Abstiegskampf

Jürgen Röber und Maik Franz über Herthas bedrohliche Lage

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Uwe Bremer

Foto: Glanze

Morgenpost Online diskutierte mit dem verletzten Manndecker Maik Franz (30) und Ex-Trainer Jürgen Röber (58) über den Tabellenvorletzten.

Morgenpost Online: Hertha verliert daheim gegen Kaiserslautern, Rivale Köln punktet gegen Stuttgart. Ist das schlimmste Szenario eingetreten, Herr Röber?

Jürgen Röber: Alle hatten gehofft, dass gegen den Letzten die Wende geschafft wird. Die Ursachen liegen für mich schon etwas länger zurück, die sind seit dem Rückrunden-Start zu sehen. Die Mannschaft hat über Wochen zu wenig Punkte geholt. Manager Michael Preetz hat es richtig gesagt: So darf man sich in so einem Spiel nicht präsentieren.

Morgenpost Online: Maik, das Team wirkte wie gelähmt.

Maik Franz: Ich habe nicht gespielt und will nicht schlau daherreden. Aber ich war auch geschockt. Jeder unserer Spieler wusste, worum es geht. Aber alle waren gehemmt. Mir hat der Wille gefehlt, unbedingt gewinnen zu wollen. Dass wir dann 0:2 in Rückstand geraten gegen ein Team, das zuvor 21 Spiele lang nicht gewonnen hat, da fehlen einem die Worte.

Morgenpost Online: Michael Preetz hat vor dem Spiel gesagt ‚Die Mannschaft lebt, sie ist intakt'.

Jürgen Röber: Was soll der Manager vor dem Anpfiff sagen? Er ist die ganze Woche mit der Mannschaft zusammen, spricht mit den Spielern. Was für mich unverständlich ist: Auswärts hat Hertha zumeist ordentlich gespielt. Aber daheim? Es geht um den Job, es geht um den Verein. Hertha hat von 15 Heimspielen nur drei gewonnen, dass die Zuschauer immer noch so zahlreich kommen und so viel Begeisterung bringen und immer noch hoffen, sorry, da sind für mich die Spieler in der Pflicht.

Morgenpost Online: Von außen hat man den Eindruck, es fehlt der Mannschaft an Charakter.

Maik Franz: Ich glaube weiter daran, dass wir die Klasse halten. Dass in der Rückrunde nicht alles optimal gelaufen ist, hat jeder mitbekommen. Nichtsdestotrotz finde ich, dass der Charakter der Mannschaft in Ordnung ist. Morgen geht's ins Trainingslager, um die letzten Kräfte zu mobilisieren und noch enger zusammenzurücken.

Morgenpost Online: Otto Rehhagel hat nach der Partie gesagt, er unterstelle niemandem, dass er nicht wollte. Tut er nicht genau das indirekt mit einer solchen Aussage?

Jürgen Röber: Als Trainer versucht man sich so lange wie möglich vor die Mannschaft zu stellen. Wer weiß, vielleicht reicht Hertha ein Sieg, Köln spielt in Freiburg und gegen Bayern. Otto Rehhagel sieht beim Blick auf die Tabelle, was noch möglich ist.

Morgenpost Online: Es gab Kritik von Bundestrainer Joachim Löw. Er hat gesagt: ‚Du musst einen Trainer holen, der für die Vereinsphilosophie steht. Berlin holt sich drei, vier Trainer mit drei, vier verschiedenen Philosophien. Da kann man sich ausrechnen, dass das nicht auf fruchtbaren Boden fällt.'

Jürgen Röber: Im Nachhinein kann man solche Argumente bringen. Aber grundsätzlich ist Hertha davon ausgegangen, als man Markus Babbel verpflichtet hat, langfristig mit ihm zu arbeiten. Als Bundestrainer ist man im Verein nicht eingebunden, er weiß nicht genau, was intern abläuft. Klar, als Trainer sage ich, dass es nicht gut ist, wenn die Trainer relativ schnell gefeuert werden, da hat der Bundestrainer recht. Aber bei Hertha hat sich die Situation entwickelt. Meiner Meinung nach haben alle verloren: die Trainer und der Verein.

Morgenpost Online: Hätte Hertha die Saison mit Babbel zu Ende spielen müssen?

Jürgen Röber: Ich war nicht im Büro dabei, ich weiß nicht, was abgelaufen ist. Jedenfalls hat sich Hertha getrennt und mit Michael Skibbe jemanden geholt, der Feuer reinbringen sollte. Das hat auch nicht geklappt, die Situation wurde immer prekärer. Dann hat man sich erneut getrennt. Ich glaube, dass keiner der Beteiligten so eine Saison noch mal erleben möchte.

Morgenpost Online: Babbel hat kürzlich gesagt, mit ihm hätte Hertha sicher die Klasse gehalten.

Maik Franz: Herr Babbel ist ein guter Trainer. Aber wir haben auch in den letzten fünf, sechs Spielen unter ihm kaum noch gepunktet. Ich habe es immer so gehalten, im Nachhinein aus der Ferne nicht negativ über einen alten Verein zu sprechen. Mir gefällt das nicht . . .

Jürgen Röber: . . . mir ist das zuviel Alibi. Grundsätzlich verantwortlich sind die Spieler auf dem Platz. Was die abliefern, war am Ende unter Markus Babbel zu wenig, unter Michael Skibbe zu wenig und ist jetzt unter Otto Rehhagel auch zu wenig.

Morgenpost Online: Welche Fehler hat sich der Baumeister der Mannschaft, Michael Preetz, vorzuwerfen?

Jürgen Röber: Wenn du in so einer Situation bist, für die der Manager mitverantwortlich ist, hat er auch Fehler gemacht. Der Aufstieg aus der Zweiten Liga war mit dem Etat und dem Potenzial zwingend notwendig.

Morgenpost Online: Der Tagesspiegel vergleicht Michael Preetz mit Rolf Eden: „ein vergessenes Gesicht, über das die Moderne hinweg gezogen ist“. Muss Preetz nach der Saison gehen?

Jürgen Röber: Ich denke, dass Präsident Gegenbauer und Michael Preetz gut zusammenarbeiten. Ich kenne ihn als Spieler, ich weiß wie ehrgeizig Michael ist. Er hat lange gewartet hinter Dieter Hoeneß, er hängt an Hertha. Aber unterm Strich, falls Hertha runtergehen muss: Es wäre keine gute Reputation, in drei Jahren zweimal abzusteigen.

Morgenpost Online: Maik, falls es nicht mit dem Klassenerhalt klappen sollte, stehen Sie zur Verfügung für einen Neuaufbau in der Zweiten Liga?

Maik Franz: Ich würde gerne bleiben. Ich finde, dass Hertha ein gut organisierter Verein ist. Ich brauche nach meinem Kreuzbandriss noch sechs, acht Wochen, bis ich ins Training einsteigen kann. Aber mir wäre es lieber, wenn Hertha kommende Saison Bundesligist ist.

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