Immerhertha

Von den Rohrbruchwiesen in die Steiermark

Fünf Jungs, zwei Autos, drei schwere Motorräder und zwei Rennräder. So reisen die "Immerherthaner" vom Trainingslager in die Alpen.


Fans des Bundesligisten Hertha BSC Berlin

Fans des Bundesligisten Hertha BSC Berlin

Foto: dpa Picture-Alliance / Rainer Jensen / picture alliance / dpa

Die Auswahl ist verlockend. Der Sölkpass lockt mit einer Scheitelhöhe von 1788 Metern. Der Wolfgangsee liegt nur zwei Täler entfernt. Der Rennweg am Katschberg bietet sich an oder eine Stippvisite zum Salzkammergut. Ob Richtung Großglockner oder Hohen­tauern, ob die Serpentinen des Seewigtals oder die Stoderzinkenstraße hinauf auf knapp 2000 Meter – von Schladming aus ist alles in Reichweite, was das ­Motorradfahrerherz begehrt.

Hertha-Fank von Kindheit an

Es war ein langer Weg für Todde, der in dieser Woche jeden Morgen in seiner Unterkunft in Schladming in der Steiermark entscheidet, wie sein Tag aussehen wird. Ein langer Weg, der vor fast 40 Jahren in der Laubenpieperkolonie Rohrbruchwiesen II in Spandau begonnen hat. Ein Cousin schoss auf dem Schießstand eines Sommerfestes eine Hertha-Fahne – und schenkte sie dem kleinen Todde, der an jenem Tag irgendwann in den 70ern Geburtstag hatte. Seither war es um Todde geschehen: Hertha-Fan von Kindheit an.

Mochten die Hertha-Zeiten in den 80er-Jahren dunkel sein, der Verein von der Bundesliga in die Zweite Liga und von dort in die Oberliga abgestiegen. Mochte sich in der Klasse in ­Marienfelde keiner der Mitschüler für seinen Klub begeistern: Für Todde gab es keine Diskussion, sein Herz schlug blau-weiß. Das Leben ist nicht immer gerecht. Aber manchmal wird Durchhalten ­belohnt. Seit der Rückkehr des Fußballvereins in die Bundesliga 1997 unter Trainer Jürgen Röber gehört eine Dauerkarte im Olympiastadion zur Jahresausstattung von Todde.

Die Magie der Eistonne

Hertha BSC hat mittlerweile mehr als 32.000 Mitglieder. Und einige Hunderttausend Fans. Es gibt viele unterschiedliche Zugänge zu dem Thema. Der eine schwört auf die Magie der Eistonne, die für ein gutes Karma in der neuen Saison sorgen soll. Ein anderer, der in São Paulo arbeitet, legt seinen Heimaturlaub so, dass er ­Hertha möglichst nah sein kann, selbst wenn es sich nur um ein Vorbereitungsspiel in Neuruppin handelt.

Todde, mittlerweile 44, hat sich eingerichtet in seinem Leben, er arbeitet als Hausmeister in Tempelhof. Es brauchte das Internet, genauer den Blog Immerhertha, um die eine Leidenschaft mit seiner zweiten zu verbinden: ­Fußball und Motorradfahren.

Todde hatte sein Lebtag noch kein Trainingslager von Hertha BSC besucht. Als er im vergangenen Mai eines Abends spontan in den Blog schrieb, ob jemand Lust habe, die 800 Kilometer nach Österreich mit dem Moped zu fahren, dauerte es exakt zwölf ­Minuten, bis die erste Antwort kam: Superidee, aber nicht dieses Jahr, sondern nächstes.

Fünf Jungs, zwei Autos, ein Anhänger mit drei schweren Motorrädern und zwei Renn­rädern

So kam es. Und es hat sich ein ganzer Immerhertha-Tross gefunden, der auf Tour ist: fünf Jungs, zwei Autos, ein Anhänger mit drei schweren Motorrädern und zwei Renn­rädern.

Täglich wird nun das Programm variiert in der Kurzzeit-WG in Schladming: Trainingsbesuch bei Hertha oder Cruisen durch die Alpen. Doch ehe die Kawasaki, KTM und Harley bewegt werden, gilt es die Widrigkeiten des Alltages zu bewältigen: Dann stehen beim Wechsel einer defekten Glühbirne mal fünf Immerherthaner ums Motorrad: Einer schraubt, zwei reichen das Werkzeug, und die beiden haben wertvolle Ratschläge, wie das alles viel schneller ginge.

Für wen das etwas spleenig klingt: Manchmal ist der Immerherthaner ganz pragmatisch. Die Kawasaki wird unten an der Talstation geparkt, und die Herren Profis müssen mal allein trainieren. Den schönsten Blick über die Steiermark hat man vom 2995 Meter hohen Dachstein – der bequemste Weg dort hinauf ist der mit der Gondel.

„Weil das mein Leben ist.“

Für Todde haben Motorradfahren und Hertha einige Gemeinsamkeiten. Er hatte drei Totalschäden mit seinen Motorrädern. Das, findet er, deckt sich ziemlich mit den Abstiegen, die er mit Hertha durchlitten hat. Ihn fasziniert die Gemeinschaftsgefühl beim Fahren in der Gruppe oder im Olympiastadion.

Die Frage, warum er diesen Aufwand betreibt, hat er sich nie gestellt. Seine Antwort kommt von ganz innen ­heraus: „Weil das mein Leben ist.“