Zweite Liga

Herthas zehn Nachwuchstalente im Überlebenskampf

Mit gleich zehn Nachwuchsspielern beginnt der Zweitligist die Vorbereitung. Und für sie geht es gleich um viel mehr als für die Etablierten.

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Die Saisonvorbereitung bei Profiklubs ist eine Zweiklassengesellschaft: Auf der einen Seite laufen und passen die Etablierten. Die wollen und müssen fit werden, Kondition aufbauen, in den Testspielen über die Grätschen der meist unterklassigen Gegner hüpfen und aufpassen, dass sie sich nicht verletzen. In den Rhythmus kommen, heißt das dann. Das klingt nach Tanzveranstaltung.

Die zweite Klasse bilden die jungen Spieler, die Talente. Für die geht es vor dem Saisonstart um viel mehr als das Vermeiden von Blessuren. Nicht selten trainieren sie in den Wochen vor dem ersten Spiel um ihre Karrieren. Sie müssen kämpfen. Sich anbieten. Das klingt als sei man ohne Begleitung zur Tanzveranstaltung gekommen.

Bei Hertha ist das nicht anders. Der Druck scheint vor dieser Zweitligasaison sogar besonders groß. 29 Spieler umfasst der Kader von Jos Luhukay, drei davon sind entweder langzeitgesperrt (Levan Kobiashvili) oder langzeitverletzt (Pierre-Michel Lasogga und Shervin Radjabali-Fardi). Bleiben 26, wovon aber nur 18 auf den Spielberichtsbogen dürfen.

Spieleretat halbiert

Der Kampf der Talente hat längst begonnen. Abseits von Radjabali-Fardi und den beiden Torhütern Sascha Burchert und Philip Sprint wollen acht Jungs beweisen, dass sie in den Zweitliga-Kader gehören: Die Innenverteidiger Sebastian Neumann und John Anthony Brooks, die Außenverteidiger Fabian Holland und Alfredo Morales, die Mittelfeldspieler Marvin Knoll, Fanol Perdedaj und Nico Schulz sowie Angreifer Marco Djuricin.

Der Verein baut auf seine Talente. Notgedrungen. Hertha BSC ist klamm. Den Klub belasten rund 35 Millionen Euro Schulden, der Spieleretat musste nach dem Abstieg auf 13 Millionen Euro halbiert werden. Also müssen die Jungen ran.

„Das macht mich glücklich“, sagt U21-Nationaltrainer Rainer Adrion: „Mich freut es immer, wenn junge Spieler die Chance bekommen, mitzutrainieren und zu spielen.“ Doch darin liegt die Krux: Mittrainieren dürfen jetzt noch viele, aber mitspielen werden ab dem ersten Spieltag gegen Paderborn (3. August) nur wenige. Das weiß auch Adrion: „Der Übergang von der zweiten zur ersten Mannschaft ist schwierig.“ Der Verein müsse einen Plan entwickeln mit den jungen Spielern. „Und wenn die Einschätzung des Klubs so ist, dass es für ein Talent dauerhaft nicht reicht, um sich dort durchzusetzen, dann muss derjenige etwas anderes machen“, sagt Adrion.

Etwas anderes, das heißt: Sich einem anderen Verein anschließen, sich verleihen lassen oder Spielpraxis in der zweiten Mannschaft sammeln und über diesen Hintereingang den Weg zurück aufs Parkett finden. Doch dieses Hin und Her zwischen Regionalliga- und Zweitligateam „ist für den Spieler natürlich eine schwierige Situation“, sagt Adrion. „Wenn das zu lange andauert, weiß er auch nicht mehr, wo er gebraucht wird.“

Auch Luhukay, sein Trainerstab und Manager Michael Preetz müssen sich alsbald Gedanken machen, welches von den vielen Talenten sie mitnehmen – und wen sie noch abgeben. „Ich gehe davon aus, dass Luhukay intensiv mit den Jungen arbeitet und dann wird man sehen, wer seine Chance nutzen kann.“

Nur Platz für einen Nachwuchsspieler

Dabei sind diese Chancen sehr ungleich verteilt: Für Brooks und Neumann dürfte es schwierig werden in der Zweiten Liga. Vor ihnen stehen die zentralen Abwehrspieler Roman Hubnik, Maik Franz, Peter Niemeyer und Christoph Janker. Für mehr als einen Nachwuchsspieler dürfte in der ersten Mannschaft kaum Platz sein. Neumann könnte auf die linke Verteidigerposition ausweichen, doch dort wird ab der Rückrunde Levan Kobiashvili auf seine Einsätze drängen.

Außerdem spielten sich auf Links gleich zwei Talente in den Vordergrund: Schulz und Knoll. Gegen Teplice (0:1) beackerten die beiden ihre Seite, zeigten viel Engagement. Der 19-jährige Schulz, der von der U16 bis zur U19 schon 37 Jugendländerspiele bestritten hat, und der 21-jährige Knoll, der in seinem Jahr bei Dynamo Dresden nur selten überzeugen konnte, scheinen nah dran – und zwar nicht nur am Kaderplatz, sondern an der ersten Elf.

Den sichersten Platz hat derzeit wohl Alfredo Morales. Der 22-Jährige ist derzeit der einzige gelernte Rechtsverteidiger im Berliner Aufgebot.

Und Rainer Adrion hat noch einen auf dem Zettel: Fanol Perdedaj, der auch schon zwei Mal von ihm zur U21 eingeladen wurde. Für Adrion steht fest: „Der Abstieg ist eine Chance, neue Akzente zu setzen – und ich glaube, Hertha hat das mit der Kaderplanung mit vielen jungen Spielern und mit der Entscheidung für den Trainer getan.“