Irgendwann kommt die Müdigkeit. Fabian Lustenberger steht am Trainingsgelände von Hertha BSC, und der Schweiß rinnt ihm über sein Gesicht. „Langsam spüre ich auch bei mir, dass ich erschöpft bin“, sagt der Defensiv-Allrounder in diesem Schweizer Dialekt, der ihn immer etwas älter wirken lässt, als er ist. „Wenn man jede Woche Topleistung abrufen muss, macht sich das irgendwann bemerkbar.“

Daher hatte sich der 24-Jährige gewünscht, dass Hertha die Rückkehr in die Bundesliga so früh wie möglich perfekt machen, „den Deckel drauf machen“, kann, wie er es ausdrückt.

Hertha hat den Deckel am vergangenen Sonntag drauf gemacht. Dass es den Blau-Weißen so früh wie noch bei keinem ihrer fünf Aufstiege in die Bundesliga zuvor gelungen ist, hat auch viel mit Fabian Lustenberger zu tun. Und dahinter verbirgt sich der Grund für seine Erschöpfung.

Denn seit dem vierten Spieltag hat der Schweizer keine einzige Minute auf dem Platz verpasst. Mit 2574 Minuten Einsatzzeit ist er mit großem Abstand Herthas Dauerbrenner dieser Spielzeit.

Das ist insofern erstaunlich, weil dem Blondschopf, den Herthas damaliger Trainer Lucien Favre 2007 vom FC Luzern nach Berlin lotste, zwar immer schon ein großes Talent nachgesagt wurde, aber eben auch die fatale Eigenschaft, überaus verletzungsanfällig zu sein.

Der Aufstieg von Hertha BSC in unserer Timeline.

In der vergangenen Saison sehr lange verletzt

Lustenberger spielt bereits seine sechste Saison in Berlin und ist damit der dienstälteste Herthaner im Profikader. Doch die aktuelle Spielzeit ist die erste, in der er durchweg gesund geblieben ist. So fehlte er seiner Mannschaft fast die komplette Rückrunde der Abstiegssaison 2011/12. In dieser Größenordnung türmten sich auch seine Fehlzeiten in der Vergangenheit bei Hertha auf. In fünf Jahren konnte Lustenberger nur 91 Liga-Partien für seinen Klub bestreiten und fehlte damit durchschnittlich in jedem Jahr fast eine Hälfte der Saison. Lustenberger war so etwas wie Herthas ewiges Sorgenkind.

Das aber ist Vergangenheit. „Ich bin einfach nur froh, dass ich endlich mal über einen längeren Zeitraum gesund bin und ohne Probleme trainieren kann“, hat Lustenberger am Ende der Hinrunde gesagt. Damals zeichnete sich bereits ab, dass er in dieser Spielzeit für Hertha so wichtig werden sollte wie niemals zuvor. Nachdem Lustenberger zu Saisonbeginn auf verschiedenen Positionen auflief, setzte ihn Trainer Jos Luhukay gegen Aalen in der Innenverteidigung ein. Von nun an war er aus dem Abwehrzentrum nicht mehr wegzudenken. Er stabilisierte die Defensive, rückte zum Abwehrchef auf, als sich sein Partner in der Innenverteidigung, Maik Franz, sich schwer verletzte.

Trainer Jos Luhukay lobt ihn in den höchsten Tönen

Plötzlich reifte Lustenberger zu einem Leitwolf bei Hertha, und das auf einer Position, auf der er sich selbst eigentlich nicht sah. „Meine Lieblingsposition ist das defensive Mittelfeld“ hat er immer wieder gesagt, was Luhukay aber nicht davon abhielt, ihn konsequent weiter in der Innenverteidigung aufzubieten. Der Niederländer schwärmte: „Sein Auge, seine Cleverness, sein Gespür für die Situation: Fabian ist der herausragende Verteidiger der Liga.“

Diese Liga ist geprägt von Mannschaften, die gegen Hertha zumeist tief verteidigen. Das führt dazu, dass Lustenberger seine Vielseitigkeit dazu nutzt, in der Vorwärtsbewegung zumeist eine Art modernen Libero zu geben, der das Spiel von hinten aufbaut. In der Rückwärtsbewegung überzeugt er mit seinem Stellungsspiel und ist maßgeblich daran beteiligt, dass Hertha mit 22 Gegentoren über die beste Defensive der Spielklasse verfügt.

Genugtuung gegenüber den Kritikern

Luhukay schätzt Lustenberger, weil er die von ihm geforderten Werte verkörpert: Fleiß, Zuverlässigkeit und Loyalität. Zudem hat er eine weitere Rolle übernommen, die für Herthas Zukunft wichtig ist: die des Lehrmeisters. An seiner Seite konnte sich der erst 20 Jahre alte John Anthony Brooks zu einer festen Größe in der Innenverteidigung entwickeln und sagt über seinen Nebenmann: „Ich lerne viel bei jedem Spiel und schaue mir sehr viel bei Lustenberger ab. Unser Zusammenspiel passt einfach.“

Lustenbergers Entwicklung zu einem der Leitwölfe bei Hertha war nicht zu erwarten, und das führt dazu, dass er selbst sagt: „Es ist schon ein bisschen Genugtuung dabei, es all jenen gezeigt zu haben, die mir abgesprochen haben, auf diesem Niveau zu spielen.“

Er hat noch weiteres Entwicklungspotenzial

Herthas Manager Michael Preetz hat den neuerlichen Wert des Defensiv-Allrounders erkannt, und trotz dreier Angebote aus der Bundesliga und einem aus dem Ausland ist es ihm gelungen, Lustenberger davon zu überzeugen, seinen Vertrag bei Hertha vorzeitig bis 2017 zu verlängern. Preetz nennt Lustenberger einen „überaus wichtigen Eckpfeiler unserer Mannschaft“ und sieht in ihm noch weiteres Entwicklungspotenzial. Auf welcher Position der Schweizer aber in der kommenden Bundesligasaison spielen wird, ist noch offen.

Mit dem Augsburger Sebastian Langkamp wird ein neuer Innenverteidiger kommen, und Lustenberger könnte ins defensive Mittelfeld vorrücken. Dort aber trifft er mit Peter Niemeyer und Peer Kluge auf hochkarätige Konkurrenz. Eine typische Lustenberger-Situation: Welche Rolle er in der kommenden Saison spielen wird, ist nicht vorauszusehen. Doch er könnte wieder alle überraschen.