Wie ein Häschen, so sah das aus – ein Häschen, das vor Freude gar nicht weiß, wohin es hoppeln soll. Auf und ab hüpfte Pal Dardai an der Seitenlinie. Zwischendurch schleuderte Herthas Trainer auch die ein oder andere Faust in den Berliner Himmel. Von der Seite kam plötzlich Michael Preetz angehopst. Jetzt sprangen Trainer und Manager gemeinsam durch die Gegend. Salomon Kalou war schuld. Dem Ivorer war soeben – zwei Minuten vor Abpfiff – der Lucky Punch gelungen. Sein 1:0-Siegtor gegen den Europapokal-Anwärter FC Augsburg bescherte den Berlinern den ersten Heimerfolg seit Mitte Dezember und den Sprung aus dem Tabellenkeller. Dardai und Preetz bescherte er einen seltenen Glücksmoment in dieser nicht allzu glückseligen Spielzeit.
„Man muss bis zum Ende fokussiert sein. Der Sieg fühlt sich gut an und wird uns neues Selbstvertrauen geben“, sagte Kalou. Sein Trainer versuchte, die Euphorie an der Seitenlinie zu lassen und das Spielgeschehen einzuordnen: „Kompliment an meine Mannschaft. Sie haben richtig gut gearbeitet. So können wir das schaffen.“ Man habe zwar kaum Ballbesitz gehabt, am Ende waren es nur 41 Prozent. „Aber unser Ziel war es nicht, das Spiel zu kontrollieren, sondern das Spiel zu gewinnen. Für uns ist das ein bisschen wie ein Befreiungsschlag“, sagte Dardai.
Der Erfolg, wenn auch erst zwei Minuten vor Schluss errungen, war nicht unverdient. Sicher, fußballerische Delikatessen hat Hertha in dieser Saison nicht im Angebot. Und Heimspiele sind meistens besondere Magerkost. Bis zu Kalous Treffer wartete der Hauptstadtklub 408 Minuten lang auf ein eigenes Tor zu Hause. Drei Partien gingen zuletzt in Serie vor eigenem Publikum verloren. Aber Pal Dardai hatte nicht nur Glück. Er hatte auch aus seinen Fehlern gelernt.
Das Team wirkt ausbalanciert
Diesmal schickte der Ungar eine wesentlich besser ausbalancierte Mannschaft aufs Feld als noch beim erschreckenden 0:2 gegen Freiburg, Dardais erstem Heimspiel als Cheftrainer. Auf vier Positionen tauschte er im Vergleich zum 1:2 gegen Wolfsburg vor einer Woche: Jens Hegeler musste raus, Sebastian Langkamp, den Dardai gegen den VfL nicht einmal in den Kader berufen hatte, kam rein. Dazu begannen der wiedergenesene Marvin Plattenhardt, Peter Niemeyer und Roy Beerens für den Gelb-gesperrten Valentin Stocker, Marcel Ndjeng und den verletzten Julian Schieber. Hegeler sollte später noch einen wichtigen Beitrag leisten.
Aggressivität und eine hohe Laufbereitschaft, das werde seine Mannschaft gegen die bayrischen Schwaben zeigen, hatte Dardai angekündigt. Und sie zeigte beides. Am Ende war Hertha sieben Kilometer mehr gelaufen als Augsburg und hatte – das ist selten bei den Blau-Weißen – sogar eine positive Zweikampfquote: 51 Prozent gewonnene Duelle. „Wir sind für unsere Intensität in den Zweikämpfen belohnt worden“, fand Kapitän Fabian Lustenberger. Die Erleichterung sei groß, „aber es bringt nichts, sich jetzt in Freude zu verfallen“, so der Schweizer.
Zweimal in der ersten Halbzeit hielten die 36.015 Zuschauer im Olympiastadion den Atem an: Als Beerens nach einem schnellen Konter über rechts auf Kalou flankte, dessen Kopfball aber vorbeistrich (23.). Und dann noch mal auf der Gegenseite, als John Brooks eine Hereingabe unterschätzte und Raul Bobadilla frei zum Schuss kam, aber auch das Tor verfehlte (28.).
Der zweite Durchgang begann ähnlich ereignislos. Die Zuschauer froren in der kalten Arena und wussten nicht so recht, was sie mit der dargebotenen Partie anfangen sollten. Bei Hertha sah es nämlich gar nicht so schlecht aus bis zum gegnerischen Strafraum. Niemeyer und Lustenberger machten die Räume eng, Per Skjelbred als Spielgestalter wühlte sich zwei-, dreimal gut durch. Nur mit der Torgefahr wollte es nicht besser werden. Kalou probierte es mal mit dem Kopf, aber Marwin Hitz im FCA-Tor hatten keine Mühe (60.).
Skjelbred und Niemeyer gesperrt
Schlechte Nachrichten gab es dann für den Gastgeber: Erst handelte sich Skjelbred seine fünfte Gelbe Karte ein und wird damit beim Abstiegsduell in Stuttgart am Freitag fehlen. Später traf dasselbe Schicksal auch Niemeyer. Dann musste Peter Pekarik mit Nasenbeinbruch vom Feld, nachdem ihm Augsburgs Caiuby den Ellenbogen ins Gesicht geschlagen hatte. Dardai brachte Änis Ben-Hatira, der nach zweieinhalb Monaten Verletzungspause erst am Mittwoch ins Mannschaftstraining eingestiegen war. In der 80. Minute durfte auch Hegeler aufs Feld, und nur acht Minuten später machte sich das bezahlt: Einen Einwurf in den Strafraum stocherte er rüber zu Kalou, und der Afrikaner vollendete zum Sieg. Es war sein sechster Saisontreffer. „Das war ein sehr wichtiger Sieg für uns. Wir haben uns reingebissen. Das muss uns Kraft geben“, sagte Dardai.
Hertha sendet ein Lebenszeichen im Abstiegskampf. Kalou übrigens bekam noch eine Sonderbehandlung: Erst herzte ihn Preetz, dann Dardai. Zum Rumhopsen fehlte die Kraft.
Das Minutenprotokoll des Spiels:





