Seit zwölf Wochen läuft mittlerweile die Zweitliga-Saison. Und seit etwa sechs Wochen bekommt Jos Luhukay beinahe täglich dieselbe Frage gestellt: „Wie machen sich Sami Allagui und Ben Sahar? Wann spielen sie?“ Auch am Dienstag in der Medienrunde kam die Frage auf, und erstmals riss dem Trainer von Hertha BSC der Geduldsfaden. „Langweilt euch das nicht? Wir haben eine phantastische Serie. Wir sind ohne Sami und ohne Ben so erfolgreich. Soll ich jetzt sagen, Sami und Ben spielen am Freitag in der ersten Elf? Das könnt ihr doch nicht ernsthaft erwarten.“
Luhukay redete sich in Rage. „Beide spielen nicht, weil sie nicht die Nase vorn haben. Da liegen andere Spieler vor ihnen. Die Mannschaft harmoniert und funktioniert auch ohne diese beiden, davor müsst ihr doch Respekt haben.“
Das klingt krasser, als das Binnenverhältnis tatsächlich ist. Weder Allagui noch Sahar sind ausgegrenzt. Aber jede Entwicklung bei einem Klub hat bestimmte Härten zur Folge. Herthas Bilanz von zuletzt fünf Siegen und zwei Remis legt nahe, dass die Aufstellungen, für die sich der Trainer entscheidet, derzeit funktionieren. In der Tabelle hat sich der Aufstiegsaspirant von Platz 16 auf Rang zwei vorgearbeitet. Luhukay lobt Allagui und Sahar in Serie: „Gute Trainingseinstellung, guter Charakter, sie hängen sich voll rein.“ Aber jede dieser Beschreibungen beendet der Trainer mit dem Hinweis, jetzt brauche es Geduld. Warten sei angesagt, bis sich die nächste Einsatzchance ergäbe.
Allagui meldet Ansprüche an
Allagui ist deutlich näher dran als Sahar. Der Deutsch-Tunesier hat mit seinem Nationaltrainer abgesprochen, dass er sich bis aus weiteres auf seinen Arbeitgeber konzentrieren werde. In der Länderspiel-Pause ist Allagui mit viel Energie und reichlich Toren aufgefallen. So erzielte er beim Test gegen den Halleschen FC beide Treffer beim 2:2. „Ich bin im Aufwind. Ich fühle mich körperlich fit und denke, ich kann der Mannschaft auch weiterhelfen“, sagte Allagui. Im Sommer war der Stürmer als Königstransfer für 1,5 Millionen Euro Ablöse von Bundesligist Mainz gekommen. Sein Start in Berlin war mit zwei Toren und zwei Vorlagen ordentlich. Aber der Hertha-Motor lief nach einigen Umstellungen, zu der die Aufstellung von Sandro Wagner im Sturm gehörte, deutlich runder.
Allagui meldet Ansprüche an. Er sei nicht gekommen, um auf der Bank zu sitzen. Der Trainer ist der erste, der diesen Ehrgeiz versteht. Als Allagui gegen 1860 München (3:0) nach vier Spielen Pause seine Chance erhielt, konnte er sich indessen nicht für seinen Aufwand belohnen.
Luhukay weiß, dass er eine Balance für den Kader finden muss, besonders für jene, die hinten dran sind. Weshalb er über Allagui sagt: „Wir zweifeln nicht an ihm. Er hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er ein hervorragender Torjäger ist, und das wird er auch bald bei uns zeigen.“
Sahar nur acht Minuten auf dem Platz
Sahar hat weit mehr zu kämpfen. Während Allagui bei 397 Saisonminuten auf dem Platz stand (von bisher 810), kommt der schnelle Angreifer auf nur acht Minuten. Seinen Platz im Nationalteam hat der Israeli verloren. So schwer hatte es sich der Weltenbummler nicht vorgestellt, er hatte gehofft, in Berlin regelmäßig zu spielen. Jetzt ist eine Eigenschaft gefragt, die Sahar in seiner Karriere bisher nicht gezeigt hat: der Wille, sich gegen Widrigkeiten durchzusetzen. Hertha ist bereits die neunte Karriere-Station des 23-Jährigen.
Und er wird Steher-Qualitäten zeigen müssen. „Die Lösungen, die wir bisher gefunden haben, waren so schlecht nicht“, sagte der Trainer. Luhukay hat kein Problem mit Allagui oder Sahar. Ihn wurmt aber an den Fragen, dass die Leistung der Mannschaft zu wenig gewürdigt wird. „Jetzt habe ich schon wieder zu viel gesagt, und ihr habt doch was zu schreiben“, schüttelte Luhukay am Ende den Kopf über sich selbst. Und Allagui und Sahar? Deren Situation kann sich rasch ändern. Gestern fehlte Ronny beim Training – Grippe. Ob der Brasilianer am Freitag in Bochum spielen kann, ist offen. Gut möglich, dass da ein Platz in der Hertha-Offensive frei wird.
Mitarbeit: Jörn Meyn



