Es war kurz nach Mitternacht, als eine einzelne Feuerwerksrakete über Kreuzberg in den Himmel stieg und in luftiger Höhe in blaue und weiße Einzellichter zerstob. In unmittelbarer Nähe saßen in einem Biergarten 30 Anhänger von Hertha BSC. Für die meisten Fußball-Fans beginnt an diesem Wochenende die schönste Zeit des Jahres – die Bundesliga startet in die neue Saison.

Spötter behaupten, dass mit dem Liga-Start für die Anhänger von Hertha die schönste Jahreszeit endet: Jene Phase im Sommer, in der Spieler gehen, neue kommen. Träumen ist erlaubt, ob diesmal die eine Verpflichtung gelingt, die Hertha auf ein neues Niveau hebt. In jedem Fall ist der Sommer die Zeit, in der es keine Enttäuschungen in Form von Pflichtspiel-Niederlagen gibt.

In dem Biergarten am Flaschenhals-Park wurde Geburtstag gefeiert. Seit fünf Jahren gibt es Immerhertha, den Blog der Berliner Morgenpost. In schwerer Zeit, 2010 nach dem Abstieg in die Zweite Liga, gegründet, ging die Reise zunächst nach Oberhausen, Aachen und Aue. Hertha rackerte sich durch Liga zwei, der Blog gewann rasch an Reiseflughöhe. In Gemeinschaft sind die Härten des Lebens, etwa ein verlorenes Derby im Olympiastadion gegen den 1. FC Union, leichter zu ertragen.

Gemeinsam ins Olympiastadion

Die Immerhertha-Gemeinde wuchs – und entwuchs rasch dem Internet. Der Kommentarschreiber, eben noch im Netz gelesen, stand plötzlich am Trainingsplatz im Plausch mit dem Hertha-Reporter der Morgenpost. Rasch folgte ein Stammtisch im „Leuchtturm“. Die Kontakte wurden vertieft. Bald ging es gemeinsam ins Olympiastadion. Leute, die bisher ihr Leben lang keine Auswärtsspiel gesehen hatten, fanden sich auf der nächtlichen A2 wieder im Immerhertha-Shuttle und räsonierten über einen chancenlosen Auftritt von Hertha bei Borussia Dortmund.

Ja, der Umgang mit Enttäuschungen zieht sich durch die vergangenen fünf Hertha- und damit Blog-Jahre. Dabei zu sein verlangt ein stabiles Nervenkostüm: ein Jahr Zweite Liga, Aufstieg, Bundesliga, erneuter Abstieg, Wiederaufstieg. Seit 2013 hält Hertha das Oberhaus, wenn auch knapp wie in der abgelaufenen Saison. Als Trainer schauten vorbei die Herren Babbel, Skibbe, Rehhagel, Luhukay und nun seit Februar Pal Dardai.

250.000 Kommentare in fünf Jahren

Die Immerhertha-Gemeinde ist meinungsstark. In fünf Jahren sind mehr als 250.000 Kommentare im Blog eingegangen, Tendenz steigend. Ungeachtet der sportlichen Turbulenzen, wurden die On- und Offline-Aktivitäten ausgebaut. Sowohl im Juli 2014 als auch in diesem Juli reisten Immerhertha-Gruppen in die Steiermark, um das Team im Trainingslager zu erleben.

Der im Olympiastadion hin und wieder zu sehende Spruch „Wahre Liebe kennt keine Liga“ klingt lässig. Aber die Rückschläge der vergangenen Jahre haben Narben hinterlassen. Der Fan des Hauptstadt-Klubs sieht es nicht gern, dass Vereine aus Augsburg, Mainz oder Köln deutlich besser ­abschneiden. Gleichwohl, wenn die Sommerpause sich dem Ende zuneigt und blau-weißes Feuerwerk den Nachthimmel über Kreuzberg erleuchtet, regiert die Hoffnung.

Die Immerherthaner sehen Hertha auf Rang 12

30 Immerherthaner hatten sich zum Blog-Geburtstag versammelt. Eine Frage galt es schriftlich zu beantworten: Auf welchem Rang beendet Hertha die ­Saison 2015/16? Nur zwei der Anwesenden sehen ihren Klub absteigen. Drei Immerherthaner votierten, dass die Mannschaft abschneidet wie im Vorjahr, auf Rang 15. Die verbleibenden 25 Stimmen erwarten, dass ihr Verein besser wird. Das optimistischste Votum sieht Hertha im Mai 2016 auf Platz acht. Die meisten Stimmen ent­fielen darauf, dass Hertha als ­Zwölfter einläuft.

Die Übersetzung dieser Wahl darf als Hoffnung verstanden werden: die Bitte an Hertha um eine sorgenfreie Saison. Ob London, Paris oder Madrid – andernorts werden von Hauptstadt-Klubs Meistertitel und die Teilnahme an der ­Champions League erwartet.

Da mutet das Ergebnis von der ­Immerhertha-Party geradezu bescheiden an – erlebt man auch nicht alle Tage in Berlin.