Hertha-Aufstieg

Ronny - Künstler und Ballermann des Berliner Fußballs

Herthas Werk und Ronnys Beitrag: Lange galt der Spieler als Sorgenkind. Doch in dieser Saison hat sich der Brasilianer zum unumstrittenen Anführer und Torjäger entwickelt.

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

16 Tore und 13 Vorlagen – und mit Sicherheit auch viele Punkte weniger. So würde die Bilanz von Hertha aussehen, wäre zu Saisonbeginn alles normal verlaufen und Ronny nach zwei unterdurchschnittlichen Jahren in Berlin tatsächlich nach Brasilien zu Atletico Mineiro ausgeliehen worden. Doch stattdessen baute Trainer Jos Luhukay extra für den Brasilianer sein geplantes System um und machte Ronny zum überragenden Spieler der Zweiten Liga.

Es ist die 75. Minute im Top-Spiel gegen Verfolger Eintracht Braunschweig, als Schiedsrichter Peter Gagelmann nach einem Trikotzupfer an Angreifer Sami Allagui auf Freistoß entscheidet. 17 Meter zentral vom Tor entfernt. Eintracht-Keeper Daniel Davari wirft den Ball entnervt weg. Der Torhüter weiß, was ihn erwartet. Schon wieder Ronny. Und erneut hämmert der Brasilianer mit seinem linken Fuß die Kugel direkt ins Netz. Die Freistöße sind legendär. So sehr, dass jeder gegnerische Trainer seine Mannschaft davor warnt, Fouls in der Zone 30 Meter vor dem eigenen Tor zu provozieren.

System ist auf ihn zugeschnitten

Noch im Sommer sprach wenig für diese angsteinflößende Rolle des Hertha-Regisseurs. Änis Ben-Hatira war für die zentrale Position vorgesehen, sein Bruder Raffael soeben für eine Millionensumme zu Dynamo Kiew gewechselt. Mit Markus Babbel, Michael Skibbe und Otto Rehhagel hatten sich zuvor drei Trainer an ihm die Zähne ausgebissen.

Zuletzt setzte ihm noch sein Berater Dino Lamberti die Pistole auf die Brust, drohte mit Trennung. „Wir hatten schon richtig Streit. Ich habe ihm klar gemacht: Solange er die Leistung nicht bringt, darf er nicht nach Brasilien“, so der Schweizer Spieleragent. Zur Unterstützung für Ronny holte Lamberti dessen Vater Caetano nach Berlin.

Jos Luhukay sah wie die anderen Trainer das fußballerische Potenzial von Ronny. Der 26-Jährige ist wie kaum ein anderer in der Lage, die letzten Pässe zu spielen, Räume zu öffnen. „Und er hat von Gott einen traumhaften linken Fuß geschenkt bekommen“, lobt der Coach. Dafür opferte der Niederländer das geplante Zwei-Stürmer-System und setzte auf nur einen Angreifer in der Spitze.

Dazu sicherte er Ronny mit Kapitän Peter Niemeyer und Vize-Kapitän Peer Kluge im defensiven Mittelfeld ab. Der Brasilianer sollte seine Stärken einbringen und nicht an seinen Schwächen arbeiten. „Ich hebe zuerst die Dinge hervor, die Ronny sehr gut macht. Seine Technik, sein Auge, sein Schuss. Das gibt ihm Selbstvertrauen“, beschreibt Luhukay seinen Umgang mit dem eigenwilligen Mittelfeldspieler.

Ronny in der Mannschaft anerkannt und respektiert

Trotz dieser Sonderstellung auf dem Rasen ist Ronny in der Mannschaft absolut anerkannt und respektiert. Das liegt auch an den besonderen Momenten im Spiel, mit denen er die Partie völlig herumreißen kann. Ein Augenblick wie den Siegtreffer im ersten Derby bei Union im Stadion an der Alten Försterei, mit dem er die gerade spielbestimmenden Eisernen ins Mark traf.

Oder das entscheidende Tor kurz vor Schluss beim 2:1 Cottbus. Ronny nimmt mit dem Rücken zum Tor den Ball aus der Luft, dreht sich um Gegenspieler Daniel Adlung und schießt. Es sind diese Szenen, die Peer Kluge sagen lassen: „Für Ronny laufe ich gerne ein paar Schritte mehr. Weil ich weiß, dass er ein Spiel für uns gewinnen kann.“ Häufig ist von einem Wohlfühlklima die Rede, das bei Hertha um den Top-Scorer der Zweiten Liga herum geschaffen wurde.

Ronny, dem Luhukays Vorgänger bei Hertha Markus Babbel einst aufgrund seiner Gewichtsprobleme die Erstliga-Tauglichkeit absprach, zeigt sich über die gesamte Saison gereift. Der zweifache Familienvater ist aus dem Schatten seines introvertierten Bruders getreten, der vier Jahre lang Herthas Spiel kontrollierte. „Vom Charakter her ist er viel stärker als Raffael“, ist eine Einschätzung, der sich mit jedem Spiel immer mehr Beobachter anschlossen.

Während sich der mittlerweile an den FC Schalke ausgeliehene ältere Bruder von hartem Einsteigen einschüchtern ließ, lässt sich Ronny davon nur wenig beeindrucken, versucht den Fouls durch seine Gedankenschnelligkeit auszuweichen.

Wenn das nicht klappt, kann er sich immer noch mit seinen gefürchteten Freistößen rächen. Bereits fünf Mal in der aktuellen Spielzeit traf er per direktem Freistoß. Das war vor ihm nur dem Mainzer Daniel Gunkel in der Saison 2007/2008 im deutschen Unterhaus gelungen. Verwandelt Ronny noch einen einzigen Freistoß direkt, ist er der alleinige Rekordhalter in dieser Kategorie.

Lamberti: „Ich bin stolz auf die Entwicklung“

Im Nachhinein ist Dino Lamberti froh, seinen Spieler zu Saisonbeginn so rabiat wachgerüttelt zu haben: „Ich bin stolz auf seine Entwicklung.“ Dabei hebt der Schweizer gar nicht so sehr die sportlichen Highlights hervor, sondern meint eher Sekundärtugenden. Pünktlichkeit und auch Durchhaltewillen. Lange spielte Ronny mit einer Entzündung im Fuß und Schmerzen in der Leiste.

Statt einer Pause nahm er die langwierige Behandlung und intensive Pflege auf sich. Dieses Sich-Durchbeißen zeigt die neue Qualität von Ronny, der sich nicht mehr ablenken ließ. Auch nicht, als sein Auto schlagzeilenträchtig wegen einer fehlenden Haftpflichtversicherung stillgelegt wurde.

Besonders beeindruckend war auch, wie Herthas Aufstiegsgarant den monatelangen Vertragspoker weggesteckt hat und spielte, als sei nichts passiert. Als hätten nicht plötzlich Vertreter von Al-Ahli aus Dubai vor seiner Haustür gestanden und ein wahnsinniges finanzielles Angebot gemacht. Am Ende, nach der Unterschrift unter den neuen Vierjahresvertrag, sagte Ronny ruhig: „Ich wollte immer bei Hertha bleiben.

Hier habe ich bisher meine beste Zeit.“ Die Worte wählt er mit Bedacht. Denn er hat noch viel vor mit Hertha. Insgeheim schwingt die Hoffnung mit, dass auch in der Bundesliga Torhüter entnervt Bälle wegwerfen, wenn ein Schiedsrichter wieder einen Freistoß in Ronny-Entfernung pfeift.