Exakt zwölf Tage sind es, in denen Jos Luhukay etwas durchatmen kann. Denn der Betrieb in der zweiten Bundesliga ruht in den kommenden knapp zwei Wochen aufgrund der Länderspieltermine, und Hertha BSC, das Team des niederländischen Trainers, tritt erst wieder am 19. Oktober im Spiel beim VfL Bochum an.
Es sind aber auch zwölf Tage, in denen Jos Luhukay, der im Sommer aus Augsburg kam, eine erste Bilanz seiner Arbeit in der Hauptstadt ziehen wird: Wo steht das Team nach neuen Spielen in einer Saison, an deren Ende nichts anderes als der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga zählt? Was lief bisher gut? Und wo sind noch Baustellen?
Die Tabellensituation
Durch den überraschend überzeugenden 3:0-Erfolg gegen die bis dahin ungeschlagene Mannschaft von 1860 München am Freitagabend haben sich die Herthaner erstmals in der aktuellen Spielzeit auf den zweiten Tabellenrang und damit auf einen direkten Aufstiegsplatz geschoben. Luhukays Team ist damit seit dem dritten Spieltag ungeschlagen und hat von insgesamt 21 möglichen Punkten aus den letzten sieben Partien 17 Zähler geholt.
Dass sich die Berliner nach einem holprigen Start mit einem Remis (Paderborn) und einer Niederlage (FSV Frankfurt) nunmehr stabilisiert haben, beweist die Tatsache, dass sie nach fünf Gegentreffern in den ersten beiden Saisonspielen nur noch fünf weitere in den sieben darauffolgenden Aufeinandertreffen zuließen.
Im Vergleich mit Herthas Aufstiegsmannschaft aus der Saison 2010/2011, als die Hauptstädter unter dem heutigen Hoffenheimer Trainer Markus Babbel bereits drei Spieltage vor Schluss den Aufstieg perfekt machten, liegt Luhukays Team allerdings zurück.
Babbels Mannschaft hatte nach dem neunten Spieltag bereits 23 Punkte auf dem Konto und führte die Tabelle mit sieben Siegen und zwei Remis an. Anders als die aktuellen Hertha-Profis gönnte sich das Babbel-Team nicht zu Beginn der Spielzeit, sondern in der Schlussphase der Hinrunde eine mittelschwere Krise, als man von fünf Spielen vier verlor und bis auf Platz fünf zurückfiel.
Luhukays Elf dagegen scheint sich nach anfänglichen Turbulenzen jetzt gefunden zu haben. Dennoch warnt der 49-Jährige vor einem ähnlich tiefen Durchhänger. Zwar habe sein Team gegen die „Löwen“ annähernd so gespielt, wie er sich das vorstelle, aber es sei „nur eine Momentaufnahme“.
Das lief bisher positiv
Eine große Stärke der Herthaner hat sich bereits nach neuen Spieltagen deutlich abgezeichnet: die Ausgewogenheit des Kaders. Keine Mannschaft in Liga zwei hatte bisher in dieser Spielzeit mit mehr Ausfällen zu kämpfen als die Berliner. Aber auch kein anderes Team versteht es so gut, das ausfallende Personal jedes Mal wieder adäquat zu ersetzen. Das lässt sich besonders an der so wichtigen Position im Abwehrzentrum illustrieren, auf der Jos Luhukay immer wieder aufs Neue gezwungen war umzustellen.
Als sich Herthas etatmäßiger Abwehrchef Maik Franz gegen den 1. FC Kaiserslautern vor zwei Wochen schwer an der Schulter verletzte (er wird die gesamte Hinrunde ausfallen), bekam der bis dahin kaum berücksichtigte Defensivallrounder Felix Bastians seine Chance und nutzte sie mit einer starken Leistung gegen Dynamo Dresden.
Doch bereits im nächsten Spiel gegen den MSV Duisburg verletzte sich auch Bastians schwer (Außenbandriss im Knie). Weil auch der Tscheche Roman Hubnik kurzfristig ausfiel, setzte Luhukay gegen 1860 München den erst 19 Jahre alten Deutsch-Amerikaner John Anthony Brooks ein. Auch er überzeugte, und Hertha blieb erneut ohne Gegentor.
„Es ist toll, wie die Mannschaft immer wieder diese Ausfälle wegsteckt und in der Erfolgsspur bleibt. Einer folgt auf den anderen, das spricht für den Charakter des Teams und macht mich unglaublich stolz“, sagte Luhukay. Er scheint ein besonderes Gespür für die Befindlichkeiten seines Teams zu haben und selbst bei den „Sorgenkindern“ Adrian Ramos und Änis Ben-Hatira den richtigen Ton zu treffen.
Neben der Ausgewogenheit des Kaders, in dem die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird – was sich auch daran deutlich macht, dass nicht ein einziger Spieler für den Großteil der Tore zuständig ist, sondern mit Ronny (4), Sandro Wagner (3), Änis Ben-Hatira (3), Adrian Ramos (2) und Sami Allagui (2) bereits fünf Akteure mehrfach getroffen haben – ist bei Hertha in der noch jungen Saison auffällig, dass die Mannschaft überaus fit wirkt und am Ende eines jeden Spiels immer zulegen konnte.
So fiel die Hälfte aller 16 Treffer im letzten Drittel der Partien. „Der körperliche Zustand der Mannschaft ist sehr gut. Am Schluss können wir immer noch eine Schippe drauflegen, und das ist sicher ein Vorteil für uns“, befand Defensivallrounder Fabian Lustenberger. Darüber hinaus wurden bisher fast alle Zugänge den Erwartungen gerecht und gehören – wie Peer Kluge, Sandro Wagner, Marcel Ndjeng und Peter Pekarik – zum Stammpersonal der Berliner.
Das muss noch besser werden
Der einzige Zugang, der trotz seiner zwei Saisontore bisher oft enttäuschte, ist Sami Allagui. Ausgerechnet der Königstransfer (rund 1,6 Millionen Euro Ablöse) wirkt immer noch als Fremdkörper im Spiel und agiert zumeist, wie bei seiner vergebenen Großchance gegen die „Löwen“, unglücklich und bisweilen phlegmatisch. Luhukay ist nicht zufrieden mit den Leistungen des 26-Jährigen und ließ ihn vor der Partie gegen die Münchner dreimal nur auf der Bank.
Dennoch zweifelt er nicht an Allaguis Fähigkeiten: „Er hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er ein hervorragender Torjäger ist, und das wird er hoffentlich bald auch bei uns tun.“ Allagui aus dem Leistungstief zu ziehen, wird ebenso Luhukays nächste Herausforderung sein, wie der Mannschaft auszutreiben, gegen vermeintlich schwächere Gegner hin und wieder zur Überheblichkeit zu neigen. So ließ Hertha gegen den Tabellenletzten Duisburg nach einer schnellen Führung deutlich nach und hatte am Ende Glück, mit einen 2:2 vom Platz zu gehen.
Fazit
In den ersten neun Saisonspielen hat Hertha zwar nur phasenweise wie ein Aufsteiger gespielt. Doch weil Jos Luhukay bisher auf jede Unwägbarkeit eine Antwort parat hatte und außer Tabellenführer Eintracht Braunschweig auch die Konkurrenz um Kaiserslautern und München noch nach Konstanz sucht, liegt Hertha im Herbst 2012 auf Aufstiegskurs.


