Hertha BSC hat einen neuen Torwart. Er heißt Pal Dardai, ist ungewöhnlich klein für einen Schlussmann und verfügt nicht mehr ganz über das geeignete Kampfgewicht. Aber am Mittwoch stand der Chefcoach der Berliner bei einem Trainingsspiel zwischen den Pfosten, weil Stammkeeper Thomas Kraft die Einheit wegen eines lädierten Fußes abbrechen musste.
Kraft wird am Sonnabend bei Herthas erstem Bundesligaspiel der neuen Saison gegen Augsburg (15.30 Uhr) trotzdem auflaufen, sodass sich Dardai seiner Hauptaufgabe widmen kann. Im aufgestellten Handballtor allerdings schlug sich der Ungar gar nicht so schlecht und sagte danach: „Bei dem kleinen Tor kann ich das mit meinem Bauch schön zumachen.“
Dardai liebt solche Späße mit Journalisten. Sie lenken wunderbar vom Wichtigen ab. Und das ist so kurz vor dem Bundesligastart die eigene Mannschaft, die immer noch nicht final zusammengestellt ist.
Bisher kaum Transfereinahmen erzielt
Zwei Neue (Vladimir Darida und Mitchell Weiser) sind bisher da – drei, wenn man großzügig rechnet und den nach Ausleihe zurückgekehrten Sami Allagui mitzählt. Im Gegensatz zum vergangenen Jahr, als zehn Profis kamen, wurden bisher kaum Transfereinnahmen erzielt (nur die rund 500.000 Euro für Fabian Holland/Darmstadt).
Deshalb steckt Hertha in einer kniffligen Lage: Es sind nur sehr begrenzte finanzielle Mittel vorhanden. Sie müssen so verschoben werden, dass der Bedarf im Kader bis zum Schließen des Transferfensters am 31. August bestmöglich gedeckt ist.
Herthas Manager Michael Preetz muss sich gerade vorkommen, als hielte er einen Zauberwürfel in der Hand: Bewegt er einen Baustein, bewegen sich viele andere mit. Noch ist unklar, ob am Ende alles zueinanderpassen wird.
Erste Anfragen für Schulz
Einer der aktuell wichtigsten Bausteine heißt Nico Schulz. Hertha hat dem 22 Jahre alten Flügelspieler aus der eigenen Jugend seit längerem einen neuen Vertrag vorgelegt. Aber Schulz will seinen noch bis 2016 laufenden Kontrakt nicht vorzeitig verlängern.
Und weil Hertha den U21-Nationalspieler, der bei der Nachwuchs-EM in Tschechien im Sommer und zuletzt gegen Bielefeld (2:0) mit einer Torvorlage auf sich aufmerksam gemacht hat, auf keinen Fall im nächsten Jahr ablösefrei ziehen lassen möchte, soll er noch in dieser Transferperiode verkauft werden. Erste Anfragen gibt es bereits.
Schulz selbst hält sich beim Thema zurück: „Ich habe intern alles gesagt. Das war mir wichtig. Ich will mich jetzt nur auf Fußball konzentrieren. Wenn ich irgendwelche anderen Dinge im Kopf habe, ist das für keine Seite gut“, sagte Schulz der Morgenpost. Von der Personalie hängt einiges ab: Geht er für eine marktgerechte Summe, hat Preetz mehr Geld zum Einkaufen, muss aber wohl Ersatz suchen. Nachwuchsspieler Maximilian Mittelstädt, 18, ist noch etwas zu unerfahren.
Dzsudzsak ist zu teuer
Schulz, ausgebildet als Linksverteidiger, hat bei Dardai meist im linken Mittelfeld gespielt. Für diese Position wünschte sich der Trainer aber mit Nachdruck einen anderen Spieler: Balazs Dzsudzsak, 28, Kapitän der ungarischen Nationalelf, und bis Jahresende an Dynamo Moskau gebunden.
In einem am Dienstag veröffentlichten Interview in Ungarn hat Dzsudzsak gesagt, er warte, endlich zu Hertha wechseln zu dürfen. Sogar auf Gehalt würde er verzichten: „Ich habe mich bereits mit Pal und Hertha darauf geeinigt“, sagte er.
Richtig ist aber, dass es keine Einigung gibt und der Ungar nicht kommen wird. Das Gesamtpaket aus Ablöse, Gehalt und Bonuszahlungen, das Dzsudzsak für vier Jahre kosten würde, betröge 20 bis 25 Millionen Euro – eine nicht zu stemmende Summe, zumal auf einer Position, auf der Hertha nicht unterbesetzt ist. Dzsudzsak soll sich nun mit dem türkischen Erstligisten Bursaspor einig sein.
Ronny zieht es in die Türkei
In der türkischen Liga könnte Dzsudzsak bald auf Ronny treffen, dem zweiten große Baustein im Personal-Zauberwürfel. Der Brasilianer soll gehen, auch wenn Dardai am Mittwoch sagte: „Ronny hat sich gesteigert.“
Es gab ein konkretes Interesse von Lokomotive Moskau, aber das hat sich ebenso zerschlagen wie jenes von Besiktas Istanbul. Ronnys Berater Dino Lamberti versucht weiter, seinen Spieler in der Türkei unterzubringen. Als Notlösung wird in den kommenden Tagen ein konkretes Angebot aus Saudi-Arabien für den 29-Jährigen erwartet.
Madlung im Wartestand
Fest steht nur, dass Ronny gehen wird. Bis es soweit ist, erschwert dieser Baustein das Verschieben der anderen. Hertha sucht noch einen Innenverteidiger als Ersatz, dazu einen „Mann für die Offensive“, wie es intern heißt, und einen Stürmer.
Ob ein neuer Angreifer verpflichtet wird, hängt davon ab, wann die verletzten Allagui (demnächst) und Julian Schieber (nicht absehbar) zurückkehren – und wer zu bekommen ist. Hier wird Hertha wohl bis kurz vor Ende der Transferperiode warten, um im Endspurt einen schnellen Angreifer zu verpflichten.
In der Abwehr dagegen steht schon ein Mann bereit: Alexander Madlung, 33, hat sich mit Hertha schon auf Vertragsinhalte geeinigt und den Medizincheck absolviert. Schnell ist der Ex-Herthaner (1999-2006) nicht, aber vereinslos. Er würde gern zurückkommen. Aber die Berliner warten noch ab. Madlung ist einer der hinteren Bausteine.




