Es wird kein langsames Hineingleiten in die neue Saison geben gegen irgendeinen Viert- oder Fünftligisten. Hertha BSC startet in das neue Spieljahr im DFB-Pokal bei Zweitligist Arminia Bielefeld (Montag, 18.30 Uhr). Auf der Alm wartet exakt jener Gegner, gegen den sich die Berliner im Oktober 2014 blamiert hatten und im Elfmeterschießen ausgeschieden waren (2:4).
Nach der unbefriedigenden Vorsaison werden die Pokalpartie in Bielefeld sowie der Liga-Start beim FC Augsburg (15. August) die Atmosphäre bestimmen, wie der Hauptstadt-Klub in die neue Saison geht. Das Spieljahr 2015/16 wird ein entscheidendes für die beiden Frontleute bei Hertha, Trainer Pal Dardai und Manager Michael Preetz. Wer ist Dardai? Und was kann Preetz?
Der jüngste Trainer der Branche
Dardai ist mit 39 Jahren der jüngste Trainer im deutschen Profigeschäft. Er ist seit Juli zum ersten Mal als Chefcoach im Einsatz. Preetz, der Rekord-Torjäger von Hertha, sagt über Dardai, den Rekordspieler: „Pal lebt als Trainer so, wie er als Spieler war. Er ist sehr ehrgeizig. Und er bringt eine natürliche Härte mit, scheut vor schwierigen Entscheidungen nicht zurück.“
Während die Vorgänger des Ungarn das Überbringen negativer Botschaften gern dem Manager überließen, wird Dardai selbst aktiv. Beispiel John Heitinga: Am Ende der vergangenen Saison erklärte der Hertha-Trainer dem niederländischen Vizeweltmeister von 2010: „John, du hast die beste Ausbildung, das beste Stellungsspiel aller Verteidiger im Kader. Aber dein Speed reicht nicht mehr für die Bundesliga. Ich plane nicht mit dir.“ Folge: Heitinga wechselte zu Ajax Amsterdam.
Robuster Umgang mit Wagner und Niemeyer
So etwas registriert die Mannschaft. Ebenso wie den robusten Umgang des Trainers mit Sandro Wagner und Peter Niemeyer, die mit Nachdruck zu einem Vereinswechsel bewegt wurden. Beide spielen nun beim SV Darmstadt.
Dardai hat als langjähriger Herthaner einen großen Bonus bei den Fans. Gleichwohl gibt es Bedenken. Ob seine Art der Motivation, an Ehre, Einsatz und Kampfbereitschaft zu appellieren, sich im Fall einer Negativserie nicht rasch abnütze? Verfügt er über das Knowhow, seinem Team spielerische Mittel an die Hand zu geben, um in der Bundesliga zu bestehen? Auch intern herrscht Ungewissheit. Ein Leistungsträger sagte der Morgenpost: „Den wahren Dardai werden wir erst im Lauf der Saison kennenlernen.“
Hertha baut die medizinische Betreuung aus
Wenn Dardai beschrieben wird, fällt häufig der Begriff „bauernschlau“. Aber das trifft es nicht. Dardai hat sehr unterschiedliche Seiten. Einiges von dem, was bei Hertha im Hintergrund läuft, wird nicht groß kommuniziert. Während Vorgänger Jos Luhukay sich vehement gegen Neuerungen sträubte, legte Dardai Wert darauf, als erstes bei seinem Amtsantritt im Februar einen Athletiktrainer zu installieren (Hendrik Vieth). Mit Henrik Kuchno wurde im Sommer ein zweiter verpflichtet. Die tägliche medizinische Begleitung der Profis wurde ausgeweitet. Mittlerweile wird den Spielern regelmäßig Blut abgenommen, um den Stresslevel bestimmen zu können. Der Trainerstab erhält gleich zu Tagesbeginn Informationen, wie es um die Regeneration der Spieler steht. Ob ein Profi vielleicht weniger belastet werden sollte, um einer drohenden Verletzung vorzubeugen.
So volkstümlich Dardai manchmal auftritt, gehört auch zur Wahrheit: So wissenschaftlich wie heute war das Hertha-Training noch nie.
Präsidium-Wahl im Mai 2016
Ob Dardai das Format hat, Hertha sicher durch die Saison zu führen, liegt noch in der Zukunft. Klar ist: Herthas Führung vertraut Dardai. Manager Preetz weiß, dass sein Klub in dieser Saison eine ordentliche Reiseflughöhe erreichen sollte. Ein Abstieg darf nicht passieren. Auch die rumpelige Vorsaison sollte sich nicht wiederholen.
Am Ende des jetzt beginnenden Spieljahres wählen die Hertha-Mitglieder im Mai 2016 ein neues Präsidium. Ob Präsident Werner Gegenbauer erneut antritt, dazu will er sich derzeit nicht äußern. Gegenbauer ist die wichtigste Bezugsperson für den Manager. „Wir wollen eine sorgenfreiere Saison hinlegen als zuletzt“, sagt Preetz, „natürlich hilft eine ruhige Saison, wenn am Ende Präsidiumswahlen anstehen.“
Effenberg ist skeptisch
Seit 2009 lenken Gegenbauer und die Geschäftsführung Preetz/Ingo Schiller die Geschicke. Sie haben Hertha als hoch verschuldeten Tabellen-Vierten übernommen. Die sportliche Bilanz weist zwei Abstiege und zwei Aufstiege aus. Aktuell spielt Hertha erstmals in dieser Ägide ein drittes Erstliga-Jahr in Folge. Wirtschaftlich konnten Herthas zinstragende Verbindlichkeiten (wegen des Einstiegs von Finanzinvestor KKR) auf Null gesenkt werden.
Manager Preetz steht vor einem gewaltigen Spagat. Einerseits besagt die Realität: Die ersten sieben, acht spielen ums internationale Geschäft, alle anderen gegen den Abstieg. Dazu gehört Hertha. Andererseits sehnen sich die Fans nach etwas, was Hertha länger nicht geboten hat: Fußball, der Spaß macht. Ein, zwei Spieler, vielleicht aus dem eigenen Nachwuchs, die sich rasant entwickeln. Überhaupt eine Entwicklung, die klar macht: Wofür steht Hertha? In der Liga glauben nicht viele an den Hauptstadt-Klub. Die Experten vom Schlage eines Stefan Effenberg zählen Hertha zu jenen Teams, die um den Klassenerhalt zittern müssen.
Eine gute Saison braucht Zuversicht
Dardai und Preetz stehen auf dem Prüfstand: Mit Blick auf die Vorgeschichte in Bielefeld wäre ein gelungener Pokal-Auftakt auf der Alm Gold wert für ein intaktes Selbstbewusstsein bei Hertha. Das ist nötig, damit die Hertha-Saison 2015/16 die erforderliche Reiseflughöhe bekommt.





