Hauptversammlung

Hertha BSC wendet die Führungskrise ab

Werner Gegenbauer ist mit großer Mehrheit als Hertha-Präsident wiedergewählt worden. Buhrufe und Pfiffe gab es für Manager Preetz.

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Die Uhr zeigte bereits 23:33 Uhr, als die erste Entscheidung unterm Funkturm fiel. Werner Gegenbauer wurde mit überwältigender Mehrheit als Präsident von Hertha BSC im Amt bestätigt: 73,2 Prozent der 2775 abgegebenen Stimmen entfielen auf den Unternehmer. Nach dem sportlich schwachen Abschneiden samt Abstieg sowie den Turbulenzen der vergangenen Wochen im Verein fiel das Ergebnis weit besser aus, als erwartet. Bernd Schiphorst, der Vorsitzende des Aufsichtsrates, war der erste Gratulant. Gegenbauer stand die Erleichterung über den Ausgang der Wahl ins Gesicht geschrieben: „Ich nehme die Wahl sehr gerne an und bedanke mich für das tolle Votum.“

Es war eine Grundsatzwahl über die 3401 Mitglieder im ICC zu entscheiden hatten. Die Stimmung im ICC war aufgeheizt, der zweite Bundesliga-Abstieg binnen drei Jahren hat dem Selbstverständnis der Herthaner zugesetzt. Amtsinhaber Gegenbauer warb für Kontinuität vor allem auf der Position des heftig kritisierten Managers Michael Preetz. Demgegenüber stand eine „Opposition“ um Jörg Thomas und Ingmar Pering, die die sportliche Misere vor allem an Manager Preetz festmacht und ihn deshalb entlassen will. Aufsichtsratschef Schiphorst kritisierte die „Opposition“: „Wir waren alle bestürzt über manche Äußerungen im Vorfeld. Hertha bietet ein Bild großer Zerrissenheit. Den Schaden nimmt der Verein. Ob Spieler, Fans oder Sponsoren sind verunsichert. Das kann uns viel Geld kosten.“ Schiphorst sagte, die Situation sei eine schwierige und forderte die Mitglieder auf: „Hertha ist keine Mickey-Maus-Veranstaltung, bitten seien Sie sich der Verantwortung bewusst.“

Für eine zwischenzeitliche Lockerung der Stimmung sorgte Jos Luhukay. Der neue Cheftrainer wurde den Mitgliedern präsentiert: „Ich möchte Fußball spielen lassen, der den Fans Freude macht.“ Sein Bekenntnis, dass er auf Talente aus dem Hertha-Nachwuchs setze, wurde ebenfalls lautstark beklatscht.

Es war 20.35 Uhr, als Michael Preetz ans Rednerpult trat. Begleitet von Pfiffen und Buhrufen, dauerte es einige Minuten, bis der viel kritisierte Manager einen Faden fand. Preetz sagte: „Der Erfolg der Hinrunde hat, so ehrlich wollen wir sein, auch hat mit der guten Arbeit von Markus Babbel und Rainer Widmeyer zu tun. Warum es mit ihm letzten Endes nicht ging, das hat mit meinen Maßstäben zu tun: Ich möchte einen Trainer, der sich mit seinem Verein identifiziert und mit der Stadt, in der er lebt. Das hat mir gefehlt.“ In seiner Analyse der desolaten Rückrunde sagte er: „Wir sind abgestiegen, weil wir auf dem Platz zu viele Fehler gemacht haben. Wir haben zu viele Eigentore fabriziert. Wir haben diesen Abstieg als Mannschaft zu verantworten. Dazu sind wir in zu vielen Spielen nicht als Mannschaft aufgetreten.“ Otto Rehhagel nahm der Manager ausdrücklich aus von seiner Kritik: „Er ist ein Vorbild für klare Werte, für Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.“

Preetz präsentierte ein Konzeption für die kommende Saison. Mit Jos Luhukay sei die Schlüsselpersonalie auf dem Trainer-Sessel besetzt. Er skizzierte die Leistungsträger, auf die Hertha das Unternehmen Aufstieg angehen will: Thomas Kraft, Peter Niemeyer, Levan Kobiashvili, Roman Hubnik und Fabian Lustenberger. „Dazu setzten wir auf unsere Talente wie Alfredo Morales, Sebastian Neumann, Fanol Perdedaj oder Marco Djuricin.“

Die Hektik der Anfangsminuten wich, das Auditorium ließ sich auf die Argumente des Managers ein. Einen Coup landete Preetz gegen Ende der Rede. Da präsentierte er das Trikot der kommenden Saison. Dort waren alle Fan-Wünsche gebündelt: Im klassischen blau-weiß Längsstreifen. Dazu, ein Wunsch, der seit Jahren aus der Anhängerschaft kommt: Kein Wappen mit Rand, sondern die Hertha-Fahne pur. Der Applaus war groß.

Bei der Aussprache gab es Kritik am Manager, aber auch an Präsident Gegenbauer. Der parierte die Aufforderung Stellung zu nehmen, ob Markus Babbel wegen Sex-Gerüchten im dienstlichen Umfeld mit der Antwort: „Dazu werde ich nichts sagen.“

Gegenbauer hat sein erstes Ziel, eine Mehrheit im ersten Wahlgang, sicher erreicht. Ob er aber sein grundsätzliches Vorhaben durchsetzen konnte, ein Präsidum zu erreichen, das in seiner Gesamtheit für Kontinuität steht, war zunächst noch offen. Im ICC liefen die Wahlen bis weit nach Mitternacht.

Schwierigen Zeiten geht Hertha in Sachen Finanzen entgegen. In der Zweiten Liga plant der Klub mit einer Schere von 13 Millionen Euro zwischen Einnahmen und Ausgaben. Finanzgeschäft Ingo Schiller stellte dar, dass der Klub mit Einnahmen von 30,5 Millionen plant. Im Unterhaus halbieren sich die TV-Einnahmen auf künftig 7,1 Millionen Euro. Dem gegenüber stehen Ausgaben von 43,8 Millionen Euro. Für das kickende Personal sind 13 Millionen vorgesehen. Zu dem Ungleichgewicht sagte Schiller: „Wir sind aufgestellt für die Saison. Es ist alles durchfinanziert, ohne Transfers. Das bedeutet, dass wir nicht auf Transfers angewiesen sind. Aber sie sind willkommen.“

Das sind problematische Zahlen, da den Verein zudem Verbindlichkeiten von 34,7 Millionen drücken. Schiller versprach aber, dass Herthas Lizenz auch dann für die übernächste Saison sicher sei, falls Hertha 2012/13 nicht in die Bundesliga aufsteigen sollte.