Zweite Liga

Hertha-Trainer Jos Luhukay schlägt Derby-Alarm

Vor dem Spiel gegen Union hat Jos Luhukay seiner Mannschaft beim Training eine Wutpredigt gegen Passivität und Gleichgültigkeit gehalten.

Hertha vor dem Derby gegen Union

Hertha-Kapitän Peter Niemeyer bezeichnete es als „normale Einheit“, doch die Beobachter wunderten sich schon über die durchaus lautstarke Ansprache des Trainers Jos Luhukay an seine Spieler.

Video: BMO
Beschreibung anzeigen

Es gibt Portraits über Jos Luhukay, in denen der Fußball-Trainer als „unaufgeregt“ und „gelassen“ beschrieben wird. Als ein Mensch, der in nur „einer Betriebstemperatur durchs Leben geht“, mit „tibetanischem Gleichmut“.

Doch der nette Herr Luhukay kann auch anders. Am Dienstag auf dem Trainingsplatz riss dem Niederländer nach wenigen Minuten der Geduldsfaden. „Stopp, alle zusammen“, unterbrach Luhukay. Und brüllte seine Mannschaft vier, fünf Minuten in einer Lautstärke zusammen, dass die sensiblen unter den Trainingskiebitzen sich um die Stimmbänder des Trainers sorgten. Dann ging es weiter im Spiel Sieben-gegen-Sieben – aber nun war Luhukay in Fahrt.

„Niki [Rukyvytsya/Anm.d.Red], du machst ja gar nichts. Das ist ja nur Alibi“, ätzte der Trainer. Oder: „Nico [Schulz], machst du noch was, oder gehst du nur spazieren?“ Woraufhin sich der linke Verteidiger aufraffte, und einige Aktionen in vollem Sprint zeigte. Um sich dann vom Trainer anzuhören: „Nico, du bist ständig müde. Nach jeder Aktion, die du hast, machst du 30 Sekunden Pause. Werde doch mal erwachsen.“

Kritik an Ronny und Ramos

Auch die Südamerika-Fraktion mit dem Brasilianer Ronny und dem Kolumbianer Adrian Ramos bekam ihr Fett weg. „Ihr seid seit zwei Jahren hier. Aber wenn ihr keine Fußball-Sprache sprecht, wie sollen wir euch dann helfen?“ Die Anspannung setzte sich unter den Spielern fort. Rechtsverteidiger Felix Bastians wies Stürmer Elias Kachunga zurecht, der Gegenspieler Maik Franz hatte laufen lassen: „Elias, da musst du mitgehen, Mensch.“ Torwart Thomas Kraft konnte sich über eine vergebene Großchance überhaupt nicht beruhigen und schrie quer über den Platz: „Ronny, das ist nicht zu ertragen. Schieß verdammt nochmal den Ball ins Tor.“ Ronny maulte zurück „Ja, ja, ja.“ Was Kraft erst recht aufbrachte: „Ronny, das ist Schei. . . , du sollst Tore schießen!“

Noch fünf Tage bis zum Derby am Montag beim 1. FC Union – und erstaunlicherweise muss der Trainer dafür sorgen, dass Leben in die Mannschaft kommt. Hertha BSC hat zwar drei Zähler mehr auf dem Konto als der 1. FC Köln (Tabellen-17./ein Punkt). Doch beide Bundesliga-Absteiger tun sich extrem schwer, in der neuen Liga zurechtzukommen. Beim runderneuerten FC verbreitet sich nach dem 0:2 in Aue Entsetzen. Holger Stanislawski, der neue Kölner Trainer, verbarg nach der zweiten Niederlage in Folge sein Gesicht immer wieder in den Händen. Die Frust-Bewältigung in Köln hörte sich bei Stanislawski so an: „Ich werde jetzt bestimmt nicht mit der Streitaxt draufhauen. Wir müssen es besser machen, das steht außer Frage, aber dabei werde ich den Jungs helfen.“

Der 1. FC Köln und Hertha haben ein ähnliches Problem. Da ist gar nicht der Einbau von vielen neuen Spielern gemeint. Gefordert ist in der neuen Liga eine Änderung der Mentalität in der Mannschaft, aber auch im gesamten Verein. In der Bundesliga hatten beide Teams ihr Heil aus einer gesicherten Defensive in überfallartigen Angriffen samt einem schnellen Abschluss gesucht. Die Verantwortung, das Spiel zu machen, war zumeist den Gegnern zugeschoben worden.

Im Unterhaus haben sich die Rollen geändert: Jetzt stellen sich so gut wie alle Gegner hinten rein. Und die Absteiger vom Mai werden jetzt im August als Aufstiegsfavoriten gehandelt. Von den Kölnern und Berlinern wird Dominanz verlangt, Aggressivität und Siegeszuversicht. Genau daran hapert es bei Hertha. „Wir können nicht zufrieden sein mit dem, was wir bisher geleistet haben“, sagte Luhukay Morgenpost Online. Er war nach der lauten Einheit auf dem Trainingsplatz im Besprechungszimmer wieder im tibetanischen Gleichmut-Modus angekommen. „In der zweiten Hälfte gegen Regensburg waren wir viel zu passiv.“ Der Trainer monierte, dass diese Energie, der Drive gewinnen zu wollen, eigentlich von den Spielern kommen müsste. „Aber es kommt zu wenig aus der Mannschaft selbst. Ich will die maximale Konzentration und die volle Ernsthaftigkeit sehen. Wir trainieren, um besser zu werden.“

Weckruf gegen Herthas Lethargie

Luhukay weiß sehr wohl, dass es den Profis nicht gefällt, wenn sie vom Trainer vor den Ohren aller Mitspieler und Besucher kritisiert werden. Doch die Zeit des Rücksichtnehmens ist bereits zu diesem frühen Saisonzeitpunkt vorbei. Der Trainer will Hertha aus der Lethargie wecken. Luhukay sagt: „Die Spieler sollen wissen, dass gesehen wird, welche Fehler sie machen. Meine Aufgabe ist es, ihnen zu zeigen, was sie besser machen können.“

Die erfahrenen Profis verstehen, wie die Zeichen gemeint sind. „Richtig so, dass das Feuer entfacht wird“, sagte Mittelfeldspieler Peer Kluge (31), „ich hoffe, dass wir das fürs Derby mitnehmen.“ Bleibt zu hoffen, dass die Reaktion der Mannschaft am Montag beim 1. FC Union anders ausfällt als die auf die öffentliche Wutrede von Luhukay nach dem 1:3 beim FSV Frankfurt. Danach hatte Hertha sich im DFB-Pokal bei Viertligist Wormatia Worms blamiert (1:2).