Vielleicht ging es um einen Perspektivwechsel. Wer weiß? Darum, mal ganz anders draufschauen zu können. Jos Luhukay hatte sich jedenfalls seinen weißen Plastikstuhl genommen und ihn auf die andere Spielfeldseite getragen – weg von den eigenen Ersatzspielern und den knapp 130 Zuschauern im Nacken. Mal in Ruhe beobachten, ob die eigene Arbeit auch die erhofften Früchte trägt. Dafür sind Testspiele ja da, und mit dem Schweizer Erstligisten Young Boys Bern hatte sich zudem auch kein ganz so schlechter Gegner als Sparringspartner angekündigt.
Stocker und Lustenberger patzen
Die erste Probe für den Ernstfall in Herthas Trainingslager an der türkischen Riviera endete nach 90 Minuten mit 1:1 (1:1). Julian Schieber glich für die Berliner mit einem Abstauber nach Torwartfehler kurz vor der Pause aus (45.+1). Zuvor hatte Berns Raphael Nuzzolo einen von Sebastian Langkamp verursachten Elfmeter zur Führung der Young Boys genutzt (27.). Es gab dann noch ein Elfmeterschießen, weil jene Partie Teil eines Kurzturniers war und der Finalteilnehmer ermittelt werden musste. Hertha verlor 2:4. Ronny und Jens Hegeler trafen, Valentin Stocker und Fabian Lustenberger nicht. Luhukays Team spielt am Freitag im abschließenden Test vor Beginn der Bundesliga-Rückrunde gegen Werder Bremen am 1. Februar gegen den aktuellen Schweizer Tabellenfünften FC Thun um Platz drei (14 Uhr, MEZ).
„Ich bin nicht unzufrieden. Im Gegenteil. Das Ergebnis ist in Ordnung, und die Mannschaft war sehr engagiert“, sagte Luhukay nach der Partie. Aber egal aus welcher Perspektive man das Geschehen verfolgte, dass Hertha weiterhin Probleme in der Spielgestaltung hat, konnte man nicht übersehen. Luhukay hatte im Vormittagstraining eine ausgiebige Taktik-Schulung vorgenommen, um seinen Spielern vorzuführen, wie sie in der Vorwärtsbewegung Raum schaffen und dadurch torgefährlich werden. Gegen Bern riefen die Blau-Weißen allerdings nicht sehr viel davon ab. Luhukay hatte sich für Ronny als Regisseur und Jens Hegeler dahinter auf der Acht entschieden und fand später, beide hätten gut harmoniert. Vielleicht ist auch dies eine Sache der Perspektive. Das Offensivspiel war auch mit diesen beiden so fahrig wie über weite Strecken der holprigen Hinrunde. Kaum klare Torchancen wurden erspielt. Wenn, dann probierte es Ronny aus der Distanz und drosch den Ball zu oft in den Pinienwald nebenan.
Am Freitag gegen den FC Thun
Etwas besser als in den vergangenen Testpartien gegen die Drittligisten Halle (1:3) und Cottbus (1:1) funktionierte dagegen Herthas Abwehrarbeit. Luhukay bot die wiedergenesenen Langkamp und Lustenberger in der Innenverteidigung auf, obwohl er den Kapitän zuletzt oft im Mittelfeld üben ließ. „Für beide war wichtig, dass sie nach ihren Verletzungen endlich mal wieder über 90 Minuten spielen konnten. Sie haben das mehr als gut gemacht“, fand Luhukay. Besonders Lustenberger attestierte der 51-Jährige eine „bärenstarke Leistung“.
Überhaupt wertete Luhukay die Partie als „einen Schritt nach vorn“ und gab an, „genügend Erkenntnisse“ für die kommenden Tage bis zur Abreise am Sonnabend gewonnen zu haben. Eine davon dürfte sein, dass vor allem in der Offensive noch viel Arbeit für ihn wartet.
Jörn Meyn





