Der Stadionsprecher hielt kurz inne. Dann brüllte er ins Mikrophon: „Meister der Zweiten Liga ist...Hertha BSC!“ Peter Niemeyer, der Kapitän der Berliner, stemmte die sterlingsilberne Meisterschale in den Himmel, und seine Mannschaftskollegen tanzten auf dem kleinen Podest, das im Mittelkreis für die Meisterfeier aufgebaut wurde. Hertha BSC beendet eine beeindruckende Zweitligasaison mit einem 1:1 (0:1) im Berlin-Brandenburg-Derby gegen Energie Cottbus und hat mit 76 Zählern einen neuen Punkterekord in dieser Spielkasse aufgestellt.
„Von Anfang an voll mitgezogen“
„Das ist eine ganz besondere Saison gewesen“, sagte Cheftrainer Jos Luhukay nach der Partie mit heiserner Stimme und bierdurchnässtem Haar. „Meine Mannschaft hat vom ersten Tag an voll mitgezogen und war bis zuletzt in einer hervorragenden Verfassung.“ Niemeyer, der zuletzt wegen einer schweren Gehirnerschütterung lange gefehlt hatte und in der 80. Minute eingewechselt wurde, schwärmte: „Das war heute das i-Tüpfelchen auf eine unglaubliche Saison. Heute Abend werden wir feiern.“ Die Berliner haben am Sonntagabend zu einer großen Saison-Abschlussparty in der „Station“ am Gleisdreieck geladen.
Schon als Schiedsrichter Deniz Aytekin mit dem allerletzten Pfiff die Partie beendete, schwappte eine Welle durch das Stadion, und die Profis lagen sich in den Armen. Die Ostkurve skandierte: „Nie mehr Zweite Liga!“ Und forderten das Team zum Feiern auf: „Wir wollen den Meister sehen!“
Es war der Höhepunkt eines blau-weißen Feiertages, den auch eine über weite Strecken langweilige Partie gegen Cottbus nicht trüben konnte. Dass Hertha im letzten Heimspiel der Saison ungeschlagen blieb, war dem jungen John Anthony Brooks zu verdanken. Der 20 Jahre alte Abwehrspieler, der in dieser Spielzeit seinen Durchbuch bei den Profis schaffte, traf fünf Minuten vor Abpfiff per Kopf zum Ausgleich. Es war sein erstes Tor im Profifußball überhaupt. Zuvor war Cottbus in der 28. Minute durch Nicolas Farina in Führung gegangen.
„Über das Spiel brauchen wir eigentlich gar nicht reden“, sagte Luhukay später. „Wir haben einen wichtigen Punkt für die Vereinsgeschichte gewonnen.“
Ronny zurück im Team
Luhukay hatte seine Mannschaft gegenüber dem 2:1-Erfolg gegen den 1. FC Köln auf drei Positionen verändert. Als schöne Geste ließ der Niederländer statt des Stammtorwarts Thomas Kraft gegen Energie Ersatzkeeper Sachsa Burchert spielen. Spielgestalter Ronny rückte nach seiner abgesessenen Gelbsperre für Afredo Morales zurück ins Team. Zudem verteidigte Maik Franz für Christoph Janker im Abwehrzentrum.
Ins Spiel aber kam die Mannschaft des 49-Jährigen nur schleppend. Cottbus wirkte vom ersten Moment an frischer. Schon nach drei Minuten musste Lustenberger im Strafraum eingreifen, um den Schuss von Sturmspitzen Boubacar Sanogo zu blocken. Das war es aber erst einmal mit erwähnenswerten Spielszenen. Hertha kam erst in der 24. Minute zu ersten Gelegenheit: Ronny, dem an diesem Tag kein Treffer gelang und der deshalb die Torjägerkanone dem Braunschweiger Domi Kumbela überlassen musste (19 Tore), legte sich einen Freistoß aus 25 Metern zurecht und drosch den Ball Richtung Cottbuser Tor, wo Thorsten Kirschbaum aber prächtig parierte.
Auf der Gegenseite nutzte das Team von Trainer Rudi Bommer eine Unaufmerksamkeit im Hertha-Mittelfeld: Stiven Rivic lief allein auf Burchert zu, der konnte zunächst noch abwehren, doch Farina stand im Strafraum frei, nahm den Ball allerdings mit dem Oberarm mit und traf ins leere Tor (28. Minute). Die Herthaner reklamierten, doch Aytekin gab das Tor zur Cottbuser Führung.
Sekunden vor dem Pausenpfiff schwächte sich Hertha dann selbst. Nach einem Stellungsfehler lief Farina wieder allein auf herausstürmenden Burchert, um kurvte den Schlussmann und wurde dann von Franz zu Fall gebracht. Aytekin blieb keine andere Möglichkeit, als den 31-Jährigen wegen Notbremse vom Platz zu stellen.
In der zweiten Hälfte verflachte das Spiel. Die Herthaner wirkten in Unterzahl zunehmend müde. Erst in der 72. Minute hatte Hertha die große Chance zum Ausgleich: Der eingewechselte Sandro Wagner spielte den ebenfalls eingewechselten Ben Sahar im Strafraum frei, doch der Israeli vergab freistehend vor Kirschbaum.
In vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Saison
Wie so oft in dieser in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Saison aber kamen die Berliner noch einmal zurück: Marcel Ndjeng setzte sich auf der rechten Seite durch, flankte den Ball scharf in den Fünfmeterraum, wo Brooks hochstieg und zum 1:1-Ausgleich einköpfte (86.).
„So einen Tag“, sagte Luhukay zum Ende, „erlebt man nicht oft. Die Meisterschaft und dann noch so ein schöner Abschluss vor unseren Fans.“ Die sahen das genau so und sagen: „Oh, wie ist das schön.“ Die Saison 2012/13 endet für die Berliner in einem blau-weißen Freudentaumel.

















