Bundesliga

Hertha erobert sich Sympathien in Fußball-Deutschland zurück

Nach zwei unrühmlichen Abstiegen überzeugt Hertha im Jahr 2013 durchgehend. Die gute Hinrunde verbessert jetzt schon die Perspektiven für 2014/15. BVB-Chef Watzke gratuliert „zu einer reifen Leistung“.

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Es war schon später Abend. Der Hertha-Tross hatte nach dem 2:1 über Dortmund die Stätte des Triumphes bereits verlassen, als bei Manager Michael Preetz eine Nachricht auf dem Mobiltelefon aufblinkte. Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gratulierte darin den Berlinern „zu einer richtig reifen Leistung“. Ein mehr als deutliches Zeichen, dass Hertha das Image des Skandalvereins nach eineinhalb Jahren wieder abgestreift hat.

BVB-Trainer Klopp gibt den schlechten Verlierer

Jürgen Klopp konnte und wollte vorher die Leistung des Gegners nicht anerkennen. Viel zu sehr war der BVB-Trainer damit beschäftigt, zu erklären, wie einfach es sein Team den Berlinern gemacht habe. Selbst die Geschichte um das Bundesligadebüt von Torhüter Marius Gersbeck, die alle Herzen rührte, bewegte Klopp wenig: „Ich habe schon oft hier gesessen und so schöne Geschichten wie Jos Luhukay erzählen dürfen.“

Von Dortmunds Trainer abgesehen erfährt Hertha nach einer Hinrunde, die ruhig wie selten in Berlin verlief, von allen Seiten Anerkennung. Selbst Bayern-Coach Pep Guardiola lobte das Team nach seiner Vorstellung beim 2:3 in München: „Berlin war die beste Mannschaft, gegen die wir bisher gespielt haben.“

Es sind nicht allein die für einen Aufsteiger sensationellen 28 Punkte oder Rang sechs nach der Hinrunde, die Hertha in ein neues Licht rücken.

Kein Skandalklub mehr

Es ist die Art und Weise, wie die mit einer Rekordpunktzahl aus der Zweiten Liga gekommene Mannschaft im Oberhaus auftritt. Hartes Gegenpressing, schnelles Konterspiel und immer wieder der Wille, Dominanz aufzubauen und selbst das Spiel zu gestalten, zeichnen die Hertha 2013 aus. Zu verdanken hat sie diese Philosophie ihrem Trainer. „Ich bin nicht nur Fußballtrainer, sondern auch ein Liebhaber des Fußballs. Nach der desaströsen Abstiegssaison hat sich in den letzten eineinhalb Jahren bei Hertha richtig etwas entwickelt. Die Mannschaft hat mit der Art, mit der sie auftritt, viel Respekt in Fußball-Deutschland zurückgewonnen“, fasst Luhukay zusammen.

Vielleicht muss man ganz unten gewesen sein, um diese Entwicklung nehmen zu können. Ganz unten war Hertha im Frühjahr 2012. Unter skandalösen Umständen wurde die Relegation gegen Düsseldorf verloren, ein anschließendes sportgerichtliches Gezerre sorgte für ein unangenehmes Sommertheater, zuvor noch die öffentliche Schlammschlacht mit Trainer Markus Babbel. Kurz: Hertha bestätigte das gern transportierte Stereotyp der Berliner Skandalnudel.

Luhukay gibt Hertha den Stolz zurück

Dieses Bild verblasst. Als Luhukay antrat, sagte er, dass er den Fans den Stolz auf ihren Verein wiedergeben wolle. Die 32 Ligaspiele des Jahres 2013 beweisen eindrucksvoll, wie der Niederländer mit seiner Vision, an der er akribisch arbeitete, Wort gehalten hat: 18 Siege, acht Unentschieden bei nur sechs Niederlagen sorgen dafür, dass das blau-weiße Trikot mit der Hertha-Fahne nicht mehr verschämt unter einer Jacke versteckt, sondern selbstbewusst in aller Öffentlichkeit getragen wird.

Luhukay macht Pekarik „zum Philip Lahm von Hertha“

Aber auch das Team hat sich verändert, besticht durch eine in Berlin lange nicht gesehene taktische Flexibilität. Ausfälle, die immer wieder für Rückschläge hätten sorgen können, wurden innerhalb der Mannschaft aufgefangen. So wie in Dortmund, wo fast die komplette Abwehr ausfiel und Rechtsverteidiger Peter Pekarik plötzlich auf links verteidigen musste. „Er hat mich etwas erschrocken angesehen, als ich ihm sagte: Heute bist Du der Philipp Lahm von Hertha“, sagte Luhukay. „Aber er hat das tadellos gemacht, bissig und aggressiv.“

Verhandlungsposition verbessert

Der Klub profitiert selbst am meisten vom sportlichen Erfolg und dem neuen positiven, bodenständigen Image. Manager Michael Preetz, vor Luhukays Amtsantritt Ziel heftiger Kritik, kann in Ruhe arbeiten. Acht Punkte fehlen wohl nur bis zum erklärten Saisonziel Klassenerhalt und geben Planungssicherheit. „Die Zähler helfen enorm. Aber das Beispiel Frankfurt zeigt, wie schnell es in der Liga hoch und runter gehen kann. Wir werden weiterhin nicht viel Geld ausgeben können, sondern kreative Lösungen finden müssen“, sagte Preetz.

Da aber die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Hertha auch in der nächsten Saison weiter Bundesliga spielen wird, können schon jetzt Verstärkungen angesprochen werden. „Wir können uns nicht ausruhen. Das Ziel ist und bleibt es, Hertha in der Bundesliga zu stabilisieren. Wir müssen in allen Bereichen zulegen“, gibt Luhukay zu bedenken. Doch bis zum Trainingsstart im Januar wird nichts passieren.

Sahar und Perdedaj dürfen gehen

„Ben Sahar und Fanol Perdedaj suchen einen Verein. Das ist abgesprochen. Wenn sie etwas finden, werden sie im Januar gehen“, sagte Preetz zu den Planungen.

Gerade bei der Ansprache potenzieller Verstärkungen hilft das positive Image den Berlinern sehr. Vorbei die Zeit, als sich Luhukay nach seiner Unterschrift bei Hertha immer wieder von Bekannten fragen lassen musste, was er in Berlin wolle. Der Verein ist kein Karriereknick mehr, sondern unter dem Niederländer ein beliebtes Ziel für Profis, wie er selbst sagt: „Diese Wertschätzung bringen uns auch mögliche Zugänge entgegen. Wir haben Eindruck gemacht.“