Fan-Rivalität

Bei Hertha gegen Schalke geht es um mehr als Fußball

Den FC Schalke 04 mögen die Hertha-Fans noch weniger als Union Berlin. Grund ist ein Pokalspiel vor 40 Jahren.

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Selbst nach vier Jahrzehnten kommt Manfred Sangel der Name kaum über die Lippen. „Dieser Club aus Gelsenkirchen“ lautet eines seiner Synonyme. Oder besser noch: „FC Meineid“. Dann entwischt es ihm doch: „Unsere Abneigung gegenüber Schalke 04 ist vielleicht albern, aber Rivalität gehört zum Fußball dazu“, sagt der Macher der Radiosendung „Hertha-Echo“, der über 500 Hertha-Spiele miterlebt hat.

Fanfeindschaften gehören im Fußball zum guten Ton. Für Viele sind sie ein wichtiger Teil der Identifikation mit dem eigenen Verein. Mal geht es um Religion (Celtic Glasgow vs. Rangers), mal um die soziale Klasse (Boca Juniors vs. River Plate) oder um die politische Gesinnung (St. Pauli vs. Rostock). In der Regel reicht das Nebeneinander auf der Landkarte, damit Fans sich nicht mögen.

Nun liegen Berlin und Gelsenkirchen mehr als 500 Kilometer voneinander entfernt, keine Stadt ist besonders wohlhabend oder religiös und beide Bürgermeister sind Sozialdemokraten.

Um Sangel zu verstehen, lohnt ein Blick in die Geschichte. Ende der 60er Jahre holte Hertha-Präsident Wolfgang Holst den Ungarn Zoltan Varga nach Berlin. Der aus seiner Heimat Geflohene machte nicht nur mit Toren, sondern auch im Bundesligaskandal auf sich aufmerksam. Beim Saisonfinale 1971 forderte der Mittelstürmer von bestechungswilligen Bielefeldern neben den gebotenen 250.000 D-Mark für die Mannschaft eine Extraprämie von 15.000. Über sein Vergehen sagte Varga später: „Das war unvermeidbar. Man konnte damals nicht raus.“

Die Quittung bekam Hertha in der Folgesaison beim Erstrunden-Pokalspiel gegen Schalke 04. Wie vom „Tagesspiegel“ berichtet, war Varga vom Deutschen Fußball-Bund mit einer Vorsperre belegt worden, hatte seine Spielberechtigung aber vor dem Berliner Landgericht erwirken können. An einem verregneten Dezembertag kamen die Berliner im Olympiastadion trotz eines 1:3 im Hinspiel weiter. 3:0 siegte das Team von Trainer Helmut Kronsbein, Varga machte ein starkes Spiel. Doch nach Abpfiff reichten die Schalker Protest ein. Fünf Wochen später wertete der DFB die Partie am grünen Tisch mit 2:0 für die Königsblauen.

Erst später flog auf, dass sieben Schalker, die in Berlin auf dem Feld standen, ebenfalls Bestechungsgelder von der Arminia eingesackt hatten. Um nicht gesperrt zu werden, schworen sie sogar unter Meineid ihre Unschuld, darunter Spieler wie Klaus Fischer, Stan Libuda und Rolf Rüssmann. Die Hertha-Fans waren bedient. „Dass sie in dieser Saison trotz Betrugs noch den Pokal geholt haben, haben wir ihnen nicht verziehen“, sagt Sangel, der damals im Stadion dabei war.

Eine einseitige Feindschaft

In Gelsenkirchen können sie über die Geschichte von damals nur schmunzeln. Dass man der ausgemachte Berliner Todfeind ist, interessiert nur die wenigsten. „Manche unserer Fans kokettieren höchstens damit, dass sie Hertha-Feinde sind“. sagt Schalkes Fanbeauftragter Patrick Arnold. Die Anhänger schöpfen ihr Hasspotential lieber in einem Umkreis von 30 Kilometern aus. Hertha ist nur eine Randnotiz.

Ganz so einseitig war die Abneigung nicht immer. Wenn Hertha-Fans in den 80er Jahren zu unterklassigen Spielen gegen namhafte Vereine wie die Spielvereinigung Erkenschwick ins Ruhrgebiet fuhren, suchten die Schalker den Kontakt. Vor allem die Mitglieder der „Gelsen-Szene“ und der „Hertha-Frösche“ verpassten sich regelmäßig blutige Nasen. Mit dem Rückgang der Hooligan-Szene und Herthas Aufstieg in den 90er Jahren ebbte auch die Gewalt ab, die Schalker verloren das Interesse.

In Berlin haben sie nicht vergessen, auch wenn sich das Ressentiment aufs Verbale reduziert. „Wir sind die Blauen, wir sind die Weißen, wir sind diejenigen, die auf die Schalker scheißen!“, reimt sich eine Passage aus dem Liedgut der Hertha-Kurve. Auf der Homepage der Ultra-Gruppierung "Harlekins" finden sich Informationen zu allen Saisonspielen der Hertha, jeder Gegner ist dort korrekt mit seinem Vereinsnamen aufgeführt. Nur statt Schalke 04 heißt es schlicht "Gelsenkirchen". Es gibt Schlimmeres. „Der Hass bei den Fans ist da, aber der Hass sitzt nicht bei jedem richtig tief und dadurch ist es nicht so extrem“, sagt ein Fan, der sich in der Szene auskennt.

Am Sonnabend wird das Sportliche die Vergangenheit wohl in den Hintergrund drängen. „Mir würde es auch schlecht gehen, wenn wir in Freiburg absteigen“, sagt Sangel, der trotzdem möchte, dass die Geschichte vom verschobenen Pokalspiel in Erinnerung bleibt. Von Generation zu Generation wird die Anekdote im blau-weißen Fan-Kosmos weitergegeben. Den Protagonisten von damals gibt es nicht mehr. Zoltan Varga verstarb 2010 während eines Senioren-Spiels in Budapest. Auch Herthas Rivalität mit Schalke könnte bald zumindest für eine Saison ruhen. Vielleicht tut es der Beziehung gut. Gegen einen Feind gibt es kein besseres Gegenmittel als einen zweiten Feind, so hat es Friedrich Nietzsche einmal formuliert. In Liga Zwei wartet der 1. FC Union Berlin.

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