Hertha-Versammlung

Wie Gegenbauer die Macht-Festspiele entschied

Dank eines überzeugenden Auftritts bleibt Präsident Werner Gegenbauer im Amt. Auch Preetz darf bleiben und verzichtet auf 40 Prozent Gehalt.

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Als der alte und neue Präsident die Heimfahrt antrat, dämmerte das erste Morgenlicht über Berlin. Es war kurz vor 4 Uhr, Werner Gegenbauer hatte mit der engsten Führungscrew von Hertha BSC im Anschluss an eine Marathonsitzung im ICC noch einen Abstecher zum „Kudamm 195“ gemacht, einer dieser Currywurst-Stände, die rund um die Uhr geöffnet sind.

Gegenbauer orderte einen Fleischspieß, Pommes und eine Cola Light. Seine Begleiter bestellten eine Runde Berliner Kindl und Currywurst mit Brötchen. Neben Gegenbauer waren dabei Thorsten Manske, der neue Vizepräsident, die Geschäftsführer Michael Preetz und Ingo Schiller, Hans-Peter Burkhardt, der Leiter der Fußball-Akademie, Medien-Direktor Peter Bohmbach sowie Versammlungsleiter Dr. Dirk Lentfer.

Nach schweren Monaten im Abstiegskampf, in der Relegation und einer noch laufenden juristischen Auseinandersetzung mit dem Deutschen Fußball-Bund hatte die Mitgliederversammlung ein in der Klarheit unerwartetes Resultat gebracht. Ungeachtet der massiven Kritik an Manager Preetz, der von Teilen des alten Präsidiums als Hauptschuldiger für die Misere ausgemacht worden war, setzte sich Gegenbauer mit seiner Linie deutlich durch. Der Präsident, seit 2008 im Amt, hatte die brisante Situation zusätzlich verschärft, indem er sein Amt mit dem vom umstrittenen Manager verknüpft hatte. Er werde kein „Schlachtfest zulassen.“

Manske sticht Thomas aus

Ungeachtet einiger Kritik, dieses Junktim sei nicht fair, überzeugte Gegenbauer die große Mehrheit. Mit 73,2 Prozent erhielt er einen starken Vertrauensbeweis. „Das Votum ist eine Verpflichtung, ganz ernsthaft Hertha BSC in die Spur zurückzubringen“, sagte Gegenbauer.

Damit nicht genug: Gegenbauer brachte mit Thorsten Manske einen Vertrauten als Vizepräsident durch. Dessen Gegenkandidat Jörg Thomas hatte sich verkalkuliert und flog komplett aus dem Präsidium. Mit Renate Döhmer, Michael Ottow und Norbert Sauer wurden drei weitere Stützen der vergangenen vier Jahre wiedergewählt. Von den Kritikern ist nur Ingmar Pering im obersten Aufsichtsgremium vertreten. Als einzigem Neuen gelang Marco Wurzbacher (34) als Fan-Vertreter der Sprung ins neue Präsidium.

Es war ein turbulenter Abend unter dem Funkturm. So viel Basis war noch nie: 3401 Mitglieder kamen. Die Versammlung dauerte lange wie nie. Um 19 Uhr hatte es begonnen. Um 20.30 Uhr war der Senf für die Würstchen alle. Um 2.46 Uhr wurden die letzten Ausharrenden mit der Hertha-Hymne hinauskomplimentiert: „Nur nach Hause gehen wir nicht“.

Warum die allgemeine Stimmung von ‚So geht es nicht weiter' im Lauf des Abends in ‚Lass' die mal weitermachen' drehte, war zwei Umständen geschuldet. So war Michael Preetz gut vorbereitet in der wichtigsten Rede seiner bisherigen Amtszeit. Er wusste, ein blasser, nur sich selbst verteidigender Auftritt hätte ihn seinen Job gekostet. Er ließ sich von dutzenden Störungsversuchen – Zwischenrufen, Spott, Pöbeleien – nicht aus der Fassung bringen. Mit Jos Luhukay zog er einen Joker aus dem Ärmel, der neue Trainer kam gut an bei den Mitgliedern.

Dann argumentierte Preetz gegen die Kritik. Auf den Vorwurf, er treffe einsame Entscheidungen, weil er keine sportliche Kompetenz um sich habe, sagte er: „Wir haben eine Team, zu dem gehören unsere Nachwuchstrainer Karsten Heine, Rene Tretschok, Jörg Schwanke, Andreas Thom, Pal Dardai und Ante Covic – mehr blau-weiße Kompetenz geht nicht.“ Den Vorwurf, Hertha habe ein Problem mit dem Nachwuchs, räumte er ein, ging aber mit einer neuen personellen Konzeption in die Offensive. Um die Entwicklung der Talente zu fördern, die auf dem Sprung zu den Profis sind, reagiert Hertha mit einem noch zu benennenden Cotrainer von Luhukay. Der soll sich vorrangig um die Förderung des Nachwuchses kümmern.

Damit war der „Opposition“ ein weiteres Argument entwunden, auf das sie im Vorfeld gesetzt hatte. Überhaupt lieferten jene Aspiranten, die im Vorfeld als Scharfmacher aufgefallen waren, ein zumeist klägliches Bild ab. Argumente und ein Plan – Fehlanzeige. Lutz Kirchhoff fiel nicht bei der Abstimmung durch. Gegen den Vorsitzenden der Amateurabteilung wurden schwere Vorwürfe erhoben, er hätte ein Hertha-Talent beim SV Babelsberg anboten. Mit der Angelegenheit werden sich die Gremien noch befassen.

Der böse Vorwurf vom Wahlbetrug

Michael Sziedat, Hertha-Profi von 1971 bis 1980, legte einen wenig überzeugenden Auftritt hin. Und hatte am Ende seiner Vorstellung keine Lust mehr, Fragen der Mitglieder zu seiner Kandidatur zu beantworten. Lediglich Pering war in der Lage, seine kritische Haltung ordentlich zu formulieren, dafür wurde er ins Präsidium gewählt. Die Mitglieder würdigten mit ihrem Wahlverhalten die selbstkritischen Auftritte von Gegenbauer und Preetz.

Im Nachhinein kam von der Verlierer-Seite ein böser Vorwurf: Wahlbetrug. Um den zu belegen, braucht es gute Argumente. Hertha hatte nicht nur mit Dirk Lentfer einen Notar, der die Versammlung leitete. Ein weiterer Notar, Dr. Mauer, beaufsichtigte die Wahlauszählung. Die wurde von einem Team vorgenommen, das unabhängig von Hertha war. Dazu waren Wahlbeobachter abgestellt, die den Gang der Wahlurnen im Saal beobachteten.

Wie kurios so ein Abend ist, zeigte der letzte Joker, den Preetz parat hatte. Im Vorfeld war von einem 15-Millionen-Euro-Investor die Rede gewesen. Eine Summe, die Hertha sehr gut brauchen könnte. Stattdessen bejubelten die Mitglieder das neue Trikot: 70er-Jahre-Look, blau-weiß gestreift, mit „Fahne pur“ – die Erfüllung vieler Fan-Wünsche. Über den 15-Millionen-Investor wurde am Montag mit keiner Silbe geredet. Das Jersey, für das die Anhänger 74,95 Euro zahlen müssen, wurde als Höhepunkt des Abends stürmisch gefeiert.

All' das ändert nichts daran, dass Hertha in der Zweitliga-Saison 2012/13 den Gürtel rigoros enger schnallen muss. Die Geschäftsführer werden vorangehen. Michael Preetz und Finanzchef Ingo Schiller werden auf 40 Prozent ihres Gehaltes verzichten.