Zweite Liga

Hertha setzt auf Nachwuchs - und zahlt den Preis dafür

Zwar ist es lobenswert, dass der Zweitligist auf seinen Nachwuchs bauen will und muss. Allerdings kostet das dem Berliner Klub viele Punkte.

Foto: DAPD

Es gibt ein gutes Beispiel in der Stadt, wie auf sehr erfolgreiche Weise die Interessen eines Vereins zu kombinieren sind. Wo fast alles funktionierte, was man sich in den vergangenen Jahren vorgenommen hat. Es sollten deutsche Talente her, weitgehend ausgebildet im eigenen Klub, die langsam an die Profikarriere herangeführt werden und im Laufe der Jahre die Führungsrollen in der Mannschaft übernehmen. Ganz nebenbei, wegen der langen Zugehörigkeit zum Verein, sollte das auch noch die Identifikation mit den Fans stärken, den Klub noch fester verwurzeln. Und der Erfolg sollte dabei natürlich nicht auf der Strecke bleiben.

Das klingt alles sehr idealisiert, fast zu schön, um wahr zu sein. Doch inzwischen ist ein 26-jähriger, gebürtiger Berliner der Kapitän des EHC Eisbären, und André Rankel ist genauso wie einige Altersgenossen sechsfacher deutscher Eishockeymeister. Von Titeln soll auf den Fußball bezogen ja nun gar keine Rede sein, aber Talente aus den eigenen Reihen waren in den vergangenen Jahren in den Profiteams von Hertha BSC fast genauso selten. Mittlerweile hat sich das Bild gewandelt, beim Zweitligisten stehen gleich neun Akteure im Kader der Profis, die aus Nachwuchs-Mannschaften hervorgegangen sind. Das ist schön auf der einen Seite, nicht ganz feiwillig auf der anderen – und Probleme bringt es auch noch.

Hertha BSC ist ein Klub, bei dem schon lange eine große Sehnsucht nach Spielern herrscht, die aus dem eigenen Nachwuchs den Weg nach oben schaffen. Da hängt viel Herz dran bei den Fans, zu beobachten am besten, wenn der Klub zu Mitgliederversammlungen lädt oder zum Dialog bittet. Es hagelt Fragen nach der Entwicklung, danach, wie es sein kann, dass ein Verein mit nachweislich hochklassiger Ausbildung im eigenen Internat so wenig Profis für den Eigenbedarf produziert. Da werden große Sorgen artikuliert, das Lechzen nach Helden mit Hauptstadt-Hintergrund wird laut herausgeschrieen.

Keine Randfiguren mehr

Insofern läuft es gerade ganz toll, nun sind die Jungen da, keine Randfiguren mehr bei den Profis, nein, sie spielen auch. Ob es so wäre, würde Hertha BSC nicht eine große Schuldenlast von über 30 Millionen Euro drücken, darf sicher bezweifelt werden. Aber die Umstände zwingen den Klub nun einmal, auf preiswerte Alternativen zu setzen. Hertha hat kaum eine andere Wahl, aber in Jos Luhukay auch einen Trainer, der gern mit jungen Spielern arbeitet. Es fügt sich also alles gut zusammen – doch es gibt eben unerfreuliche Begleiterscheinungen.

Sie bestehen darin, dass die Ausbildung dieser Spieler nicht beendet ist. Sie lernen noch – und beim Lernen passieren Fehler. Die häufen sich derzeit, und sie kosten Hertha Erfolge. „Wir haben in drei Spielen den Gegnern nur zehn Chancen zugelassen. Aber die haben daraus sieben Tore gemacht. Das geht gar nicht“, sagt Verteidiger Maik Franz. Vier, also über 50 Prozent der Gegentreffer, gehen auf die Kappe von Nico Schulz (Paderborn, 2:2), John Brooks gemeinsam mit Torhüter Sascha Burchert (FSV Frankfurt, 1:3), Torhüter Philip Sprint und Alfredo Morales (Worms, 1:2).

Bei Hertha ist niemand naiv. Jeder weiß, was es bedeutet, junge Spieler zu integrieren. „Dass da Fehler passieren, ist völlig normal. Nur müssen wir zusehen, dass dadurch keine Gegentore passieren“, sagt Kapitän Peter Niemeyer. Doch der Mittelfeldspieler will damit keinen Entschuldigungszettel für die Youngster unterschreiben. Zwar sieht er die schwierige Situation des Klubs nach dem Abstieg, die innere Zerrissenheit, die Anfälligkeit bei geringsten Störungen, aber er äußert sich auch kritisch: „Natürlich wäre es für sie einfacher, wenn sie in eine funktionierende Mannschaft kommen würden. Aber meist beginnen Karrieren, weil junge Spieler durch Verletzungen oder Sperren anderer ins kalte Wasser geworfen werden. Und dann muss jeder seinen Mann stehen.“ Von Talent zu reden, sei bei einigen mit inzwischen zwei Jahren Profitraining ohnehin nicht mehr angebracht.

Individuelle Versäumnisse

Für den Trainer zählt dieses Argument nicht, er ist neu, also fangen auch alle jungen Spieler von vorn an. Doch die individuellen Versäumnisse machen ihm zu schaffen. „Wie wir unsere Gegentore bekommen, das ist kein taktisches Problem. Das ist Handeln und konsequentes Führen von Zweikämpfen. Bei Philip ist es, dass er zu ungestüm rauskommt“, sagt Luhukay. Sprint (19) verursachte in Worms einen Elfmeter. Immerhin endete sein Fehlgriff nicht so tragisch wie der von Sascha Burchert (22) in Frankfurt, der dazu die Rote Karte erhielt, als er gutzumachen versuchte, was zuvor Innenverteidiger Brooks (19) verbockt hatte. Alfredo Morales (22) verschuldete den zweiten Gegentreffer in Worms und damit das Aus im DFB-Pokal. „Wie Alfredo stehen bleibt und wartet, bis der Ball kommt! Wenn er energisch entgegengeht, bekommt er den Ball – und nicht der Stürmer. Das sind Momente, die fatal sind. Entweder verlierst du dadurch ein Spiel in der Liga, oder im Pokal scheidest du aus“, erzählt der Niederländer.

Gegen Worms gehörte Linksverteidiger Nico Schulz (19) nicht mehr zum Kader, Marvin Knoll (21), der bislang auf der linken Offensivseite ohne den erhofften Einfluss bliebt, saß nur auf der Bank. „Das heißt nicht, dass sie raus sind. Bei den Jungen ist es wichtig, dass sie auch Pausen bekommen“, sagt Manager Michael Preetz. Aber auch er macht sich mittlerweile seine Gedanken: „Das eine ist, über Talente zu sprechen. Das andere: Sie müssen ihre Chance auch nutzen.“

Der Trainer hat die Geduld noch nicht verloren, der Lernprozess – mit dem Ziel, eine feste Rolle im Team zu ergattern – wird weitergehen für die Eigengewächse, zu denen auch Fabian Holland (22) und die langzeitverletzten Pierre-Michel Lasogga (20) und Shervin Radjabali-Fardi (21) zählen. Andere sind ja nicht besser. „Es ist ein Roman Hubnik, der gegen Paderborn und in Frankfurt entscheidende Fehler macht“, sagt Luhukay. Der Tscheche (28) war sogar bei der Europameisterschaft.