Vorbereitung

Luhukay will Hertha ein neues Selbstverständnis einimpfen

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Marcel Stein

Offensiver, aggressiver, dominanter: Der neue Berliner Coach will das Hertha-Spiel grundsätzlich ändern. Und braucht dafür viel Geduld.

Immer mehr erhob Jos Luhukay seine Stimme. Er wollte durchdringen zu den Spielern. Doch anscheinend hielt er Worte allein dafür ungeeignet. Also schnappte er sich den Ball und nutzte das Spielgerät zur optischen Präzisierung seiner Aufforderungen. Einige Male war ihm aber selbst diese Art der Veranschaulichung nicht intensiv genug, dann packte er zum Beispiel Alfredo Morales und schubste diesen fast die Laufwege entlang, die ihm vorschwebten.

Wie jemand, der langsam anfängt, an der Lernfähigkeit seiner Spieler zu zweifeln, wirkte der Trainer von Hertha BSC am Donnerstag auf dem Trainingsplatz des Fußball-Zweitligisten. Zumindest für ein paar Minuten. Denn die Übungen hat er schon oft erklärt, doch verinnerlicht haben die Spieler noch nicht, was der neue Trainer von ihnen verlangt. „Ich wusste aber vorher, dass es ein schwerer Stück Arbeit wird“, sagte der Niederländer anschließend. Sein Lachen hatte er da schon wiedergefunden.

Vier Erstligisten im Test

Ganz zufrieden mit dem Fortschritt seiner Bemühungen ist er allerdings nicht. Bereits beim Testspiel am Dienstag gegen den Oberligisten Viktoria 89 (2:0) wurde dies offenbar. „Die Mannschaft ist noch lange nicht da, wo es sein könnte“, sagte Luhukay. Das Zusammenspiel funktionierte nur mäßig, Pässe in die Spitzen fanden selten den Weg zum richtigen Adressaten. So kam Hertha kaum mal in den Strafraum. „Da brauchen wir mehr Präsenz, mehr Durchschlagskraft“, so Luhukay.

Eigentlich hätte sich die Offensive der Herthaner gegen den Fünftligisten noch einmal etwas Selbstvertrauen holen sollen, denn in den nächsten Spielen stehen den Berlinern ab Freitag mit FK Teplice (18 Uhr, Amateurstadion), Hannover 96, Norwich City und Juventus Turin vier Erstligisten gegenüber.

Schwerer stand gegen tiefstehende Gegner

Es ist ein schweres Programm, das da noch auf den Bundesliga-Absteiger wartet. Aber genau so war es von Luhukay gewünscht, seine Mannschaft soll auf große Gegenwehr stoßen, gegen Widerstände ankämpfen, mit denen sie auch in der Liga immer wieder konfrontiert sein wird. Aber auch ein Gegner wie Viktoria wird den Berlinern in der Liga häufiger begegnen, einer, der tief steht, gegen den kreative Lösungen gefunden werden müssen. Doch auch gegen solche Teams tut sich die Mannschaft noch schwer.

Mitschuld daran trägt das Erbe der Vorsaison. Im Kopf der meisten Profis sind viele der Abläufe auf dem Rasen noch im Modus des Reagierens verhaftet. Als Mitglied des Bundesliga-Kellerkommandos orientierte sich das Spiel der Hertha am Gegner, nicht an sich selbst. Dieses Verhalten begegnet Luhukay tagtäglich in jeder Trainingseinheit, in der er seine Profis gegeneinander Spiele veranstalten lässt. Er greift dann ständig ein, redet, erklärt, macht vor – und ist schon mal genervt, wenn einer wieder zuerst guckt, was die Gegenspieler machen oder sich mehr im Raum orientiert. „Manchmal muss man eine deutliche Ansprache geben“, sagt Luhukay, „das Training ist dazu da, um an den Defiziten zu arbeiten.“

Immenser Korrekturbedarf

Nach den Übungen am Vormittag hielt der Niederländer die Spieler am Donnerstag länger als üblich zusammen. Es spricht dafür, dass der Korrekturbedarf noch immens ist. „Wir sind zu passiv“, sagt Luhukay. Er will nach vorn spielen, aggressiv sein, „im besten Sinne des Wortes“. Agieren sollen seine Profis, bestimmen, was auf dem Platz geschieht. „Wir müssen sofort versuchen, den Gegner in die Verzweiflung zu treiben“, sagt er.

Bis das wirklich angekommen ist und sich als Spielphilosophie verankert hat in den Gedanken der Akteure, braucht es aber noch etwas Zeit. Bisher stellt der Trainer zu oft fest, dass „sie vergessen, Druck auf den Ball auszuüben“.

Identität gesucht

Aber nicht nur das. Der Prozess der Wandlung läuft auf vielen Ebenen, denn die Passivität beherrschte die Mannschaft zuletzt eben auch auf vielen Stufen. Zaghaftigkeit und Zaudern wurden zu Merkmalen, die sich tief eingebrannt haben. Zu viele fügten sich still in das vorgegebene Schema des Abwartens und sind kaum in der Lage, daraus auszubrechen. Darunter litt und leidet die Kommunikation der Spieler auf dem Platz.

„Mir ist das alles zu ruhig, zu lieb. Da wird zu wenig Verantwortung übernommen“, sagt Luhukay. Diese festgefahrene Struktur wieder aufzubrechen und ein neues Selbstverständnis zu etablieren, ist eine große Aufgabe für den Niederländer.

Langsames Fortkommen

Er geht sie trotz des nur langsamen Fortkommens weiter sehr engagiert an. Mit jedem Spiel, so hofft es der Trainer, werden die Profis das System besser umsetzen, die alten Mechanismen vergessen und sich dem druckvollen Angriffsspiel mehr öffnen. Die Anzahl der Tore, die sei für ihn gegen die Erstligisten nicht von Bedeutung. Den eigenen Stil, eine neue Identität zu finden, das steht im Vordergrund. Dabei kann es ruhig mal laut werden.