im Auto. Irgendwo auf Amelia Island tranken wir in einem Diner einen Kaffee.

Bei der WM 2014 spielten zwar sechs Profis aus Herthas Talentschuppen, Jerome Boateng wurde gar ­Weltmeister, doch ein Juwel dieser ­Qualität ist für Hertha schon lange nicht mehr zu ­bezahlen.

Der Blick auf den Hertha-Jahrgang 2015/16 ergibt: Gestandene Spieler wie Torwart Thomas Kraft, Abwehrchef Sebastian Langkamp, Jens Hegeler, Alexander Baumjohann oder Julian Schieber treffen Bundesliganiveau, aber kein internationales. Die Youngster Mitchell Weiser (21) Marvin Plattenhardt (23) und Niklas Stark (20) haben die Zukunft vor sich, müssten sich aber stark entwickeln, um Alternativen für Bundestrainer Joachim Löw zu werden.

Der Betrachter ahnt: Hertha wird auch in dieser Saison alle Kraft aufwenden, um die Bundesliga zu halten. Identifikation hin, Erich Beer her – einen deutschen Nationalspieler kann sich Hertha wohl auch 2015/16 nicht leisten.