„Los, frag ihn mal“, schiebt die Mutter ihren kleinen Sohn vor den Kabineneingang. Selbst der nicht gerade groß gewachsene Jos Luhukay muss sich tief zu dem Kleinen herunterbeugen, um dessen zittrige Stimme zu verstehen.
„Wo ist Michel?“, fragt der Junge. Luhukay schaut ihn ratlos an. „Pierre-Michel“, schiebt die Mama hastig hinterher.
„Oh, der war vorhin noch hier“, antwortet Luhukay und setzt dann ein tröstendes Lächeln auf, als er dem Jungen die schwere Botschaft übermitteln muss: Denn jetzt sei der „Michel“ leider schon wieder weg.
Und das wird Pierre-Michel Lasogga, mit acht Toren treffsicherster Hertha-Stürmer der vergangenen Bundesliga-Saison, auf dem Platz auch in naher Zukunft bleiben. Er hat sich am letzten Spieltag gegen Hoffenheim das Kreuzband gerissen und fällt wohl die gesamte Hinrunde aus.
Zumindest konnte Luhukay dem Kleinen eine Antwort geben. Die Frage, die sich daran anschließt, blieb bislang jedoch unbeantwortet: Wer soll zum treffsichersten Stürmer der kommenden Spielzeit werden und Hertha zurück in die Bundesliga schießen?
Adrian Ramos? Zu formschwach, zu teuer, soll verkauft werden. Zugang Elias Kachunga? Mit 20 Jahren wohl noch zu jung, um die gesamte Hinrunde nur auf ihn zu setzen. Für den Österreicher Marco Djuricin gilt (19) das Gleiche.
Traum von der Millionen-Ablöse
Die Lücke könnte ein Neuer schließen: Sami Allagui (26). Mit dem Angreifer soll sich Hertha bereits einig sein, auch wenn das kein Klub-Verantwortlicher offiziell bestätigen will. Doch noch spielt der abgebende Verein Mainz 05 nicht mit. Der FSV strebt ein Tauschgeschäft an: Für Allagui soll der pfeilschnelle Nikita Rukavytsya von Berlin nach Mainz umziehen.
Dafür würde die Ablösesumme – der FSV träumt von zwei Millionen Euro – gedrückt. Doch Hertha will sich darauf nicht einlassen – weder auf die Ablösesumme noch auf ein Koppelgeschäft. „Wir haben kein Interesse, Rukavytsya abzugeben“, sagte Manager Michael Preetz gegenüber Morgenpost Online.
Auch Allaguis Berater Thorsten Weck tritt auf die Bremse. Es sei klar, dass sein Mandant, der noch ein Jahr Vertrag in Mainz hat, wechseln wolle. „Aber wohin steht noch nicht fest“, sagte er. Es gebe mehrere Optionen. Eine davon ist der Zweitligist Hertha BSC.
Der Noch-Mainzer könnte die in den ersten vier Testspielen offensichtlichste Schwachstelle von Luhukays Team beheben: das Kreieren von Torchancen. Auch am Freitag, beim 0:1 gegen den tschechischen Erstligisten FK Teplice, spielten die Berliner gut organisiert, hatten den Gegner weitgehend im Griff, doch der finale Pass kam zu häufig nicht an.
Dort, wo der Ball ins Tor bugsiert werden muss, fehlt die Durchschlagskraft. Auch Luhukay hat das erkannt, lässt den schnellen Pass auf den zentralen Angreifer trainieren. Der soll dann ablegen – und Torschuss.
Andere Optionen stehen bereit
Der flinke, wuselige Allagui könnte genau dieser zentrale Anspielpunkt sein und für mehr Gefahr im 16-Meter-Raum sorgen. Das hat er in Fürth, wo er in 66 Zweitligapartien 27 Mal traf und 14 Tore vorbereitete, und phasenweise auch in Mainz bewiesen, als er etwa im September 2010 dem FC Bayern mit der Hacke das 2:1 einschenkte.
Allaguis Treffer wurde zum Tor des Monats gewählt. Mainz stand damals nach sechs Siegen aus den ersten sechs Partien auf Platz eins der Bundesliga.
Hertha will Rukavytsya halten, um sich nicht die nächste Baustelle zu eröffnen. Zu dem offensiven Linksfuß aus Australien gibt es derzeit kaum eine Alternative. Luhukay testete zwar auch Nico Schulz auf der linken Mittelfeldposition, aber der Trainer wird wohl kaum nur mit dem 19-Jährigen in die Saison gehen wollen.
Deshalb drängt Hertha nach Informationen von Morgenpost Online auf eine schnelle Lösung mit Mainz. Der Poker um Allagui läuft schon länger. Jetzt sind es nur noch knapp drei Wochen bis zum Start der Zweiten Liga am 3. August gegen den SC Paderborn und am kommenden Freitag startet das Trainingslager im österreichischen Stegersbach.
Hertha will eine rasche Entscheidung. Auch andere Optionen als Allagui stehen bereit. Im besten Fall ist schon bei der Reise ins Burgenland klar, wer in der kommenden Saison bei Hertha „Michel“ ersetzen wird.
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