Am Donnerstagmorgen machte sich Raffael auf den Weg in die Heimat. Samt Familie und großem Gepäck stieg der Mittelfeldspieler in ein Flugzeug, um viele Stunden später in Fortaleza/Brasilien anzukommen. Mit nach Hause nahm er aber noch etwas, und zwar eine ordentliche Ladung Wehmut. Der 27-Jährige hat in den vergangenen vier Jahren nicht nur Berlin liebgewonnen, sondern auch sein Arbeitgeber, der so traurige Fußballklub Hertha BSC, ist ihm ans Herz gewachsen. Doch ob er wieder hierher zurückkehrt, das weiß Raffael derzeit nicht.

Einer wie er hat schließlich auch Ansprüche, technisch kann der Brasilianer glänzen, er besitzt Spielverständnis und ist torgefährlich. Das alles auf einem Niveau, das nicht viele erreichen. Deshalb möchte er in der Ersten Liga spielen. Das Problem: Hertha wird die nächste in der Zweiten Liga verbringen. Vor zwei Jahren machte Raffel den Abstieg mit. Diesmal teilte er vor seiner Heimreise mit, dass er sich schwer tue mit der Zweiten Liga.

Stützen der Mannschaft

Hertha geht es letztlich nicht anders, im Gegensatz zu Raffael aber hat der Klub keine Wahl. Nach turbulenten Wochen mit Relegation, zwei Prozessen wegen der Spielwertung und Mitgliederversammlung ist Hertha nun soweit, sich auf die neue Umgebung vorbereiten zu können. Nachdem gegenüber der Konkurrenz zwei Wochen verloren wurden, soll nun alles recht schnell gehen. „Damit wir den Großteil der Spieler dann auch auf dem Platz begrüßen können“, sagt Trainer Jos Luhukay mit Blick auf den für den 24. Juni datierten Trainingsauftakt.

Luhukay, der den FC Augsburg zur Überraschung vieler nach dem Aufstieg in die Bundesliga in dieser Saison auch dort hielt, dennoch seine Koffer packte und den Posten bei Hertha übernahm, war am Dienstag in Berlin, stellte sich gleich zweimal vor, einmal den Medien, am Abend dann den Mitgliedern des Klubs. Den Tag danach nutze er, um ausgiebig mit Manager Michael Preetz darüber zu diskutieren, wie die Mannschaft personell auszurichten ist. Vieles wurde durchgesprochen. Am Abend dann flog Luhukay wieder nach Hause, und Preetz ist dabei, die ersten gefassten Beschlüsse umzusetzen.

Wie sich der neue Trainer seine Mannschaft wünscht, hat er bereits erzählt. Auf den Charakter will er achten, auf eine „gute Mischung zwischen Erfahrung und Unerfahrenheit, zwischen älteren und jüngeren Spielern“. Dabei herauskommen soll ein Team, das dominanten und attraktiven Fußball spielt, der den Fans „wieder Freude“ bereiten soll. Das ist genau das, was Hertha sucht, was Hertha braucht. Zumal das Ziel, „den Betriebsunfall Abstieg“ wie vor zwei Jahren sofort zu korrigieren, kein Selbstläufer sein wird. Die Konkurrenz in der Zweiten Liga ist größer geworden, Preetz sagte bereits, dass die Aufgabe diesmal schwieriger sei als seinerzeit.

Daher muss die Kaderplanung gut überlegt sein. Die Stützen seiner Mannschaft hat Luhukay bereits ausgemacht. Spieler wie Peter Niemeyer, Roman Hubnik, Fabian Lustenberger, Torhüter Thomas Kraft und Pierre-Michel Lasogga (wenn er wieder gesund ist) sollen das Rückgrat bilden. Hinzu käme Levan Kobiashvili, sofern das DFB-Sportgericht ihn nicht wie beabsichtigt für sehr lange Zeit sperrt wegen einer Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter im Relegationsrückspiel. Die erste Verhandlung diesbezüglich wird wohl am Montag sein. Ansonsten gibt es noch einige offene Fragen. Die ersten Antworten, etwa mit welchen Spielern Hertha nicht mehr plant, könnten bereits in der nächsten Woche kommen.

Gehälter müssen schrumpfen

Neben den charakterlichen Aspekten, da gab es im aktuellen Kader den einen oder anderen schwierigen Fall, spielen da auch finanzielle Punkte eine Rolle. Vor zwei Jahren verzichteten viele Profis auf Teile ihres Gehalts. Herthas Spieleretat schmilzt jetzt deutlich, von 27 auf 13 Millionen Euro. Gehälter wie sie bisher flossen, etwa an Raffael (ca. 1,5 Mio. Euro), Adrian Ramos (1,2 Mio. Euro) und Patrick Ebert (1,2 Mio. Euro/Vertrag läuft aus), sind nicht mehr realisierbar. Außerdem würden Ramos und Raffael dem Verein gute Transfererlöse bringen. Lediglich bei Raffael dürfte der Klub überlegen, ob es irgendwie möglich ist, ihn zu halten. Allerdings ist der Brasilianer bei einigen Bundesligisten im Gespräch.

Das gilt auch für Christian Lell (Hoffenheim; besitzt keinen Vertrag für Liga zwei) sowie Andreas Ottl (Augsburg, Nürnberg). An Marco Djuricin zeigte sich jüngst Austria Wien interessiert. Allerdings gehört er zu den jungen Spielern, die unter Luhukay gute Aussichten auf Einsätze haben dürften. Wackelkandidaten sind unter anderen Andre Mijatovic, Tunay Torun und Änis Ben-Hatira.

Relativ spärlich sind die Spekulationen, welche Profis neu nach Berlin kommen könnten. Marcel Ndjeng (30) ins Spiel zu bringen, liegt nah. Ihn und Luhukay, der in den nächsten Tagen wieder nach Berlin zurückkehrt, verbinden drei Stationen, zuletzt drei Jahre in Augsburg. Diesen Klub wird der Mittelfeldakteur ziemlich sicher verlassen, wie es heißt, ablösefrei ist er auch. Das würde passen, zumal Hertha nur wenig Geld zur Verfügung hat. Wie der Kader beim Trainingsauftakt aussieht, ist derzeit aber kaum zu vorherzusagen. Raffael ließ immerhin wissen, er werde da sein. Dass er bleibt, bedeutet das natürlich nicht. Die Transferzeit läuft bis August.