Das Stadion bei Fortuna Düsseldorf war restlos ausverkauft – 51.000 Besucher. Die Arena auf Schalke war ausverkauft, 61.700 Zuschauer. Im Borussen-Park zu Mönchengladbach drängten sich 52.700 Fans – das sind die Kulissen, vor denen Hertha BSC seine letzten Pflichtauswärtsspiele absolviert hat. Zugegeben, das waren Bundesliga-Auswärtsspiele sowie in Düsseldorf das Rückspiel in der Relegation (2:2). Am Sonntag tritt Hertha beim FSV Frankfurt an (15.30 Uhr).
Deren Geschäftsführer Clemens Krüger warb mit dem prognostizierten guten Wetter und appellierte „an alle Bornheimer, ins Stadion zu kommen.“ Abgesehen davon, dass bei rund 150.000 Einwohnern im Stadtteil Bornheim der gastgebende FSV ein Problem hätte, die Wahrheit ist eine andere: Die Spielstätte des FSV Frankfurt mit 11.200 Plätze wird nicht voll werden. Wenn der Bundesliga-Absteiger und Aufstiegsfavorit aus der Hauptstadt am Sonntag in Frankfurt aufläuft, werden 5500 Zuschauer erwartet, vielleicht auch 6500.
Neue Liga, neue Herausforderung
Willkommen in der Zweiten Liga. Hertha-Trainer Jos Luhukay weiß, dass das für seine Spieler ein Herausforderung wird. Ob Kapitän Peter Niemeyer, Fabian Lustenberger, Roman Hubnik, Änis Ben-Hatira oder Sami Allagui – die meisten Berliner haben in der vergangenen Saison vor großen Bundesliga-Kulissen gespielt. „Wir fahren nicht irgendwo hin, wo 50- oder 60.000 Fans warten. Sonntag werden es viel weniger sein“, sagte Luhukay. „Wir müssen uns in die Zweite Liga mental reinspielen, den Schalter umlegen. Wir müssen das annehmen.“
Bei allen Härten, die Hertha in der Folge des Abstieges durchmacht: Trotz der Entlassungen von Mitarbeitern, trotz der Halbierung des Personal-Haushalts auf 13 Millionen Euro tritt am Sonntag ein Zweitliga-Riese beim FSV an. Beispiel: Am Freitag stellten die Frankfurter ihren neuen Trikotsponsor vor. „Wir sind stolz auf die neue Partnerschaft“, sagte Frankfurts Finanzchef Krüger. „Sparhandy.de“ heißt der Schriftzug auf dem Trikot.
Auf dem Papier in fast allen Belangen besser
Dotiert ist der Zwei-Jahres-Vertrag „marktüblich“ für die Zweite Liga, wie Krüger sagte, „unterhalb von einer Million Euro.“ Zum Vergleich: Hertha erhält von Hauptsponsor Bahn 3,6 Millionen Euro pro Saison. Ob es um den Haushalt geht, den Kader oder die Stadien – auf dem Papier ist Hertha in allen Belangen besser aufgestellt als die allermeisten Konkurrenten. Aus dieser ungleichen Konstellation ergibt sich eine Brisanz, die den Blau-Weißen durch die gesamte Saison hinweg immer wieder begegnen wird: Die Kleinen wollen es dem Favoriten unbedingt zeigen. Mit allen Mitteln.
Nächstes Heimspiel gegen Regensburg
So wird es beim nächsten Hertha-Heimspiel gegen Jahn Regensburg am 24. August sein, gegen den VfR Aalen wird es so sein, gegen Sandhausen und Aue auch. Und am Sonntag in Frankfurt. „Wir müssen selbst hoch motiviert sein“, sagte Trainer Luhukay, „weil der Gegner gegen Hertha topmotiviert sein wird. Es kommt auf den mentalen Bereich an.“ Der Coach redet von Charaktereigenschaften wie dem Willen: „Den hat meine Mannschaft am vergangenen Freitag gezeigt, sie hat bis zur letzten Minute gekämpft, um zu gewinnen.“
Nur, wenn seine Schützlinge die Bedingungen, die unter Umständen schwierigen Platzverhältnis, die hitzige Atmosphäre auf den Rängen annehmen, „und wenn wir da auf Augenhöhe sind, dann müsste unsere individuelle Qualität den Ausschlag geben.“
Luhukay kennt den FSV
Die Gastgeber aus Frankfurt sind wie Hertha mit einem Unentschieden in die Saison gestartet. Nach dem 1:1 in Sandhausen sagte Trainer-Routinier Benno Möhlmann (58): „Wie wollen im ersten Heimspiel an die Leistungen der Vorsaison anknüpfen und jetzt auch gegen einen vermeintlich stärkere Gegner bestehen.“
Luhukay, der die Umstände beim FSV mit dem FC Augsburg mehrfach kennengelernt hat, sagte: „Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Frankfurt eine unangenehm zu spielende Mannschaft ist. Es ist schwer, dort zu gewinnen.“
Ronny in der Anfangself
Hertha wird mit einer neuen Formation antreten. Gegenüber dem 2:2 zum Auftakt gegen Paderborn wird der Trainer seine Elf auf mindestens zwei Positionen umbauen. Nicht dabei sind der am Sprunggelenk verletzte Peer Kluge sowie der aus familiären Gründen freigestellte Daniel Beichler. Für Kluge, da hat sich Luhukay bereits festgelegt, wird der Mann des vergangenen Freitagabends in Herthas Anfangsformation rutschen. „Es ist kein Geheimnis“, sagte Luhukay, „Ronny hat sich nach seiner Einwechslung hervorragend eingebracht. Es liegt auf der Hand, dass er seinen Einsatz bekommen wird.“
Der Brasilianer hatte im ersten Spiel nach dem Wechsel seines Bruders Raffael (zu Dynamo Kiew) mit einem Tor und einer Torvorlage maßgeblichen Anteil daran, dass gegen Paderborn wenigstens ein Punkt bei Hertha blieb. Für die Beichler-Position im rechten Mittelfeld gibt es mehrere Kandidaten. Änis Ben-Hatira kann dort ebenso spielen wie Adrian Ramos. Vielleicht lässt sich der Trainer von einem Blick in die Vergangenheit inspirieren. Im Oktober 2010 gewann Hertha BSC am Bornheimer Hang knapp und glücklich mit 1:0. Das Siegtor köpfte zwei Minuten vor Schluss – Ramos.


