Siegtor

Kerstin Lasogga hatte Treffer ihres Sohnes vorausgesagt

„Und wie so oft hatte Mutti recht“, sagt Herthas Siegtor-Schütze Pierre-Michel Lasogga. Der Treffer zum wohl besten Zeitpunkt dieser Zweitligasaison war eine Genugtuung für ihn.

Mutti hat es gewusst. Als Pierre-Michel Lasogga am Sonntagnachmittag erschöpft, aber glücklich und mit von Bier durchnässter Frisur vor die Presse trat, gab er Einblick in seine Gefühlswelt. Der 21-Jährige hatte Hertha BSC mit seinem Siegtreffer fünf Minuten vor Abpfiff gegen den abstiegsbedrohten SV Sandhausen erlöst und das entscheidende Tor zum vorzeitigen Aufstieg der Berliner erzielt.

Erlöst aber hatte der Stürmer nicht nur seinen Verein und die mehr als 50.000 Fans im Olympiastadion, sondern gleichermaßen auch sich selbst. Geahnt hatte das zuvor schon seine wichtigste Bezugsperson: „Am Mittwoch habe ich noch bei den Amateuren gespielt, und da lief es schleppend für mich“, holte Lasogga aus. „Da hat meine Mutter zu mir gesagt: ‚Du hast dir wohl alles für das Aufstiegstor aufgehoben.’ Und wie so oft hatte Mutti recht.“

Das Tor zum wohl besten Zeitpunkt dieser Zweitligasaison war eine Genugtuung für Lasogga. Denn eine lange Durststrecke liegt hinter dem U21-Nationalspieler. Genau 372 Tage ist es her, dass Lasogga das Gefühl eines Treffers genießen konnte. Damals spielte Hertha in Leverkusen 3:3, und die Hoffnung, den drohenden Abstieg aus der Bundesliga doch noch abwenden zu können, keimte auf. Doch wenig später riss Lasogga gegen Hoffenheim das Kreuzband. Er fiel mehr als ein halbes Jahr aus, musste zusehen, wie sein Verein die Relegation gegen Fortuna Düsseldorf verlor und abstieg.

Mutter Kerstin drohte mit seinem Abschied im Sommer

Als er Ende des Jahres wieder ins Mannschaftstraining einstieg, hatte er sich als Zeichen seines Selbstverständnisses einen Phönix auf den Unterarm tätowieren lassen und kündigte vollmundig an, alsbald wieder in der ersten Elf aufzulaufen. Er wollte auferstehen aus der Asche. Doch sein Trainer Jos Luhukay sah das etwas anders und wies dem ambitionierten Angreifer zunächst die Bank zu.

Dabei hatte Hertha im Winter ein Angebot des VfB Stuttgart über knapp vier Millionen Euro für Lasogga abgelehnt, obwohl dieser sich mit den Schwaben bereits weitestgehend einig gewesen sein soll. Dass er dennoch nicht spielte, wurmte ihn enorm, und Mutter Kerstin, die ihn berät, drohte mit seinem Abschied im Sommer. Als Lasogga dann am Mittwoch auch noch bei Herthas U23 gegen Optik Rathenow aushelfen musste, schien diese Saison für ihn zu keinem guten Ende mehr zu kommen.

Das Siegtor als Entschädigung für Enttäuschungen

Davon aber wollte Lasogga am Sonntag nichts mehr wissen. Lieber sprach er über die Emotionen, die ihn beim viel umjubelten Siegtor überkamen: „Es war einfach nur unbeschreiblich“, schwärmte er. „Ich war so froh, als der Ball endlich über die Linie ging. Das war ein Gefühl, dass ich fast schon gar nicht mehr kannte.“ Das Tor sei für ihn auch eine „Entschädigung“ für die für ihn persönlich bisher so enttäuschende Saison gewesen: „Ich habe so hart dafür gearbeitet. In so einem Moment sieht man, dass es sich gelohnt hat.“

Auch Luhukay wusste um die Bedeutung des Treffers für seinen Stürmer. „Für Pierre ist das natürlich ein Traum. Er hat sich selbst belohnt und uns allen und den Fans ein riesiges Geschenk gemacht. Gott sei Dank hat er noch das entscheidende Tor gemacht“, sagte der Niederländer.

Auch Abwehrspieler Fabian Lustenberger fand an diesem turbulenten Tag noch lobende Worte für seinen Kollegen. „Dass gerade Pierre dieses für uns so wichtige Tor erzielt, passt einfach ins Bild unserer Saison“, sagte der Schweizer. Eine Saison, die für Hertha im Allgemeinen mit Ausnahme eines holprigen Starts nahezu reibungslos verlief und für Pierre-Michel Lasogga im Besonderen nun also doch noch ein versöhnliches Ende gefunden hat.

Bevor er zum Feiern in die Kabine verschwand, ließ Lasogga ein letztes Mal in seine Seele gucken: „Es ist ein Gefühl, das man gar nicht beschreiben kann“, sagte er mit Rührung im Gesicht. „Man weiß gar nicht, was man machen soll. Man will am liebsten die ganze Welt umarmen.“ Vielleicht hat sich ja auch seine Mutter eine Umarmung verdient.