Zeitgeschichte

Vor 87 Jahren kickte Hertha erstmals gegen Frankfurt

Die Premiere verloren die Berliner, doch ein Jahr später nahmen sie Revanche. Am Sonntag stehen sich die Traditionsklubs erneut gegenüber.

Hertha gegen den FSV Frankfurt – zwei Traditionsklubs stehen sich am Sonntag gegenüber. Sie spielten schon Fußball, als Deutschland noch einen Kaiser hatte. Die Paarung an sich hat keine große Tradition, möchte man meinen: Es ist erst das fünfte Punktspiel, alle in der Zweiten Liga. Das erste stieg im November 1994, als die Berliner am Bornheimer Hang 3:1 gewannen. Und doch gibt es in den Chroniken beider ein bedeutsames Spiel, an das sich nicht mal mehr die Älteren erinnern können. Vor 87 Jahren, am 24. Mai 1925, trafen sich die Klubs im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. In den Goldenen Zwanzigern griffen die Kontrahenten tatsächlich nach der Viktoria – der Mutter der Meisterschale.

Wie war das damals?

Die Deutsche Meisterschaft wurde bis zur Gründung der Bundesliga 1963 im Pokal-Modus ausgetragen, der ab 1924/25 mit dem Achtelfinale begann. Die Regionalverbände ermittelten in Endrunden ihre Teilnehmer, der Süden stellte erstmals drei, Berlin entsandte seinen Meister. Der FSV ging nicht mal als Geheimfavorit in die Endrunde, während Hertha mit den Nationalspielern Karl Tewes, Willi Völker und Willi Kirsei hoch gewettet wurde.

Im Achtelfinale vollbrachte der FSV sein erstes Wunder, warf Vize-Meister HSV in Hannover raus (2:1 n.V.). Auch Hertha musste beim VfB Königsberg in die Verlängerung. Im Viertelfinale hatten es beide seltsamerweise leichter: der FSV gewann in Bochum gegen Schwarz-Weiß Essen trotz Rückstands 3:1, Hertha fegte TuRu Düsseldorf 4:1 vom Platz.

Am 24. Mai 1925 standen sich im Fürther Ronhof Hertha und der FSV erstmals überhaupt in einem Pflichtspiel gegenüber. Auch waren beide noch nie so weit gekommen, es war ihr bis dato bedeutendstes Spiel. Beide Teams wurden von Spielertrainern betreut, beim FSV hatte der Schweizer Nationalspieler Robert Pache das Kommando übernommen. Hertha wurde von Nationalspieler Karl Tewes gecoacht. Für das Halbfinale auf neutralem Platz in der Fußball-Hochburg Fürth interessierten sich nur 12.000 Zuschauer. Auch für damalige Verhältnisse keine große Kulisse, gemessen an der Bedeutung der Partie. In Fürth interessierte sich kein Mensch für den FSV und kaum einer für die Hertha. Zumal die Franken mit den Cracks der Spielvereinigung und denen des Nachbarn 1.FC Nürnberg, der auch im Halbfinale stand, fast das ganze Nationalteam jeden Sonntag zu sehen bekamen.

Siegulin oder Gewinnulin?

Den FSV begleitete laut Bericht des „Kicker“ nur „eine kleine Schar“ Fans, das Schlachtenbummeln steckte noch in den Kinderschuhen. Das Fachblatt hat während der gemeinsamen Anreise im Zug mit FSV-Präsident Dr. David Rothschild Informationen gesammelt über „die verblüffende Erfolgsserie, sie mutet fast unheimlich an“. Und so erfährt der Leser, dass Fußball auch 1925 schon Kopfsache war. „Die Erfolge des F.Sp.V. lassen sich nur durch eine Überspannung der Willensleistung und der Energie, also durch rein psychische Momente erklären. Die Mannschaft ist mit irgendeinem geistigen Stoff geimpft, mit ‚Siegulin' oder ‚Gewinnulin', wie man diese Mixtur nennen will.“

Das Spiel – es bleibt lange Zeit ereignisarm, Hertha mit leichter Feldüberlegenheit, während sich der FSV vereinzelte „Maurer“-Rufe gefallen lassen muss. Gefährlich wird es für FSV-Keeper Johann-Friedrich Koch nur selten, denn Herthas Stürmer „können einfach nicht schießen, sie spielten zu mädchenhaft“, lästert der „Kicker“. Die wenigen FSV-Angriffe seien „bedeutend gefährlicher gewesen“. Nach 90 Minuten steht es immer noch 0:0, Deutschlands bester Schiedsrichter, der spätere DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens, bittet zur Verlängerung. Der „Kicker“ immerhin hält sein Niveau: „Das Bild hat sich immer noch nicht geändert. Man fragt sich, was die Frankfurter eigentlich vorhaben. Ihr Drang zum Tor ist höchst embryonal.“

Dann kommt die 102. Minute, der Moment der Entscheidung. „Pache schießt einen Ball, scharf, aber durchaus haltbar, aufs Tor. Götze hat den Ball gefasst, er rutscht ihm jedoch zwischen den Beinen durch ins Netz.“ Es ist das Tor des Tages, Sündenbock Alfred Götze geht weinend vom Platz. Die Zuschauer hätten lieber die Berliner im Finale gegen Nürnberg gesehen und pfeifen. Die Herthaner werden bei der Rückfahrt ins Hotel gefeiert, die Massen stehen Spalier. Ein Berliner Vorstands-Mitglied steigt daher auf ein Auto-Dach und hält eine kleine Dankesrede.

Epilog: Der FSV verlor das Finale gegen Nürnberg 0:1 – und Hertha nahm 1926 Revanche. Und wie: 8:2! Denn nun spielte auch Hanne Sobek mit.