Das klassische Spielchen blieb diesmal aus, stattdessen widmete Jos Luhukay den Vormittag einigen Grundlagen. Das verschaffte den Torhütern von Hertha BSC einen abwechslungsreichen Tag, denn der Trainer des Berliner Fußballklubs verordnete den Feldspielern intensives Torschuss-Training. Vielleicht keine schlechte Idee, denn ziemlich viele Bälle landeten statt im Tor oder knapp daneben in den Bäumen hinter dem Platz. Trotz eines gut fünf Meter hohen Fangnetzes.
Torwarttrainer Christian Fiedler musste deshalb ganz schön viel laufen, als hätte er geahnt, dass es notwendig sein würde, postierte er sich hinter dem Netz und holte die verlorenen Bälle zurück. Zeit, sich mit seiner Hauptaufgabe zu beschäftigen, blieb trotzdem noch. Einige Male zeigte er Sascha Burchert gestenreich, wie mancher Ball effektiver abzuwehren sei. Burchert schaute, dann machte er mit, als sei er Fiedlers Spiegelbild.
So etwas wie eine Torwartdiskussion gibt es eigentlich gar nicht bei Hertha, mit Thomas Kraft hat der Zweitligist eine klare Stammkraft. Die allerdings wird wegen einer Sperre, die aus dem Relegationsspiel gegen Düsseldorf stammt, für vier Partien fehlen. Dreimal in der Liga, einmal im Pokal. An sich war die Sache auch unter diesen Umständen noch immer klar, die etatmäßige Nummer zwei, Sascha Burchert, würde ersatzweise nachrücken. Inzwischen aber will sich Luhukay dazu nicht mehr festlegen. „Die Aufstellung werde ich der Mannschaft erst am Freitag mitteilen“, sagt er. Er wolle Trainingseindrücke berücksichtigen, und die seien auch bei der Nummer drei, Philip Sprint, recht gut.
Also ergibt sich nun doch die Frage: Wer hütet bei Hertha das Tor? Einer, der einen Hinweis geben könnte, ist Fiedler. Schließlich berät er den Trainer auch. Doch Fiedler hält sich zurück. „Meine Aufgabe ist es, beide vorzubereiten. Wer spielt, entscheidet der Trainer. Mal sehen, ob er mich dazu fragt“, so der frühere Bundesliga-Keeper der Berliner. Er wird es wohl tun, denn keiner ist näher dran an den Torhütern und kann sie besser beurteilen als Fiedler.
Selbstbewusst und gut drauf
Die Situation scheint Sascha Burchert nicht zu belasten. Er ist zwar erst 22 Jahre alt, aber dennoch verfügt er schon über einige Erfahrung, kommt auf 14 Einsätze in Bundesliga, Zweiter Liga, Europa League und Pokal. Sprint (19) hingegen kam gerade aus der U19 nach oben. Dennoch vermeidet Luhukay es, eine feste Position zu beziehen. Aber Burchert gibt sich selbstbewusst, lässt sich offenbar nur wenig von der Unbestimmtheit beeindrucken. „Die Lage ist wie sonst auch, ich bereite mich immer so vor, als würde ich spielen. Und ich gehe davon aus, dass ich spiele“, sagt der gebürtige Berliner, der vor fünf Jahren aus dem Nachwuchs von Hertha in die Profimannschaft wechselte.
Er kann sich noch gut daran erinnern. Jaroslav Drobny und Christian Fiedler hieß damals das Gespann, sie haben es Burchert leicht gemacht, sich bei den Profis zurechtzufinden. Gleiches bietet er nun gemeinsam mit Kraft für Sprint an. „Dadurch hat er sich schnell integriert und zeigt Woche für Woche sehr gute Leistungen im Training“, sagt Burchert über den Neuling, der offenbar schon ein Konkurrent geworden ist.
Danach sah es zunächst nicht aus, Luhukay hatte zu Beginn der Vorbereitung Burchert als Vertreter Krafts während dessen Sperre ausgerufen. „Sascha hat seine Chance verdient“, sagte er. Doch im Testspiel gegen Teplice (0:1) brachte ein Fehler Burcherts die Niederlage, beim 0:2 gegen Juventus Turin war Luhukay ebenfalls nicht zufrieden. Aber da traf es auch Sprint, jeder der Torhüter musste einen Gegentreffer hinnehmen und wurde vom Trainer in die Verantwortung genommen.
Erinnerungen an Bogenlampen
Verunsichert ist Burchert nicht durch die Entwicklung, zumindest lässt er sich nichts anmerken. „Ich glaube, dass es absolut keinen Grund gibt, etwas zu ändern“, erzählt er und bezieht sich damit auf den Stand zu Beginn der Vorbereitung. Er muss so denken, denn ein Verzicht auf ihn wäre ein herber Tiefschlag für seine Karriere. Die hatte schon mit traumatischen Erlebnissen begonnen. Im Oktober 2009 klärte er gegen den Hamburger SV (1:3) zweimal innerhalb weniger Minuten per Kopf, beide Male kam der Ball als Bogenlampe zurück und landete im Tor. Das hat er inzwischen hinter sich gelassen.
Burchert denkt auch nicht daran, nun vom Neuling verdrängt zu werden. „Ich konzentriere mich auf mich und meine Leistung, deshalb gehe ich davon aus, im Tor zu stehen“, sagt er. Sprint beeindruckt vor allem mit seiner hünenhaften Statur von fast zwei Metern, auf ihn als Kraft-Ersatz zu setzen, wäre aber auch ein Risiko. Unterlaufen ihm vor der neuen, großen Kulisse und unter dem Druck der Zweiten Liga Fehler, könnte dies seiner Entwicklung schaden. Am Ende wären dann womöglich beide Ersatztorhüter mental angeschlagen. Für Hertha kann das nicht wünschenswert sein.
So liegt ein Einsatz von Sascha Burchert wohl näher. SC Paderborn, FSV Frankfurt, Wormatia Worms im Pokal und Jahn Regensburg heißen die Gegner, ehe gegen den 1. FC Union im Lokalderby wieder Thomas Kraft zur Verfügung steht. Das sind alles keine großen Aufgaben. Aber: „Paderborn hat sicher einige Akteure, die länger Zweite Liga gespielt haben, die wissen, wie es da abläuft. Von daher werden wir schon einen harten Brocken vor uns haben“, sagt Sascha Burchert. Aber er sagt auch, dass er bereit ist für Freitagabend, 20.30 Uhr.
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