Zweite Bundesliga

Hertha-Trainer Luhukay steckt in der Stürmer-Falle fest

Während Herthas Trainer noch nach dem richtigen System sucht, baut Braunschweig die Tabellenführung aus.

Foto: Maja Hitij / dapd

Die Luft duftete nach Bier und Gegrilltem, als die Profis von Hertha BSC am Morgen nach dem Remis gegen den FC Ingolstadt (0:0) ausliefen. Aus dicken Boxen schallte ein Stadionsong, der an bessere Zeiten erinnerte: „Hey, das geht ab! Wir holen die Meisterschaft!“ Der Berliner Zweitligaklub hatte die kurze Trainingseinheit am Sonnabendvormittag in den Werner-Seelenbinder-Sportpark nach Neukölln verlegt, wo er beim SV Tasmania im Rahmen der Aktion „Hertha hautnah“ etwas Basisarbeit verrichtete. Ein paar Spieler-Autogramme hier, ein paar Fotos dort. Das Bierchen schmeckte und die Musik ging ins Bein. Ein wenig Fußball-Folklore nach einem enttäuschenden Abend, an dem für Herthas Anhänger ebenso wie für die Spieler selbst ein paar gewichtige Fragen aufpoppten.

Woran hat es nur gelegen, dass Hertha BSC gegen den zwar tief stehenden, aber keineswegs fehlerlosen Tabellenfünften aus Ingolstadt zum ersten Mal in dieser Saison kein einziges Tor erzielt hatte? Warum konnte der Bundesliga-Absteiger, der doch die Tabellenspitze als Fernziel bis zur Winterpause ausgerufen hatte, trotz bester Chancen nicht den fünften Heimsieg in Folge einfahren? Sandro Wagner schüttelte den Kopf: „Ich weiß es auch nicht.“

Der Angreifer, der sich unter der Woche noch leise über seine Reservistenrolle beschwert hatte, durfte diesmal von Beginn an auflaufen. Sein Trainer Jos Luhukay entschied sich gegen die Bayern für einen Systemwechsel, weil sein Kapitän und Antreiber im Mittelfeld, Peter Niemeyer, gelbgesperrt fehlte. Statt einer Aufstellung im 4-2-3-1-System mit nur einem zentralen Stürmer bot der Niederländer ein 4-4-2 auf, ließ Wagner neben dem etatmäßigen Angreifer Adrian Ramos agieren und hatte für seinen Spielgestalter Ronny eine Rolle zwischen Mittelfeld und Angriff erdacht.

Mehr Offensivspieler also auf dem Feld, doch gleichsam angriffsstärker trat seine Mannschaft dennoch nicht auf. „Wir Stürmer hingen irgendwie in der Luft“, befand Wagner. Viel zu wenige Anspiele hätten er und sein Kollege Ramos diesmal bekommen: „Es nützt ja nichts. Wenn du nicht gefüttert wirst, dann kannst du auch zehn Stürmer aufstellen und triffst trotzdem nicht.“

Trauerfall in der Familie

Damit formulierte Wagner unwissentlich eine Erkenntnis, die sein Trainer bereits am Vorabend gemacht hatte und über die er sich sichtlich ärgerte. Direkt nach der Partie sagte Luhukay: „Man hat heute gesehen, dass mehr Stürmer nicht unbedingt mehr Offensive bedeutet.“ Der 49-Jährige, der beim Auslaufen am Sonnabend wegen eines Todesfalls in seiner Familie fehlte, hatte sich unter der Woche immer dann leicht genervt gezeigt, wenn er auf die Möglichkeit eines zweiten Angreifers in der Startformation angesprochen wurde. Kein Spitzenteam in Europa spiele heute noch mit zwei Stürmern, hatte Luhukay erläutert und die Forderungen nach dem bei den Fans überaus beliebten Wagner damit dennoch nicht verstummen lassen.

Denn der Trainer steckt in einem Dilemma: Er verfügt über drei für die Zweite Bundesliga überdurchschnittlich gute Angreifer (und im Winter kommt mit Pierre-Michel Lasogga noch ein weiterer dazu), präferiert aber das Spielsystem mit nur einer einzigen Spitze. Hintergrund dieser Vorliebe ist ein anderer Profi: Ronny. Den technisch starken Mittelfeldmann hat Luhukay als seinen „besonderen Spieler“ auserkoren, der mit seiner Übersicht und Schusskraft oft genug in dieser Saison den Unterschied ausgemacht hat (vier Tore, vier Vorlagen). Daher sieht er den Brasilianer als klassischen Spielmacher auf der „Zehn“, den jedoch zwei defensivere Mittelfeldspieler absichern müssen.

Gegen Ingolstadt ist Jos Luhukay gewissermaßen in die Stürmer-Falle getappt. Gegen seine Überzeugung ließ er mit zwei Angreifern beginnen, ohne aber Ronny als „Zehner“ wirklich zu opfern. Dadurch ergaben sich immer wieder große Lücken im Mittelfeld, welche der Gegner mit klugen Konterläufen ausnutzte. Das Experiment schlug fehl. Erst als Luhukay Mitte der zweiten Hälfte auf einen zentralen Stürmer umstellte, ging von den Ingolstädtern keine Gefahr mehr aus. Darüber hinaus hatte der eingewechselte Sami Allagui die große Chance zum Siegtreffer, als er unbedrängt am Ingolstädter Schlussmann scheiterte: „Das Ding muss ich machen, ich habe mich riesig geärgert“, sagte der 26-Jährige, der am Sonnabend immer noch sichtlich geknickt war.

Aufstiegsplatz in Gefahr

Dass es gerade seine Position war, die Hertha gegen Ingolstadt gefehlt hatte, war auch Peter Niemeyer aufgefallen. Dennoch wollte der defensive Antreiber die System-Debatte nicht allzu intensiv führen: „Wir können beide Systeme spielen. Doch diese Diskussion ist müßig. Wenn wir unsere Bestleistung bringen, schlagen wir jeden Gegner. Aber das ist gegen Ingolstadt nicht gelungen.“ Niemeyer ist bewusst, dass während Hertha über Spielsysteme debattiert, die Konkurrenz langsam enteilt. Mit einem Sieg gegen den Aufsteiger SV Sandhausen hat Tabellenführer Eintracht Braunschweig den Abstand zu den Berlinern auf nunmehr sieben Punkte ausgebaut. „Ein Brett“, sagte Niemeyer, das man nun aufholen müsse. Und es könnte noch schlimmer kommen: Gewinnen Cottbus und Kaiserslautern heute und am Montag ihre Partien, rutscht Hertha sogar aus den Aufstiegsplätzen.