Morgenpost Online: Herr Ritthaler, was ist aus psychologischer Sicht im knallharten Abstiegskampf besonders wichtig?

Thomas Ritthaler: Das Vertrauen in das eigene Leistungsvermögen. Und Motivation, wobei man den Begriff etwas genauer betrachten müsste…

Morgenpost Online: Bitte!

Thomas Ritthaler: Motivation setzt sich aus drei wesentlichen Komponenten zusammen: Motiv, Anreiz und Erwartung. Bei Profisportlern gehe ich erst mal davon aus, dass ihr Leistungsmotiv hoch ausgeprägt ist. Der Faktor sollte also gegeben sein. Beim Anreiz wird es schon spannend. Da müssen wir fragen: Was bringt der Klassenerhalt eigentlich dem einzelnen Spieler? Stimmen die Ziele der Einzelnen mit denen der Mannschaft überein? Da geht es nicht nur um materielle Dinge. Einem Sportler kann auch einfach so wichtiger sein, Bundesliga statt Zweite Liga zu spielen. Und trotzdem kann eine Situation entstehen, in der für einzelne Profis der Anreiz nicht da ist.

Morgenpost Online: Und der dritte Punkt, die Erwartung?

Thomas Ritthaler: Erwartung bedeutet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass mein Handeln erfolgreich sein kann. Das ist im Abstiegskampf der wichtigste Punkt. Hertha steht zwei Punkte vom Relegationsplatz entfernt. Da sind noch gute Chancen vorhanden. Wenn ich aber kaum noch Möglichkeiten sehe, mein Ziel zu erreichen, beeinflusst das die Motivation negativ.

Morgenpost Online: Wie verhalten sich diese Faktoren?

Thomas Ritthaler: Sie müssen multiplizieren, also Motiv mal Anreiz mal Erwartung. Was mathematisch ausgedrückt auch bedeutet: Geht ein Wert komplett auf null, geht auch das Ergebnis auf null.

Morgenpost Online: Das Gegenteil von Motivation dürfte Angst sein. Wie lässt sich Angst vermeiden?

Thomas Ritthaler: Angst ist ein wesentlicher Punkt, aber nicht der Gegenspieler von Motivation. Sie ist vielmehr im Zusammenhang mit dem Leistungsmotiv zu sehen. Das hat zwei Ausprägungen: Hoffen auf Erfolg. Und auf der anderen Seite: Furcht vor Misserfolg. Man kann Menschen zwar nicht in Schubladen packen, aber wir neigen doch dazu, uns hier einzusortieren. Wir versuchen, Leistung zu bringen, um etwas zu erreichen – oder eben, um etwas vermeiden zu wollen, je nach Typ. Wenn ich also im Abstiegskampf Profis habe, die überzeugt sind, den Klassenerhalt zu schaffen, ist das wesentlich günstiger, als wenn Spieler mit Furcht vor Misserfolg den Abstieg vermeiden wollen.

Morgenpost Online: Hertha ist in ein Kurztrainingslager gefahren, zwei Spieltage vor Schluss. Konkurrent Köln war bereits vor einer Woche weg, hatte sogar einen Psychologen dabei…

Thomas Ritthaler: …der dürfte einen undankbaren Job gehabt haben, wenn ich das so sagen darf.

Morgenpost Online: Die Frage ist ja: Was muss bei einer verunsicherten Mannschaft wie Hertha jetzt passieren?

Thomas Ritthaler: Wenn die Mannschaft wirklich verunsichert ist, ist die Idee, etwas anderes zu tun, sicher richtig. Wenn der Erfolg ausbleibt, neigen Menschen sehr oft dazu, immer mehr zu machen. Mehr vom Falschen, könnte man sagen. Wir wollen Probleme mit den Möglichkeiten lösen, die wir schon kennen. Wenn dann der Erfolg ausbleibt, führe ich das nicht auf meine Maßnahmen, sondern auf meine zu geringen Anstrengungen zurück. Erst später kommt der Gedanke: Wir könnten es auch mal anders probieren.

Morgenpost Online: Sie plädieren also dafür, nicht einfach weiter mit dem Ball zu trainieren, sondern vielleicht lieber den berühmten Hochseilgarten zu besuchen?

Thomas Ritthaler: Es muss kein Hochseilgarten sein. Der kann ja auch im Kopf stattfinden. Sehen Sie: Ein Ortswechsel ist oft hilfreich. Wenn ich aber die gleichen Dinge mache wie in Berlin, kann der Effekt verpuffen.

Morgenpost Online: Immer mal etwas Neues, daraus könnte man auch lesen, dass häufige Trainerwechsel – wie bei Hertha praktiziert – durchaus hilfreich sein können.

Thomas Ritthaler: Diese Frage wird oft zu kurz gedacht. Wenn neue Trainer einfach so weiter machen wie der Vorgänger, hat die Änderung auf der falschen Ebene stattgefunden.

Morgenpost Online: Sowohl Köln als auch Berlin hatten in dieser Saison unter einem unruhigen Umfeld zu leiden, Köln tauschte fast alle Positionen aus, Hertha hatte fünf Trainer.

Thomas Ritthaler: Gehen wir zurück auf den Begriff Angst, oder im Fußball besser: Furcht. Den Begriff finde ich im Sport angemessener. So viele verschiedene Führungen im Klub zu haben, zeugt nicht von Kontinuität. Es ist natürlich für das gesamte System nicht förderlich, wenn in kurzen Abständen Änderungen in der Führung passieren. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich plädiere ja für Änderungen, aber eben nicht zwanghaft in Person des Trainers. Sondern eher inhaltlich, meine Aktionen über längeren Zeitraum nicht zum Erfolg führen.

Morgenpost Online: Bei Hertha steht Ralf Rangnick als neuer Trainer im Gespräch, der vor einem dreiviertel Jahr wegen Burn-Out auf Schalke zurücktrat. Wie gefährlich ist das eigentlich, vor allem für ihn?

Thomas Ritthaler: Über Herrn Rangnick direkt möchte ich nichts sagen, aber ich kann die Frage theoretisch beantworten. Für ein Burn-Out gibt es drei förderliche Bedingungen: Höchste Anforderungen, fehlende Unterstützung im weitesten Sinne und Verantwortung für Dinge, die sich meiner Kontrolle entziehen. Davon trifft einiges zu.

Morgenpost Online: Zumindest dem dritten Punkt scheint Rangnick vorbeugen zu wollen, indem er auch den Managerposten beansprucht haben soll. Was vom Arbeitsaufwand zunächst widersinnig erscheint.

Thomas Ritthaler: Ohne Herthas Interna zu kennen, macht das für mich durchaus Sinn. Er könnte Dinge mit sich selber ausmachen und hätte vielleicht eine Front weniger, gegen die er kämpfen muss. Aber am Ende geht er durchaus ein Risiko ein, das ist klar.