Bundesliga

Hertha BSC gruselt sich im Tabellenkeller

Herthas Trainer Rehhagel gibt sich kämpferisch, die Zeit für Veränderung wird jedoch immer knapper. Vier Chancen hat die Mannschaft noch.

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0:6 gegen die Bayern, 1:4 gegen Wolfsburg, nun 1:2 gegen Freiburg – nach drei Heimpleiten in Folge gehört der Gang nach dem Abpfiff durch die Medien-Schar zu den lästigen Übeln des Profi-Daseins.

Fußballer versuchen in der Regel, ihn so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Christian Lell hielt es anders.

Statt nach ein, zwei hastigen Antworten abzutauchen, richtete der Verteidiger das Wort an die Journalisten, ein unüblicher Vorgang: „Männer, eines ist mir wichtig: keine Schuldzuweisungen jetzt an einzelne oder an irgendwelche Mannschaftsteile. Wir kommen da unten nur als Team raus.“

Es war einer der wenigen Lichtblicke eines trostlosen Abends: Trotz der 15. Saisonniederlage und Abstiegsrang 17 gibt es noch einen Zusammenhalt bei Hertha. Eine Qualität, die mit Blick auf die noch desolateren Vorstellungen von Abstiegskonkurrent Köln im Saisonendspurt wichtig werden kann.

Manager Michael Preetz beschrieb seine Gefühle nach dem 1:2 als „kämpferisch. Die Mannschaft lebt“.

Rehagel: "Wir haben Glück gehabt"

Hertha redet sich Mut zu. Obwohl es am 30. Spieltag im Tabellenkeller gruselig zuging. Die Berliner verloren ebenso sang- und klanglos wie Köln (0:4 in Mainz), Augsburg unterlag Stuttgart 1:3.

Und so paradox wie das Leben manchmal ist: Trotz der desillusionierenden Vorstellung gegen biedere Gäste sagte Trainer Otto Rehhagel: „Wir haben den Jungs gesagt, dass wir noch weiter im Rennen sind. Wir haben Glück gehabt mit den anderen Ergebnissen. Es sind noch alle Möglichkeiten drin.“

Der am meisten benutzte Hertha-Spruch („An unserer Lage hat sich nichts geändert“) ist richtig und falsch zugleich. Zwar liegt Hertha nach wie vor auf Rang 17, nach wie vor zwei Punkte hinter Köln (Tabellen-16./29 Punkte) und drei Zähler hinter Augsburg (15./30).

Aber nach der neunten Heimniederlage haben die Berliner nur vier Chancen bis Saisonende, um den Rückstand wettzumachen. Rehhagel: „Rein rechnerisch ist alles möglich.“

Nur, woher soll die Zuversicht kommen? Auch wenn die Hertha-Verantwortlichen stets darauf verweisen, als Aufsteiger sei es normal, dass man bis in die Endphase um den Klassenerhalt kämpfen müsse, manche Details verraten, dass die Verhältnisse in Berlin anders sind als anderswo.

22 Punkte - ohne Stars

So stromerte am Mittwoch Christian Streich über das Trainingsgelände. Statt daheim im Schwarzwald ließ der Trainer des SC Freiburg seine Elf auf dem Hertha-Gelände auslaufen.

Er schaute sich die Hertha-Geschäftsstelle an, schritt den Seitenflügel ab, las jedes Schild, das auf Herthas Nachwuchsakademie, den Medienraum und die Kabine verwies. „Mann, ist das riesig hier“, staunte Streich.

Der vergleichsweise kleine Klub aus dem Breisgau hat mit dem erst im Winter zum Chef beförderten Überraschungstrainer in der Rückrunde 22 Punkte geholt. Ohne Stars – Torjäger Demba Cisse war im Januar für zwölf Millionen Euro Ablöse zu Newcastle United gewechselt – aber mit einer kompakten Mannschaft, in der jeder bereit ist, den Kollegen zu unterstützen.

Mit 35 Punkten dürfte der SC den Klassenerhalt sicher haben. Auch wenn Streich ungehalten reagierte auf die Frage, ob nun der Champagner geöffnet werde: „Was soll das? Wir haben in Berlin gewonnen. Samstag ist das nächste Spiel, das wollen wir auch wieder gewinnen.“

Nur Kaiserslautern ist noch schlechter

Hertha mit dem stattlichen Trainingsgelände, der Unterstützung von im Schnitt 53690 Fans und einer fast doppelt so teuren Mannschaft hat in der Rückrunde magere sieben Punkte geholt. Es hat nichts geholfen, dass mit Otto Rehhagel der erfahrenste Bundesliga-Trainer (820 Spiele) dem am wenigsten Erfahrenen gegenüberstand.

Trotz einer offensivschwachen Vorstellung boten sich Hertha nach dem Anschlusstor von Roman Hubnik (81.) noch zwei hochkarätige Möglichkeiten. Doch Pierre-Michel Lasogga (83.) und Adrian Ramos (90.) vergaben. Rehhagel sagte fatalistisch: „Unsere Chancenquote ist groß, aber die Ausnutzung ist klein.“

Die Wahrheit dahinter lautet: Hertha steht im Moment zu Recht auf einem Abstiegsplatz. Von 30 Spielen haben die Berliner gerade sechs gewonnen, nur Schlusslicht Kaiserslautern ist noch schlechter (drei Erfolge).

Hertha fehlt das Sieger-Gen. Weder gegen Lautern (ein Remis), noch gegen Augsburg, Hamburg und Freiburg (jeweils ein Remis und eine Niederlage) – gegen keiner dieser Gegner im Kampf um den Klassenerhalt gelang ein Sieg.

Wie schon am Ostersonnabend in Gladbach (0:0) wirkte das Berliner Spiel auch gegen Freiburg im Vorwärtsgang zufällig, es war keine Spielidee zu erkennen.

Englische Woche gibt den Rhythmus vor

Weil Hertha aber nicht die einzige Mannschaft ist, die sich im Keller gruselt, betont Rehhagel die nach wie vor vorhandene Chance auf den Klassenerhalt. „Die Spieler müssen jetzt die Köpfe frei bekommen. Dann bereiten wir uns auf Leverkusen vor.“

Die englische Woche gibt den Rhythmus vor – es bleibt gar keine Zeit, um sich mit Rückschlägen aufzuhalten. Hertha wird dort nach dem Verletzungsausfall von Hubnik bei Bayer mit einer neuen Innenverteidigung auflaufen.

Andere Schauplätze werden nicht beachtet. So meldete sich, wie stets bei Hertha-Krisen, aus Spandau das Mitglied Heinz Troschitz zu Wort. Der forderte Präsidium und Aufsichtsrat auf, umgehend eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen.

Die soll binnen 14 Tagen stattfinden – also noch vor Saisonende. Begründung: „Unsere Hertha benötigt ganz dringend Klarheit über die sportliche und finanzielle Zukunft.“

Das Präsidium hat andere Pläne. Die reguläre Mitgliederversammlung wird mutmaßlich am Dienstag, dem 29. Mai, stattfinden. Dann, wenn alle Spiele ausgetragen sind, inklusive einer möglichen Relegation.

Wenn jeder weiß, wo die Hertha-Reise in der Saison 2012/13 hingeht.

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