Bundesliga

Hertha sucht eine Torwart-Hierarchie

Thomas Kraft ist die Nummer eins, Sascha Burchert wird bis Weihnachten an Valerenga Oslo ausgeliehen, Malmö FF buhlt um Rune Jarstein

Einer fehlt: Sascha Burchert (Mitte)

Einer fehlt: Sascha Burchert (Mitte)

Foto: Annegret Hilse / dpa

Schladming. – Von einem Geschenk konnte man nun wirklich nicht sprechen, wenn, dann höchstens von einem schlechten. Thomas Kraft wurde an seinem 27. Geburtstag mit einem Pressegespräch beschert und hatte den Journalisten am Mittwoch Rede und Antwort stehen.

Nichts, was zu den Lieblingsbeschäftigungen von Herthas Nummer eins zählt. Nicht, dass Kraft keine Meinung hätte. Aber das, was die breite Öffentlichkeit über ihn denkt, interessiert ihn nicht besonders. „Für mich“, sagt Kraft, „ist nur wichtig, was die Leute sagen, mit denen ich arbeite. Und das ist ein kleiner Kreis.“

Von Schladming über Berlin nach Oslo

Zu besagtem Zirkel zählen auch seine Torhüterkollegen, wobei anzumerken ist, dass bei fünf Keepern im Profi-Kader eines Bundesligisten von einem „kleinen Kreis“ keine Rede mehr sein kann. In knallroten Trikots bildete das Quintett auf dem ersten Mannschaftsfoto der Saison eine regelrechte Wand. Auch Kraft merkte an, dass das Training in dieser Konstellation „nicht optimal“ sei, schließlich könne der Torwarttrainer so nicht all seinen Schützlingen gerecht werden.

Seit Mittwoch hat sich das Gedränge rund um die Pfosten etwas entspannt. Ein erstes Steinchen ist aus der roten Mauer herausgebrochen. Am frühen Nachmittag bestätigte Hertha, was die Morgenpost zuvor exklusiv berichtet hatte: Dass Sascha Burchert, 25, zum Medizincheck nach Oslo gereist ist. Der Berliner, der sich ab 2002 durch Herthas Jugendabteilung bis zu den Profis arbeitete, wird bis zum Winter an den norwegischen Erstligisten Valerenga ausgeliehen werden, trainiert von Hertha-Legende Kjetil Rekdal. Heute trainiert Burchert erstmals mit den neuen Kollegen, am Montag steht er erstmals im Valerenga-Tor im Punktspiel gegen Lilleström SK.

Sind Gersbeck und Körber schon weit genug?

Nun ist Burchert, der im Test gegen den SV Grödig am Dienstag seinen letzten Auftritt im Hertha-Trikot hatte, nicht die einzige spannende Torwartpersonalie beim Berliner Bundesligisten. Die schwedische Tageszeitung „Kvällsposten“ bringt Herthas Nummer zwei, Rune Jarstein, mit dem Topklub Malmö FF in Verbindung. Er soll den zu Paok Saloniki gewechselten Stammkeeper Robin Olson ersetzen. Der Abgang des norwegischen Nationaltorhüters würde die bis dahin komfortable Besetzung der Berliner gehörig auf den Kopf stellen. Denn die Zahl der Bundesliga-Einsätze des dann verbleibenden Reservisten-Duos aus Marius Gersbeck, 20, und Nils Körber, 18, ist überschaubar: eins.

„Mit einem Abgang von Rune muss ich mich nicht beschäftigen“, sagt Kraft. Erfahrung sei gut, sicher. Aber Erfahrung allein halte auch keine Bälle. Ob er den Jungspunden schon zutraue, im Falle seines Ausfalls in die Bresche zu springen? Kraft druckst ein wenig herum, ehe er sagt: „Sicher. Die jungen Torhüter machen einen guten Job.“

Kraft mag nicht über den Abgang von Richard Golz reden


Viel lieber als über Personalien redet Kraft über das Training. Das passt zu ihm, schließlich sagt man ihm seit seiner Zeit in München das „Bayern-Gen“ nach, sprich: einen fast manischen Ehrgeiz. Unter Richard Golz hatte Kraft das Gefühl, sich nicht mehr zu verbessern – also musste der Torwarttrainer in der Sommerpause gehen. Was ihn an den Methoden von Golz gestört hat, will Kraft nicht verraten.

„Richard Golz ist nicht mehr unser Trainer“, sagt er betont genervt, „damit ist für mich ein Haken dahinter.“ Von seinem neuen Coach, dem Ungarn Zsolt Petry, scheint Kraft angetan. Dessen Training sei darauf ausgerichtet, was das Spiel fordert, sagt der Keeper, darauf, vorausschauend zu agieren und die richtigen Positionen zu finden.

Dardai gilt nicht als Jarstein-Fan, sein Torwarttrainer schon

Darüber, wo die richtige Position für Rune Jarstein ist, sind sie sich bei Hertha momentan noch uneinig. Die sportliche Führung hatte dem 30-Jährigen Ende Mai einen Vereinswechsel nahegelegt. Auch in Schladming macht Trainer Pal Dardai deutlich, dass ihn Jarsteins Schicksal nicht sonderlich ­bewegt. Mit der Rückenverletzung, die Jarstein seit Dienstag plagt, beschäftigte sich der Ungar erst gar nicht.

Sein Landsmann Petry hat sich in seinen knapp vier Wochen bei Hertha allerdings eine eigene Meinung gebildet – und vertritt dem Vernehmen nach eine andere Auffassung als sein Chef. Geht es nach Petry, sei Jarstein nicht auszusortieren, sondern gehöre als Nr. zwei in den Kader. Wessen Einschätzung sich durchsetzt, zeigt sich spätestens am 31. August. Dann schließt das Transferfenster.

Kraft genießt das Vertrauen

Kraft lässt die Besetzung hinter ihm kalt. Dass Spieler „kommen und gehen“ sei „jedes Jahr so“. Er konzentriert sich auf sich und genießt das Vertrauen seines Trainers. Für Dardai ist Kraft nicht nur die Nummer eins, sondern „als Typ auch ein Kapitän“. Die Binde wird er ihm trotzdem nicht geben. Der Trainer möchte einen Feldspieler für diesen Posten. Dafür hatte Dardai am Mittwoch ein anderes Geschenk für Kraft, eines, das ihm mehr Freude bereitete als ein Gespräch mit Journalisten: 90 Minuten Einsatzzeit gegen den FC Fulham.