Zweite Bundesliga

Warum DFB-Chef Niersbach von Hertha BSC schwärmt

Die Berliner sehnen sich wieder nach der großen Bühne. Sogar der DFB-Chef glaubt mittlerweile an die Rückkehr in die Bundesliga.

Foto: Ronny Hartmann / dapd

Das Trainerteam mit Chefcoach Jos Luhukay wird vor Ort sein. Die Chefetage mit Präsident Werner Gegenbauer und den Geschäftsführern Michael Preetz und Ingo Schiller ebenso wie rund die Hälfte der Profis. Hertha BSC zu Gast im eigenen Stadion – so ergeht es dem Hauptstadt-Klub, wenn am heutigen Dienstagabend die deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden um Punkte in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2014 spielt (20.45 Uhr).

Wenn der Weltranglisten-Zweite seine Stars wie Mesut Özil und Manuel Neuer auf den Rasen schickt, bleibt dem Fußball-Zweitligisten nur die Zuschauerrolle. Einigen schlägt das aufs Gemüt. Sandro Wagner etwa sagt: „Nö, Länderspiele interessiere mich nicht so.“ Der Torjäger von Hertha wird nicht im Stadion sein. Irgendwie kurios, Wagner war 2009 mit Deutschland U21-Europameister, eben mit Özil, Neuer, Khedira, Jerome Boateng und Schmelzer.

Stadionbesucher Luhukay hingegen wird genau hinschauen. Der Niederländer ist ein bekennender Anhänger der DFB-Elf. „Sie hat spielerische Klasse und individuelle Qualität. Weltweit kann fast keine Mannschaft das offensive Spiel so gut umsetzen wie Deutschland. Die deutsche Nationalmannschaft hat, gemeinsam mit Spanien, die vergangenen Jahre mit einer Spielweise geprägt, die ich enorm ansprechend finde.“

Nur ein Berliner auf dem Feld

Nun wird Hertha BSC seit einem Jahrzehnt gerühmt für eine exzellente Ausbildungsarbeit. Allein aktuell tragen 27 deutsche Jugend- und Junioren-Nationalspieler das blau-weiße Trikot. Doch wenn die Nationalhymnen im Olympiastadion gespielt werden, wird mit Jerome Boateng lediglich ein Berliner auf dem Feld stehen – und der hat Hertha im Sommer 2007 verlassen. Seit 2010, seit Arne Friedrich weg ist, hat kein Herthaner mehr in der A-Nationalmannschaft gespielt.

Die Frage, wer der nächste Nationalspieler werden kann, entlockt dem Hertha-Trainer nur ein Schultzerzucken. „Das ist im Moment schwierig, weil wir nicht auf höchstem Niveau spielen“, stellt Luhukay ebenso nüchtern wie zutreffend fest. Die zwei Abstiege innerhalb von drei Jahren haben zu einer nun bereits zweiten Runderneuerung beim kickenden Personal geführt.

Und Nationalspieler aus der Zweiten Liga hat es, mit der Ausnahme von Lukas Podolski, seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Luhukay mag keine Namen nennen, welcher seiner Spieler das Zeug für ganz oben hat. „Ich will jetzt keinen unnötigen Druck auf junge Spieler aufbauen.“

Erst die Pflicht, dann die Kür

Dem heißesten Kandidaten geht es persönlich so wie Hertha BSC als Verein im Ganzen. Pierre-Michel Lasogga (21) hat sich fulminant in die U21-Nationalmannschaft gespielt und es dort auf acht Einsätze gebracht. Weil er ein Stürmer mit einer Kombination aus Robustheit, Unbekümmertheit und Willenskraft ist, wie es sie so im deutschen Fußball nicht gibt, wird seine Entwicklung auch im Trainer-Stab von Joachim Löw aufmerksam verfolgt.

Aber Lasogga kuriert die Folgen eines Kreuzbandrisses aus, er wird erst im Januar wieder im Dienst erwartet. Auch Hertha BSC wird grundsätzlich erheblich mehr Potenzial zugetraut. Doch vor der Zukunft – Bundesliga-Duellen mit Bayern München, Borussia Dortmund oder dem FC Schalke – steht die Gegenwart. Und die heißt Zweite Liga mit Pflichtspielen gegen Sandhausen, Aue und Aalen.

Niersbach kommt ins Schwärmen

Im Rahmen des Länderspielbesuchs outet sich jemand als Hertha-Sympathisant, von dem man das nicht unbedingt erwartet hatte. Wolfgang Niersbach ist Präsident des Deutschen Fußball-Bundes. Er hat nie ein Hehl aus seiner Zuneigung zu Fortuna Düsseldorf gemacht, im Mai war er Augenzeuge beim skandalösen Relegationsrückspiel samt Bengalos und Platzsturm zwischen Fortuna und Hertha (2:2).

Niersbach sagte gegenüber Morgenpost Online zum Stichwort Hertha BSC: „Natürlich wünscht man sich, dass ein Klub aus der Hauptstadt auch in der Ersten Liga spielt. Aus der Distanz betrachtet, finde ich, dass sich Hertha stabilisiert und die Chance hat, wieder zurückzukehren. Ich hatte diesbezüglich viel mehr Schwierigkeiten erwartet – auch im Hinblick auf die Nachwehen der Relegation.“

Damit nicht genug. Niersbach kommt mit Blick auf die handelnden Personen beim Zweiten der Zweiten Liga geradezu ins Schwärmen. „Aus meiner Sicht ist Jos Luhukay ein hervorragender Trainer. Er macht seit Jahren gute Arbeit. Ich würde mir wünschen, wenn es Michael Preetz und Werner Gegenbauer gelingt, Hertha BSC wieder in die Erste Liga zu führen. Ich halte Werner Gegenbauer für einen guten Präsidenten. Sie müssen bei Hertha dankbar sein, ihn zu haben.“

Erfahrung mit Talentförderung

Ehe also der nächste Herthaner in die Fußstapfen von Friedrich (82 Ländespiele), Marko Rehmer (35) oder Erich Beer (24) treten kann, gilt es für die Berliner die Mission Wiederaufstieg zu erfüllen. Der Weg in die Nationalmannschaft führt nur über die Bundesliga. Aber grundsätzlich, sagt Hertha-Trainer Luhukay: „Klar, ich würde mir wünschen, dass Hertha BSC möglichst bald einen deutschen Nationalspieler hervorbringt.“

Zumal jeder Nationalspieler auch Beleg für gute Arbeit beim Heimatklub ist. Luhukay weiß, wie es geht: Bei Borussia Mönchengladbach förderte er einen damals 18-Jährigen, machte ihn zum Stammspieler, stieg mit ihm in die Bundesliga auf, das Talent wurde Nationalspieler. Mittlerweile verdient er sein Geld beim FC Chelsea. Sein Name: Marco Marin.