Aufstieg. Nur dieses eine Wort brauchte Hertha vor Saisonbeginn, um das Ziel für diese Spielzeit zu beschreiben. Kein Wort von Zweitliga-Meisterschaft oder ähnlichem schückenden Beiwerk. Einfach schnell wieder raus aus dem Unterhaus. Mit der feststehenden Rückkehr in die Bundesliga nutzten die Berliner die restlichen Partien für eine Rekordjagd, die in der Zweiten Liga ihresgleichen sucht.
Und jede neue Bestmarke macht den manchmal zu Zweifeln neigenden blau-weißen Fans unmissverständlich deutlich: Hertha ist eine Nummer zu groß für die Zweitklassigkeit. Kurz nach dem feststehenden Aufstieg am 30. Spieltag hatte Hertha-Coach Jos Luhukay die Meisterschaft als neues Ziel ausgegeben, aber gleich erklärt, dass er am ewigen Punkterekord in der Zweiten Liga nicht weiter interessiert sei.
Zehn Punkte aus den letzten vier Spielen hätte Hertha zu dem Zeitpunkt benötigt, um die bisherige Bestmarke von 75 Punkten zu überbieten. Diesen Wert hat Hannover 96 in der Saison 2001/2002 aufgestellt. Drei Siege später haben die Berliner mit den Niedersachsen gleichgezogen. Ein Punkt Sonntag im Olympiastadion gegen Cottbus (13.30 Uhr) und Hertha würde alleiniger Rekordhalter. „Wir können Geschichte schreiben“, sagt dann auch ein von den Fakten überzeugter Luhukay zu dieser Chance.
Alleine auf die aktuelle Saison bezogen ist Hertha nicht nur mit Tabellenplatz eins das Maß aller Dinge. Keine Mannschaft kann mehr als die 22 Siege der Berliner vorweisen. Gewinnt das Team auch gegen Cottbus ist der Zweitligarekord von 23 Siegen eingestellt. Aufgestellt von Hertha selbst beim Aufstieg vor zwei Jahren.
Nur zweimal verloren
Die Dominanz wird noch deutlicher beim Blick auf die bis jetzt nur zwei Niederlagen. Bleibt es dabei, ist das ein erneuter Bestwert. „Als einziges Team haben wir uns keine einzige Schwächephase erlaubt“, nennt Manager Michael Preetz einen Grund für die herausragende Leistung.
Dazu haben die Berliner auch die meisten Tore der Liga geschossen. Bis jetzt zappelte die Kugel 64 Mal im Kasten des Gegners. Alleine der brasilianische Mittelfeldregisseur war genau an der Hälfte der Treffer beteiligt und ist mit seinen 32 Scorerpunkten unangefochtene Ligaspitze. Der absolute Torrekord ist aber in weiter Ferne. Der liegt bei aus heutiger Sicht sagenhaften 123 Treffern. Diese Bestmarke stellten wiederum die Berliner 1980/81 im zweigleisigen Bundesliga-Unterhaus auf.
Kraft interessieren die Bestmarken wenig
Ein Grund, warum Hertha so bestimmend wirkt, ist die Defensive. Denn neben dem stärksten Angriff, besitzt die Mannschaft auch die stabilste Abwehr und ließ nur 27 Gegentore zu. Bleibt es dabei, ist auch das neuer Vereinsrekord. „Grundsätzlich ist mir dieses Rekord-Gerede in jeglicher Hinsicht egal“, bremst Torhüter Thomas Kraft die Euphorie aus. „Wir haben uns vor der Saison das Ziel Aufstieg und später noch die Meisterschaft gesetzt. Beides haben wir erreicht. Alles andere ist mir wirklich nicht wichtig.“
Doch ganz so einfach ist das bei dem sehr ehrgeizigen und manchmal verbissen wirkenden Keeper nicht. Denn im Gegensatz zur Offensive, die für jedes Tor gefeiert wird, werden gute Leistungen in der Abwehr selten bejubelt. „Stimmt schon. Gerade für die Defensive und mich ist das eine schöne Sache. Es ist sogar eine Auszeichnung für eine besondere Leistung, wenn man in einer Saison die wenigsten Gegentore bekommt.“
Die Liste an Bestleistungen ist lang. Mit 39 Punkten spielt Hertha die beste Rückrunde, hat die meisten Spiele nach Rückstand noch zu eigenen Gunsten beendet und im Berliner Stadtderby auch den Zuschauerrekord für die laufende Spielzeit aufgestellt. 74.244 Fans sahen im Olympiastadion das Duell gegen Union.
Keine Empathie für die Zweite Liga
Wie schnell eine starke Aufstiegssaison an Bedeutung verliert, wenn danach in der Bundesliga die Ergebnisse nicht stimmen, haben die Berliner im vergangenen Jahr bitter zu spüren bekommen. Deshalb ist diese Rekordjagd weniger ein Zeichen an die Konkurrenz und die ungeliebte Zweite Liga, sondern eine mächtige Demonstration für das Hertha-Herz, die sagt: Wir gehören nicht hierher.


